Interview

Warum Europa einen Zugang zum All braucht und wie Bremen dazu beiträgt

Die Ariane 6, das neue Zugpferd der europäischen Raumfahrt, steht in den Startlöchern. Der Koordinator für Luft- und Raumfahrt der Bundesregierung setzt große Hoffnung auf sie.

Visualisierung der zukünftigen Ariane-6-Rakete.
Noch ist es nur eine Montage: Für Ende dieses Jahres war der erste Start geplant. Coronabedingt wird die neue Ariane 6 wohl nun voraussichtlich erst 2021 ins Weltall aufbrechen. Bild: ESA | D. Ducros

Schneller und günstiger produzieren, darum geht es bei der Ariane 6. Und sie soll mehr Missionen fliegen können, flexibler einsetzbar sein. Es wird viel verlangt von Europas neuer Rakete. Der Druck ist hoch – das merkt man auch in Bremen. Hier wird die Oberstufe der Rakete gebaut. Nichts darf dabei schiefgehen, kleine Fehler auf der Erde können zur Katastrophe im All werden.

Ortswechsel: In seinem Büro in Berlin hat Thomas Jarzombek ein Modell der Ariane 6 stehen. Besuchern zeigt der Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt gern, welche Technologie in Europa entwickelt und gebaut wird. Die Vorgängerrakete, die Ariane 5, sucht man allerdings vergeblich in seinem Büro.

