Fragen & Antworten

Was Bremer Eltern zur Corona-Impfung für Kinder wissen sollten

Jugendlicher vor einer Corona-Impfung (Symbolbild)
Die Europäische Kommission hat den Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer für Jugendliche ab 12 Jahren zugelassen. (Symbolbild) Bild: DPA | Frank Hoermann/Sven Simon

Wenn am Montag die Impfpriorisierung fällt, könnten Kinder ab zwölf Jahren geimpft werden. Eine Empfehlung der Ständigen Impfkommision steht aber noch aus. Was bedeutet das?

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat vor einer Woche die Zulassung des Corona-Impfstoffs Comirnaty der Firmen Biontech und Pfizer für Kinder ab zwölf Jahren in der Europäischen Union empfohlen. Kurz darauf erteilte die EU-Kommission die Zulassung offiziell. Doch die deutsche Ständige Impfkommission (Stiko) hadert noch mit einer Empfehlung. Auf Bundesebene schmiedet die Politik hingegen schon Pläne, um Jugendlichen bis Ende August ein Impfangebot zu machen.

Das stellt viele Eltern vor eine schwierige Frage: Impfen oder nicht? Auch in Bremen sind die Meinungen gespalten. buten un binnen hat wichtige Fragen und Antworten rund um das Thema Corona-Impfung für Kinder zusammengefasst.

Welche Kinder dürfen sich ab wann impfen lassen?
"Rein theoretisch dürfen Kinder ab zwölf seit Montag mit Comirnaty geimpft werden", sagt Stefan Trapp, Landesvorsitzender der Bremer Kinder- und Jugendärzteverbandes. Allerdings gilt derzeit immer noch die Priorisierung. Erst ab Montag wird sie bundesweit aufgehoben. Dass Eltern dann aber gleich einen Termin bekommen, ist laut Trapp sehr unwahrscheinlich. "Wir haben noch Ü16-Jährige mit Vorerkrankungen auf den Wartelisten. Sie werden dann zuerst geimpft", so der Mediziner. Zudem seien die Lieferungen mit dem Biontech-Impfstoff derzeit knapp. "Wir werden momentan mit sehr wenig Impfstoff beliefert. Wir bekommen noch nicht all das, was wir bestellt haben."
Eine Einladung von gesunden Kindern in die Impfzentren ist momentan noch nicht absehbar. Dazu teilt das Bremer Gesundheitsressort mit: "Im Impfzentrum werden Kinder ab zwölf Jahren erst ein Impfangebot erhalten, wenn eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission vorliegt." Die Impfung von Kindern sei im Augenblick eine ärztliche Entscheidung.
Um welchen Impfstoff geht es?
Nur der Impfstoff Comirnaty der Pharmaunternehmen Biontech und Pfizer hat bislang eine Zulassung in der Europäischen Union bekommen. Es ist derselbe Impfstoff, der für die Erwachsenen benutzt wird; Jugendliche erhalten ebenfalls zwei Dosen.
Andere Vakzine werden allerdings gerade an Kindern getestet, wie der Bremer Pharmakologe Bernd Mühlbauer erläutert. "Mehrere Impfstoffe, die bereits zugelassen sind, sind auch mit pädiatrischen Studien unterwegs. In der Regel werden zuerst die Erwachsenen getestet und dann die Kinder – das erfolgt in Absprache mit den Zulassungsbehörden." Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass in Zukunft weitere Impfstoffe hinzukommen.
Fallen Kosten für die Eltern an?
Nein, für die Corona-Impfung müssen die Eltern auch ohne Empfehlung der Stiko nichts bezahlen. Die Corona-Impfung ist für die gesamte Bevölkerung kostenlos.
Wieso hat die Ständige Impfkommission (Stiko) noch keine Empfehlung gegeben?
In einem Podcast vom NDR hat der Chef der Stiko, Thomas Mertens, die aktuelle Datenlage als Hauptgrund angegeben. "Die Zahl der in der Studie geimpften Kinder ist einfach zu gering, um eine belastbare Aussage über die Sicherheit in dieser Altersgruppe zu machen", sagte er. Die Studie umfasste etwa 1.100 geimpfte Kinder, die über einen Zeitraum von zwei Monaten überwacht worden sind. Eventuelle Langzeitfolgen könnten somit nicht erkannt werden. Auch sei die Zahl der Studienteilnehmer zu gering, um seltene Nebenwirkungen festzustellen. Daher ist die Kommission zurückhaltend; eine Entscheidung ist erst in den kommenden Wochen zu erwarten.

Den Kindern bietet man ja kein Lakritzbonbon an, das ist ein medizinischer Eingriff, und der muss eben entsprechend indiziert sein.

