Sekundenschlaf und Nachtflüge: 5 überraschende Fakten über Zugvögel

Abertausende Vögel machen auf ihrem Weg gen Süden Rast in der Region. Wie der Klimawandel ihre Reiserouten verändert hat und weitere erstaunliche Dinge zum Vogelzug.

Kraniche im Landeanflug an einem See.
Der Kranich gehört zu den bekanntesten Zugvögeln. Bild: Imago | HärtelPress

1 Flugsaison ist fast ganzjährig

Laut Naturschutzbund Deutschland verlassen mehr als 100 Millionen Zugvögel im Herbst ihre Brutgebiete in Deutschland, um wärmere Gegenden aufzusuchen. Weitaus mehr Zugvögel überqueren Deutschland nur auf ihren halbjährlichen Zügen. Manche Zugrouten verlaufen zwischen Norden und Süden, manche auch in Ost-West-Richtung. Hauptreisezeit für hiesige Zugvögel sind Frühjahr und Herbst.

Vogelschwarm vor einem Sonnenuntergang
Oft kann man scheinbar waghalsige Flugmanöver bei Zugvögelschwärmen beobachten. Bild: DPA | Andrew Bailey/FLPA

Die Abflugzeiten variieren aber durchaus: Die ersten Vögel fliegen schon im Juni weg, die letzten erst im Dezember. Kurios: Die Vögel, die schon früh losfliegen, fliegen meistens allein. Dazu zählt der Kuckuck. Kraniche fliegen dagegen in Gruppen – meist in Keilformation oder in schrägen Reihen, um Energie zu sparen. Der Star fliegt in riesigen Schwarm-Wolken. Spektakuläre Wendungen vollführen die Vögel dabei, um es mit dieser Strategie Feinden schwer zu machen, einzelne Vögel gezielt zu jagen.

2 Kein Nachtflugverbot

Islaendische Rotdrossel (Turdus iliacus coburni, Turdus coburni), sitzt auf einem Stacheldrahtzaun.
So mancher Nachtschwärmer hat mit Sicherheit schon einmal eine Rotdrossel gehört. Bild: Imago | Blickwinkel

Wer hatte das nicht schon einmal: Plötzlich wacht man mitten in der Nacht auf und hört Zugvögel rufen, die Richtung Süden fliegen. Während Gänse und Kraniche eher tagsüber unterwegs sind, fliegen nachts überwiegend kleinere Vögel, so Joachim Seitz vom BUND Bremen. Zu den Nachtfliegern gehören Singvögel wie die Rotdrossel, die in Skandinavien brütet und Mitte Oktober auf dem Weg gen Süden auch über Bremen fliegt. In der Dunkelheit seien diese Arten mehr vor Feinden geschützt.
Das Institut für Biologie und Umweltwissenschaften der Universität Oldenburg hat erforscht, wie der Orientierungssinn der Zugvögel funktioniert, um in der Dunkelheit den Weg zu finden. Das Forscherteam hat dabei einen Magnetsensor identifiziert, der wie ein Kompass im Kopf funktioniert. Und es konnte den Gehirnbereich lokalisieren, den nächtlich ziehende Singvögel aktivieren, um auf „Nachtflug“-Modus zu schalten.

3 Schlaf vergeht buchstäblich im Flug

Vögel verbringen auf ihren Reisen Wochen und Monate im Dauerflug. Alpensegler beispielsweise verbringen sieben Monate fast nonstop in der Luft. Dabei haben sie mit ähnlichen Begleiterscheinungen zu kämpfen wie Menschen, die zu lange hinter dem Steuer ihres Autos sitzen: Es überkommt sie die Müdigkeit. Einige Vogelarten können deshalb im Flug dösen und halbdämmernd weitergleiten.

