Bremer Klinikum Ost verhilft Alzheimer-Impfung zum Durchbruch

Video vom 12. Juli 2021
Magnetresonanz-Aufnahme eines Alzheimer geschädigten Gehirns
Bild: Imago | Panthermedia
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Im Juni wurde in den USA erstmals eine Alzheimer-Impfung zugelassen. So funktioniert sie, das hat Bremen damit zu tun und deshalb sehen Experten das Präparat kritisch.

Ein Raum in der Neurologie des Klinikums Bremen-Ost. Ein Patient sitzt an einem Tisch. Vor ihm liegt ein Blatt mit einer schwarzweißen Zeichnung. "Da hinten ist noch ein Mann", sagt er und zeigt mit dem Finger auf die gezeichnete Gruppe Menschen auf dem Blatt. Tests wie dieser helfen Medizinern dabei, einer Alzheimer-Erkrankung früh auf die Spur zu kommen. Und das könnte für Patienten bald noch wichtiger werden.

So gilt Alzheimer bislang zwar als unheilbar. Jetzt ist jedoch in den USA ein erster Impfstoff gegen die Krankheit zugelassen worden, der das Leben vieler Menschen verändern könnte. Anderthalb Jahre hat die internationale Studie für das neue Präparat gedauert, an der das Klinikum Bremen-Ost mitgewirkt hat.

Klinikum Bremen-Ost an Studie beteiligt

Auch Thomas Duning, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Bremen-Ost, war an der Studie beteiligt. "Die giftigen Ablagerungen, die wahrscheinlich für die Alzheimer-Bildung verantwortlich sind, heißen Amyloid", sagt Duning. Mittlerweile sei deren Proteinstruktur bekannt und jetzt auch ein Antikörper hergestellt worden, der sich gegen diese Proteinstruktur richte. "Der markiert es und das eigene Immunsystem räumt es ab", sagt der Neurologe. So ergebe sich eine Art passive Impfung.

Im Ergebnis hätten viele Patienten sich stabilisiert, sagt Duning. Doch es gebe auch Grenzen der Behandlung. So sei die Gedächtnisleistungsstörung immer noch vorhanden gewesen, wenn auch milder.

Man konnte aus dem Gehirn von 70-Jährigen kein Gehirn von 17-Jährigen machen.

Thomas Duning, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Bremen-Ost

Die überraschend schnelle Zulassung des Präparats in den USA begrüßt der Bremer Arzt. Dies sei richtig, weil die Ablagen im Gehirn deutlich weniger würden, auch wenn die Kognition sich nicht sofort verbessere. Für die Patienten bedeute es aber: "Wenn jetzt dieses Protein weg ist, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass es im Lauf der nächsten Jahre oder Jahrzehnte nicht mehr oder deutlich seltener entsteht", sagt Duning.

Eine alte Frau blickt verloren aus einem Fenster
In den heimischen vier Wänden fällt eine Alzheimer-Erkrankung selten sofort auf. (Symblbild) Bild: Imago | Hans Lucas

Die Verbreitung der Krankheit könnte für eine schnelle Zulassung des Impfstoffs auch in Europa sprechen. Denn ab 85 Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit an Alzheimer zu erkranken bei rund 50 Prozent.

Zwar lässt sich Alzheimer relativ früh feststellen, zum Beispiel durch die Untersuchung der Flüssigkeit im Rückenmark oder auch eine MRT, also eine Magnetresonanz-Aufnahme des Gehirns. Meist entdecken Patienten oder ihre Angehörigen die Erkrankung aber im Alltag selbst.

"Es geht nicht um die Frage, ob ich weiß, was vor zehn Jahren gewesen ist. Das wissen die Alzheimer-Patienten", sagt Helmut Hildebrandt, Leiter der Neuropsychologie am Klinikum Bremen-Ost. Damit hätten sie – jedenfalls am Anfang – keine Probleme. "Es geht um das Gestern", sagt der Neurologe. Entscheidend sei, wie sich Menschen orientieren könnten, wenn Sie in eine neue Umgebung kämen. Denn um sich dort zurechtzufinden, müssten sie in der Lage sein, zu lernen. "Der Urlaub ist daher oft der Punkt, an dem den Angehörigen auffällt, da stimmt irgendetwas nicht", sagt Hildebrandt.

Experten kritisieren Zulassung scharf

Trotz erster Erfolge, die Studien dem Alzheimer-Impfstoff bescheinigen, sind viele Experten skeptisch, ob der Wirkstoff, der den Namen Adacunumab trägt, auch in Europa zugelassen wird. Im Herbst soll die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) darüber entscheiden.

Ich kenne niemanden, der eine Zulassung von Adacunumab durch die europäische EMA erwartet.

Bernd Mühlbauer, Institut für Pharmakologie am Klinikum Bremen Mitte

"Es gab schon viele Kandidaten für Medikamente gegen frühe Demenz", sagt Bernd Mühlbauer, Leiter des Instituts für Pharmakologie am Klinikum Bremen Mitte. Die meisten richteten sich gegen die bei der Alzheimer-Erkrankung beobachteten Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn. Der Effekt auf die Denkfähigkeit sei bisher jedoch durchgehend enttäuschend gewesen. "Das gilt auch für den jetzt in den USA von der zuständigen Behörde FDA zugelassenen monoklonalen Antikörper Adacunumab", sagt der Arzneimittelexperte.

Daher habe sich auch das angesehene Expertegremium der FDA gegen den Wirkstoff ausgesprochen. "Dass die FDA nun überraschend trotzdem eine Zulassung für die rund 50.000 Euro teure Behandlung erteilt hat, hat völliges Unverständnis ausgelöst", sagt Mühlbauer. Drei prominente Mitglieder des Expertengremiums seien danach aus Protest zurückgetreten.

Alzheimer-Impfung: Bremer Pharmakologe warnt vor falschen Hoffnungen

Video vom 12. Juli 2021
Pharmakologe Bernd Mühlbauer des Klinikums Bremen Mitte im buten un binnen Studio.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Anna Berkhout Redakteurin und Autorin
  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. Juli 2021, 19:30 Uhr