Thomas Mertens, Vorsitzender der Stiko

Die Zulassung durch die EMA und die Empfehlung der Stiko sind zwei verschiedene Sachen. Mühlbauer erklärt, dass die EMA vorwiegend die Sicherheit und Wirksamkeit des Stoffes prüft. "Ob es vertretbar ist, damit zu impfen, oder ob es Beobachtungen gibt, die das versagen." Die Stiko hingegen ziehe weitere Aspekte in Betracht, darunter die Abwägung der Nutzen und Risiken für die Gruppe, für die sie die Impfung empfehlen soll.

Es gilt als wahrscheinlich, dass die Stiko eine Empfehlung für Kinder mit Vorerkrankungen abgibt, da bei diesen ein höheres Risiko für einen schweren Covid-Verlauf besteht. Beschlossen wurde sie jedoch noch nicht.

Welche Risiken birgt eine Corona-Impfung für Jugendliche?
Kinder nach dem zwölften Lebensjahr hätten prinzipiell ähnliche Nebenwirkungen wie junge Erwachsene, sagt der Bremer Virologe Andreas Dotzauer. Allerdings müsse man berücksichtigen, dass bei ihnen der Wachstumsprozess noch im Gange sei – auch beim Immunsystem. Laut der Studie von Biontech sind die Reaktionen der Zwölf- bis 15-Jährigen meist leicht bis moderat gewesen, Thrombosen oder allergische Schocks habe es nicht gegeben.
Einige seltene Myokarditis-Fälle – eine Herzmuskelentzündung – sind vor allem bei jungen Männern zwischen 16 und 19 Jahren in Israel und den USA nach der Impfung aufgetreten und müssen weiter untersucht werden. Ein Zusammenhang mit der Impfung ist also bislang weder abschließend bestätigt noch ausgeschlossen worden. Meistens haben sich die Erkrankten schnell davon erholt.
Eine Frage, die man zudem laut Mertens klären sollte, ist, ob Impfungen zu späteren Autoimmunreaktionen beitragen können. Das könne man erst bei längeren Beobachtungszeiten definitiv feststellen.
Welche Risiken birgt eine Covid-19-Infektion für Kinder?
Die meisten Covid-Infektionen bei gesunden Kindern verlaufen mild, darüber sind sich die Experten einig. "Je jünger, desto leichter der Verlauf", sagt Trapp. Schwere Verläufe seien sehr selten. Bei Vorerkrankungen steigt jedoch das Risiko von schweren Folgen. Das sogenannte PIM-Syndrom ist eine seltene Krankheit, die bei manchen Kindern nach der Covid-Infektion beobachtet wurde. "Es ist eine schwere Erkrankung, aber gut behandelbar. Sie ist zudem selten", so der Kinderarzt. Über das sogenannte Long-Covid würden gerade Daten gesammelt. Es scheint sich um ein seltenes Phänomen zu handeln, die Datenlage ist aber noch sehr dünn. Darüber sind sich Experten einig.
Was spricht für eine Impfung von Kindern?
Kinder, die bestimmte Vorerkrankungen haben, sind von Covid-19 stärker gefährdet als ihre Gleichaltrigen. Eine Impfung könnte zudem laut Dotzauer vor eventuellen Langzeitfolgen einer Infektion schützen. Auch nehmen Kinder am Infektionsgeschehen teil. "Mit annähernd derselben Viruslast wie Erwachsene, auch, wenn sie kaum Symptome entwickeln", so der Virologe. Bei etwa 13 Millionen Menschen in Deutschland, die unter 18 Jahren sind, stelle sich die Frage, ob eine Herdenimmunität erreicht werden kann, ohne die Kinder mit zu impfen.
Trapp empfiehlt gesunden Kindern, auf die Empfehlung der Stiko zu warten, angesichts der niedrigen Risiken und des momentan noch knappen Impfstoffes. Laut Dotzauer sollten Kinder geimpft werden, allerdings stelle sich die Frage, ob dies "angesichts der aktuellen Datenlücken – bei Dosis, Impfschema und Sicherheit – schon jetzt geschehen müsse". Für Mühlbauer ist die Impfung "nur bei erhöhtem Risiko eines schweren Verlaufs für das Kind selbst oder die Personen in der näheren Umgebung gerechtfertigt".
Sind Kinder in anderen Ländern bereits geimpft worden?
In den USA sind mehr als zwei Millionen Kinder zwischen zwölf und 15 Jahren erstgeimpft worden. Auch in Kanada werden Kinder ab zwölf bereits geimpft. Israel will bald damit anfangen. Laut Mertens gibt es jedoch noch keine verlässlichen Daten oder Studien über die Nebenwirkungen. Die einzige Studie ist eben diejenige, die Biontech und Pfizer der EU-Behörde vorgelegt haben.

Rückblick: "Freiheiten der Kinder nicht von Impfungen abhängig machen"

Video vom 26. Mai 2021
Der Kinderarzt Marco Heuerding steht mit einem Stethoskop um den Hals in einem Flur.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Mehr zum Thema:

Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 27. Mai, 19:30 Uhr