Das Max-Planck-Institut für Ornithologie konnte nachweisen, dass Fregattvögel am Tag rund eine dreiviertel Stunde in der Luft schlummernd verbringen. Die längste im Flug gemessene Schlafphase dauerte über sechs Minuten. Was halsbrecherisch klingt, kann den Tieren das Leben retten: Ein Wissenschaftlerteam der Universität Wien hat herausgefunden, warum es für hungrige und erschöpfte Zugvögel besonders gefährlich ist, sich zum Schlafen niederzulassen. Während ausdauernde Tiere eher mit geradem Hals und mit nach vorn gerichtetem Blick schlummerten, drehen geschwächte Zugvögel ihren Kopf zur Seite, um ihn unter ihr Gefieder zu stecken. Das koste sie weniger Energie und sie könnten die Energie besser speichern. Um einen hohen Preis: Für potenzielle Angreifer sind sie so leichtere Beute.

4 Exotische Pendler

Für viele Vogelarten, die andernorts heimisch sind, ist Deutschland auf der Durchreise höchstens Etappenstopp. Wenn er nicht in mehreren Kilometern Höhe nonstop über uns hinwegfliegt, bekommt man so kurzzeitig seltenen, teils exotischen Besuch zu sehen.

Gelbbrauen-Laubsänger (Phylloscopus inornatus) auf einem Ast.
Der Gelbbrauen-Laubsänger ist in unserer Region ein äußerst seltener Gast. Bild: Imago | McPhoto

Der Gelbbrauen-Laubsänger kommt beispielsweise aus dem asiatischen Raum, vorwiegend aus Sibirien. Der zehn Zentimeter kleine Vogel macht auf seiner Reise in subtropische und tropische Gebiete häufig Rast auf der Insel Helgoland – und dieses Jahr auch in Bremen, so Joachim Seitz vom BUND Bremen. Dieses Phänomen sei extrem selten. Auch die Steppenweihe, ein mittelgroßer Greifvogel aus Osteuropa, ist hier nur kurz auf ihrem Weg in Gebiete südlich der Sahara zu beobachten.

5 Klimawandel ändert Routen

Ein Storch füttert seine Jungen in einem Nest.
Insgesamt zogen die 1.007 frei lebenden Weißstorchpaare in diesem trockenen Sommer 1.765 Jungtiere in der Region auf. Bild: Imago | imago/blickwinkel

2019 war für die Region ein Storchen-Rekordjahr: Seit über 60 Jahren haben laut Naturschutzbund Deutschland nicht mehr so viele frei lebende Weißstorchpaare in Niedersachsen und Bremen gebrütet. "Die Hauptursache für den Zuwachs ist das veränderte Zugverhalten der gen Westen in ihre Winterquartiere fliegenden Störche", erklärte Hans-Jürgen Behrmann von der NABU Landesarbeitsgruppe Weißstorchschutz Niedersachsen/Bremen. So flögen viele Störche auch nicht mehr bis Afrika, sondern überwinterten in Spanien und kehrten früher und in größerer Anzahl zurück.

Der Rekordsommer im letzten Jahr hatte auch massiven Einfluss auf das Verhalten anderer Zugvögel. Normalerweise machen Pfuhlschnepfen, Alpenstrandläufer und Nonnengänse auf ihrer Reise Richtung Süden Rast im norddeutschen Wattenmeer. Aufgrund der milden Temperaturen flogen viele der Zugvögel aber von dort gar nicht erst weiter, sondern blieben den Winter über hier. Eine eindeutige Folge des Klimawandels, sind sich Vogelexperten einig. Joachim Seitz hält es durchaus für möglich, dass sich das Phänomen dieses Jahr wiederholt. So würden die Mönchsgrasmücke und verschiedene Entenarten ihre Reise gen Süden nicht mehr antreten. Auf der anderen Seite bleiben aufgrund der milden Temperaturen viele Vogelarten weg, etwa der Raufußbussard oder der Gänsesäger.

Autor

  • Jakob Patzke

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 16. Oktober 2019, 10:10 Uhr