Interview

Forscher warnt: Wir nehmen das Artensterben nicht ernst genug

Wir erleben das größte Artensterben seit den Dinosauriern, sagen Experten. Warum wir den Kampf dagegen nicht leichtfertig angehen sollten, verrät der Bremerhavener Forscher Julian Gutt.

Der Biologe Julian Gutt vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.
Der Biologie Julian Gutt vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven fordert, dass schneller gegen das Artensterben vorgegangen wird. Bild: DPA | Jan Seiler

Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Das besagt ein Bericht, den die Vereinten Nationen am Montagvormittag in Paris veröffentlicht haben. Demnach könnten viele der gefährdeten Arten in den nächsten Jahrzehnten verschwinden. Um das zu verhindern, fordern die Wissenschaftler des Weltrates für Biodiversität (IPBES) "tiefgreifende Änderungen" zum Naturschutz. Für den Bericht haben über drei Jahre lang 150 Experten aus 50 Ländern den Artenbestand analysiert.

Julian Gutt vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven hat an der Studie mitgearbeitet. Bei Bremen Zwei warnte Gutt davor, den Kampf gegen das Artensterben auf die leichte Schulter zu nehmen.

Das größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier – ist das übertrieben oder passiert das wirklich gerade?
Das passiert heute so, die Aussterberate durch den Menschen ist hundert bis tausendfach so hoch, wie sie natürlicher Weise passieren würde. Und alle diese Arten, die täglich aussterben auf der Erde, sind unwiederbringbar. Die kommen nicht mehr zurück.
Wird das immer schneller?
Das wird immer schneller. Es ist auch schneller als es jemals bei den anderen großen Massenaussterben durch Vulkanismus oder durch Meteoriteneinschläge war. Der Mensch vernichtet durch die Nutzung der natürlichen Lebensräume viele Arten. Das betrifft insbesondere den Regenwald und die Meere – in den Meeren sind die Dunkelziffern noch gar nicht erforscht. Wir wissen eigentlich noch gar nicht, was da los ist.
Woran liegt es, dass wir so wenig darüber wissen – obwohl schon so lange dazu geforscht wird?
Um festzustellen, welche Art jetzt wirklich ausgestorben ist, muss man ja intensiv die Meere besammeln, um dann festzustellen, dass ein Tier gar nicht mehr da ist. Das ist die große Schwierigkeit.
Wie macht sich das Artensterben jetzt schon bemerkbar?
Wir erleben ja gerade die Diskussion um den Klimawandel, und das ist hier noch ein zusätzlicher Faktor. Er betrifft unsere Umwelt, und zwar unsere belebte Umwelt – Tiere Pflanzen und Mikroorganismen. Da sieht die Lage nicht besser aus als beim Klima.
Wissenschaftler warnen seit Jahrzehnten vor einem Klimawandel – wird es jetzt endlich ernst genug genommen?
Ich glaube, es wird immer ein Stückchen mehr ernst genommen. Wir wünschen uns natürlich, dass da noch etwas mehr passiert. Und dass es schneller passiert, um das Schlimmste zu verhindern.
Ist denn noch irgendetwas daran zu verändern?
Natürlich gibt es jede Menge von Maßnahmen, um den Klimawandel zu stoppen und auch in Hinblick auf das Artensterben, um es zu reduzieren. Es gibt Schutzgebiete, es gibt nachhaltige Nutzungen von Ökosystemen an Land und in den Meeren. All das ist möglich und wird teilweise auch angewendet, aber immer noch nicht genug.
Hat denn die deutsche Politik schon genug getan?
Da ist noch viel zu tun. Das können wir noch besser.
Was müsste denn jetzt sofort passieren?
Eigentlich muss es ein umfassendes Konzept sein, zur nachhaltigen Nutzung der Natur. Das ist komplex, das ist nicht eine einzige Aktion, die man starten müsste.

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 6. Mai 2019, 6:59 Uhr