Warum die Zahlen der Corona-Fälle in Bremen (noch) trügerisch sind

Die Zahl der Corona-Fälle steigt im Land Bremen – aber langsamer als in anderen Regionen. Kein Grund zur Entwarnung: "Wir befinden uns am Anfang der Epidemie", erklärt ein Bremer Virologe.

Ein Mitarbeiter vom Klinikum Bremen-Ost steht in Schutzkleidung vor den Zelten der Corona-Ambulanz, in denen Patienten auf den Corona-Test warten.
Bis die Maßnahmen so wirken, dass Corona-Fälle zurückgehen, wird noch Zeit vergehen. Bis dahin werden die Corona-Ambulanzen, wie am Klinikum Bremen-Ost, noch viel zu tun haben. Bild: DPA | Sina Schuldt

Abende mit Freunden nur noch per Videoschalte, mit Oma und Opa telefonieren, alleine spazieren gehen – seit rund einer Woche greifen die Kontaktbeschränkungen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Auch in Bremen. Geeinigt haben sich Bund und Länder auf diese neuen Regeln. Doch wann merkt man, ob diese Maßnahmen reichen? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht von der "Ruhe vor dem Sturm".

Erst in rund einer weiteren Woche, eher in zwei Wochen, werde man sagen können, ob die drastischen Maßnahmen etwas bringen, sagen Experten. Auch Andreas Dotzauer. Er arbeiten am Laboratorium für Virusforschung der Universität Bremen.

Die Leute glauben immer, dass sobald eine Maßnahme angeordnet wurde, die Zahlen sofort zurückgehen. So ist es aber nicht.

Prof. Dr. Andreas Dotzauer vom Laboratorium für Virusforschung der Universität Bremen.

Seinen Angaben zufolge, sehen wir jetzt die Symptome, die auf eine Infektion zurückzuführen sind, die vor ein bis zwei Wochen stattgefunden hat. Das liegt an der Inkubationszeit. Die Inkubationszeit beschreibt den Zeitraum, in dem das Virus sich nach dem Eindringen in den Körper "etabliert", so Dotzauer. "Das heißt es muss sich vermehren und im infizierten Gewebe ausbreiten, bevor durch die Schädigung des Gewebes erste Symptome auftreten. Das dauert circa fünf bis elf Tage", erklärt der Virologe. Deshalb dauere es auch ungefähr zwei Wochen, bis man erkennen könne, ob die Kontaktbeschränkung etwas gebracht habe.

Wichtig: Die Verdopplungsrate muss gebremst werden

"Wir befinden uns noch ganz am Anfang der Epidemie und die Lage ist sehr dynamisch", sagt Dotzauer. "Deshalb ist es noch schwierig, etwas aus den aktuellen Zahlen herauszulesen." Besonders für Bremen gelte dies, da die Zahlen in diesem kleinen Bundesland eben auch niedriger seien und sich deshalb ein Ereignis, wie die Rückkehr einer Busreise aus einem Risikogebiet, schon massiv in den Kurven niederschlage. Generell gilt allerdings, dass die Verdopplungszeit gebremst werden muss. Diese Zahl gibt an, wie viele Tage es dauert, bis sich die Anzahl der Infizierten verdoppelt habe. Je mehr Tage es sind, desto langsamer der Anstieg und desto besser für das Gesundheitssystem.

Um den exponentiellen Wachstum zu stoppen, gibt es die Kontaktbeschränkungen:

Grafische Darstellung eines Schemas über die Eindämmung des Corona-Virus Z eit F älle Unkont r ollie r te A usb r eitung Mit Maßnahmen Quelle: Bundesgesundheitsministerium Kapazität des Gesundheitssystems

In Deutschland lag die Verdopplungszeit laut Recherchen des NDR am 20. März bei 2,9 Tagen. Die Recherchen stützen sich auf den Zahlen des Robert Koch-Instituts. Dem NDR zufolge lag die Verdopplungszeit am 20. März in Bremen bei 2,6 und in Niedersachsen bei 2,5 Tagen. "Jetzt sind wir grob und ungefähr gesagt im Deutschland bei vier Tagen", sagt Dotzauer. Das sei aber natürlich nur ein Mittelwert und es gebe Unterschiede von Region zu Region. In Bremen liege die Verdopplungszeit aktuell laut Dotzauer bei rund fünf Tagen, in Niedersachsen bei vier Tagen. "Bremen steht also gar nicht so schlecht da", sagt der Virologe.

Ärzte sollen jetzt alle Risikopatienten mit Symptomen testen

Es gibt aber noch einen Grund, der es schwierig macht, die Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen genau aus den Zahlen des RKI herauszulesen. Denn wir befinden uns nicht nur am Anfang des exponentiellen Wachstums, sondern das Robert Koch-Institut hat am Montag seine Vorgaben für die Tests auf das Coronavirus geändert.

Bisher waren Ärzte dazu angehalten, Patienten zu testen, die a) Symptome zeigen und b) aus einem Risikogebiet kamen oder c) mit einer Person Kontakt hatten, die als möglicherweise infiziert galt.

Jetzt sollen Ärzte alle Risikopatienten testen, die Symptome haben. Dazu zählen Menschen ab 60 Jahren, mit Vorerkrankungen, aber auch medizinisches Personal. Wenn dann noch Testkapazitäten über sind, sollen weitere Personen getestet werden.

Testkapazitäten sind begrenzt

Doch die Labore sind bereits jetzt am Rande der Kapazitäten, was Testmöglichkeiten angehe, so Dotzauer. Das liege aber vor allem an fehlenden Materialien.

Aktuell werden sowohl in Bremen als auch im gesamten Bundesgebiet keine flächendeckenden Tests durchgeführt, teilt das Gesundheitsressort Bremen mit. Es werde nach Indikationen getestet – und inzwischen vermehrt Risikogruppen, wie ältere Menschen. "Richtig ist, dass dadurch wahrscheinlich nicht alle Fälle erfasst werden können", sagt Lukas Fuhrmann. Er ist Sprecher der Gesundheitssenatorin.

Klar ist auf jeden Fall: Noch ist Durchhalten angesagt bis die Zahlen zu einer Abflachung der Kurve führen.

Dunkelfeld Corona: Wie viele Erkrankte gibt es wirklich?

Video vom 24. März 2020
Die Bremer Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard im Bremer Rathaus bei einer Pressekonferenz.

Der Liveticker vom 26. März:

Autorin

  • Lina Brunnée

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 26. März 2020, 23:30 Uhr