So will die Uni Bremen den Lokaljournalismus retten

Die Idee der Universität Bremen: eine Anwendung nach dem Vorbild der Dating-App Tinder. Professor Andreas Hepp erklärt, warum die Uni dafür der richtige Ort ist.

Eine Frau bedient ein Smartphone.
Die neue Nachrichten-App soll vor allem Menschen zwischen 16 und 36 ansprechen – und besonders auf diese Zielgruppe zugeschnitten sein. Bild: DPA | Alexander Heinl

Andreas Hepp ist Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Universität Bremen. Gemeinsam mit anderen Bremer Kollegen und einer Forscherin am Hamburger Hans-Bredow-Institut hat er die Idee der neuen Nachrichten-App entwickelt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt mit rund 640.000 Euro.

Eine Nachrichten-App nach dem Vorbild von Tinder. Andreas Hepp, was bedeutet das?
Es steht noch gar nicht fest, wie die App am Ende aussehen soll. Tinder ist für uns eine Metapher dafür, wie wir in das Projekt hineingehen. Tinder war im Bereich Beziehung ganz anders gedacht als Apps vorher – und war deshalb gerade so erfolgreich.

Wir glauben, dass man auch Nachrichten-Apps anders denken muss. Vor allem junge Menschen werden kaum noch von etablierten lokalen Nachrichtenangeboten erreicht. Deshalb wollen wir mit der experimentellen App eine unabhängige Plattform schaffen. Außerdem wollen wir von Anfang an die App gemeinsam mit denjenigen entwickeln, die sie später nutzen wollen. Die Bedürfnisse und Wünsche der Nutzerinnen und Nutzer sollen in die Entwicklung einfließen.
Andreas Hepp
Eine fertige App wird in zwei Jahren wahrscheinlich nicht entstehen. Andreas Hepp wünscht sich einen "experimentellen Raum", um Neues auszuprobieren. Bild: Beate Köhler
Woher kommen die Nachrichten in der App?
Das ist eine der Herausforderungen. Einerseits gibt es Leute, die ein Interesse daran haben, Informationen einzustellen und damit ein Publikum zu erreichen. Das sind dann zum Beispiel Vereine und Verbände und Initiativen, die ihre Veranstaltungen veröffentlichen wollen. Das ist sicherlich ein Kanal, den wir öffnen können und der aus unserer Sicht unproblematisch ist.

Viel komplizierter wird es, wenn man an klassische Nachrichtenanbieter denkt. Normalerweise wollen sie Nutzerinnen und Nutzer schnell und direkt zu ihren eigenen Angeboten bringen. Facebook und andere soziale Medien zeigen aber, dass das nicht so gut funktioniert. Auch deshalb sind die etablierten Lokalmedien in diesem Bereich auch so unter Druck geraten. Wir denken an eine gemeinsame, regionale, unabhängige Plattform.
In Zeiten von Fake News: Wer verifiziert, was da geschrieben wird, damit niemand die Plattform instrumentalisiert?
Was wir haben werden, ist eine sogenannte "Hub-Redaktion". Das ist eine Gruppe von Leuten, die die Inhalte kontrolliert. Einiges lässt sich auch automatisieren – mehr als gedacht sogar. Ein Restrisiko bleibt immer, aber dieses Restrisiko haben auch alle anderen.

Wenn man in die USA schaut, sieht man die Veränderungen, die auch bei uns noch kommen könnten. Da sind wesentlich mehr regionale und lokale Nachrichtenanbieter weggebrochen. Auch deshalb, weil sie zu lange an alten Modellen festgehalten haben und nicht mehr konkurrenzfähig waren. Wir wollen eine gemeinsame Perspektive entwickeln und fragen uns: "Wie könnte es denn ganz anders funktionieren?" Wir hoffen, dass sich über dieses Experiment ganz neue Möglichkeitsräume für den Lokaljournalismus öffnen.
Sie entwickeln das Projekt an der Universität, fernab von tatsächlichen Lokal- oder Regionalredaktionen. Warum?
Als Forschungsinstitut haben wir andere Möglichkeiten, wir können viel freier experimentieren. Und wir leisten umfangreiche Begleitforschung, deren Erkenntnisse der Allgemeinheit nutzen. Dadurch haben wir ganz andere Einblicke in die Bedürfnisse des Publikums. Und wir können unabhängig von Zwängen denken, die Medienunternehmen als Marke sonst haben. Auch weil wir nicht abhängig sind von Werbe-Einnahmen.
Im US-Wahlkampf aber auch im deutschen Wahlkampf waren Filterblasen ein großes Thema. Das heißt, in sozialen Medien bekommen viele Nutzer immer noch mehr von dem angeboten, was sie sowieso schon interessiert, andere Themen finden hingegen nicht statt. Wie gehen Sie damit um?
Erst einmal sollen alle aus Nutzerperspektive die Informationen angeboten bekommen, die sie interessieren. Dafür macht es schon Sinn, dass Apps lernen, was die Nutzer interessiert.

Gleichzeitig gibt es trotzdem verbindende Themen. Und diese verbindenden Themen soll die App jedem – unabhängig von seinen persönlichen Präferenzen – trotzdem anbieten. Ob sich der Nutzer diese Informationen dann tatsächlich durchliest, ist allerdings eine individuelle Entscheidung. Wir wollen auf jeden Fall vermeiden, dass das Umfeld zu hermetisch wird. Das ist ja gerade in vielen sozialen Medien ein Problem.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 20. Oktober 2017, 23:20 Uhr