Der Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek (CDU).
Möchte, dass die Ariane 6 bald startet: Thomas Jarzombek, Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt. Bild: Imago | Jürgen Heinrich
Warum haben Sie kein Bild oder Modell der Ariane 5?
Ich bin ein Freund von Oldtimern. Aber ich glaube trotz allem, dass man bei der Technik nach vorne gehen muss. Und die Ariane 6 ist in jeder Hinsicht besser als die Ariane 5. Sie kann eben auch Lasten im niedrigen Erdorbit abgeben. Sie hat die Möglichkeit Lasten auch an verschiedenen Positionen abzusetzen. Und sie hat sehr viel mehr Möglichkeiten, als wir das mit der Ariane 5 hatten. Nicht zuletzt gibt es die Ariane 6 auch für kleinere Nutzlasten und ist damit deutlich flexibler. Also, die Ariane 6 ist ganz eindeutig die bessere Rakete.
Die Ariane 6 kann mehr und soll 40 bis 50 Prozent günstiger sein als ihre Vorgängerin. Warum muss sie noch günstiger und besser werden? Was erwarten Sie von der Industrie?
Wenn wir nach Amerika schauen, dann sehen wir, dass Wettbewerb und dass neue Akteure wie SpaceX mit neuen Herangehensweisen wichtig sind, um hier auch bessere, konkurrenzfähigere Produkte zu bekommen. Das, was wir und Europa brauchen, ist schlicht und ergreifend ein Wettbewerb, damit der nächste SpaceX von hier kommt. Und bis dahin müssen wir schauen, dass wir die Ariane 6 möglichst wettbewerbsfähig hinbekommen. Wir sehen hier riesige Potenziale am Ende für Einsparungen in der Industrie, allein durch die vielen Strukturen. Wir sind der Überzeugung, dass das vereinfacht werden muss und dass hier auch Kosten einzusparen sind.
Was bedeutet es für die Ariane 6, wenn es nicht schnell genug geht? Könnte das das Aus bedeuten, weil andere günstiger und besser sind?
Die Ariane 6 ist in der bequemen Situation, dass wir sie brauchen. Wir haben das Paradigma dieses unabhängigen Zugangs zum Weltraum für Europa. Und als ich neu in diesem Amt war, haben wir das auch noch einmal hinterfragt. Ich halte es für wichtig, weil wir zum Beispiel für Milliarden mit Galileo ein Navigationssystem etabliert haben, das uns unabhängig macht von GPS, der militärischen Lösung der USA. Wenn wir jetzt sehen, dass im Weltraum mehr und mehr robust agiert wird, dann brauchen wir vielleicht irgendwann auch Verteidigungsmechanismen dafür. Wir wollen nicht von Dritten abhängig sein, die dann sagen, 'ihr braucht keine eigenen Verteidigungsinstrumente, das machen wir schon für euch'. Deshalb ist der unabhängige Zugang zum Weltraum für uns wichtig. Die Ariane 6 hat eine wichtige Funktion, zum Beispiel auch um die Satelliten des Bundesnachrichtendienstes zu transportieren, ohne dass sie kompromittiert werden, während sie möglicherweise wochenlang auf den Start irgendwo in einem anderen Teil der Erde warten.
In einer großen Halle stehen verschiedene Metallstrukturen und -aufbauten.
Blick in den Reinraum: Unter klimatisch optimalen Bedingungen wird in Bremen die Oberstufe der Ariane 6 zusammengebaut. Sie bringt die Satelliten in die richtigen Umlaufbahnen. Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner
Wie lassen sich unfaire Wettbewerbsbedingungen abmildern? Lässt sich verbindlich festlegen, dass alle institutionellen und militärischen Satelliten aus den 13 an der Ariane beteiligten Ländern mit der eigenen Rakete ins All befördert werden?
Man muss immer vorsichtig sein mit Argumenten wie unfairer Wettbewerb, weil das manchmal wie eine Entschuldigung ist. Man muss hier selbst erstmal leistungsfähiger werden. Was die institutionellen Starts betrifft, so hat die Bundesregierung auch auf unsere Initiative hin beschlossen, dass wir diese künftig mit dem europäischen Träger machen wollen. Wir sind auch der Meinung, dass sollte auch für andere Länder gelten. Das haben wir auch entsprechend in den Diskussionsprozess mit den anderen Staaten eingebracht.
Grafik: Ariane Raketen 1 bis 6.
Zum Vergleich: Die sechs Generationen der Ariane-Familie. Bild: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt / Radio Bremen
Wieso haben Sie sich bisher als Koordinator für Luft- und Raumfahrt noch keinen Start in Kourou angeschaut?
Das habe ich ganz bewusst entschieden, weil ich auch von Leuten höre, die es gemacht habe, dass das eine sehr emotionale Sache ist. Ich habe es für mich für wichtig gehalten hier möglichst neutral und unemotional an die Sache zu gehen und mich davon nicht beeindrucken zu lassen, was für ein Wahnsinnserlebnis das sein muss. Deshalb spare ich mir das auf für die Zeit nach den Entscheidungen, die wir hier alle zu treffen haben.
Vor einem Gebäude steht ein großes Modell einer Rakete.
Noch ist die Ariane 6 – hier ein Modell – gar nicht gestartet. Und schon wird daran gearbeitet, wie sie leichter werden und ihre Fracht im All schneller und genauer aussetzen kann? Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner
Wie sehr schadet der Corona-Ausbruch dem europäischen Raumfahrtprogramm? Wäre es überhaupt realistisch gewesen, dass die Ariane 6 ohne das Virus dieses Jahr überhaupt noch gestartet wäre?
Die Industrie hat uns gesagt, dass der Erststart 2020 sein soll. Zuletzt allerdings war ein Termin ganz am Ende dieses Jahres avisiert. Corona hat natürlich einen Einfluss wie auch auf andere Dinge. Für uns ist es allerdings wirklich wichtig, dass wir jetzt möglichst bald starten. Das ist auch der Wunsch anderer Ressorts der Bundesregierung, die sagen, 'wenn wir unsere Lasten, unsere Satelliten, jetzt mit Ariane starten sollen, dann ist Zuverlässigkeit wichtig'. Zuverlässigkeit heißt eben nicht nur, dass es kein Problem beim Start gibt, sondern eben auch, dass das Ganze pünktlich passiert. Deshalb machen wir großen Druck und halten es für sehr wichtig, dass der Start von der Ariane 6 jetzt auch so bald wie möglich stattfindet.

Kurzfeature: Die Ariane 6

Audio vom 11. Juni 2020
Das Modell einer Ariane 6-Rakete ragt in den blauen Himmel hinauf.
Bild: Radio Bremen | Sven Weingärtner

Autor

  • Sven Weingärtner

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. Juni 2020, 6:36 Uhr