Fragen & Antworten

Corona in Wildeshausen: Darum häufen sich in Schlachthöfen Infektionen

Erst der Fall Tönnies – jetzt werden in einem Wiesenhof-Schlachthof in Wildeshausen alle Mitarbeiter getestet. Ist die Ansteckungsgefahr so hoch? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Geflügelfleisch wird beim Geflügelproduzenten Wiesenhof abgepackt
Frisch verpackt rauscht das Geflügelfleisch Richtung Konsument. Bild: DPA | Friso Gentsch
Warum bricht das Virus immer wieder in Schlachthöfen aus? Gibt es in den Betrieben eine besondere Ansteckungsgefahr?
Die klimatischen Bedingungen und die Eigenarten des Arbeitsplatzes spielen einem Virus in die Hände, sagte der Virologe Prof. Dr. Friedemann Weber von der Justus-Liebig-Universität Gießen dazu beim WDR: "Die Luft ist runtergekühlt, die Leute arbeiten unter Stress und nah beieinander, man schreit sich auch mal an." Gerade dieses Brüllen und Schreien sorge dafür, dass besonders viel Tröpfchen und kleinste Partikel (Aerosole) in die Luft kommen. In geschlossenen Räumen hielten sich diese lange und würden so leichter von anderen eingeatmet.
Kann das Coronavirus auch über Fleisch übertragen werden?
Der Virologe Andreas Dotzauer von der Universität Bremen hält das für "extrem schwer vorstellbar, unter ungünstigen Umständen aber für möglich". Denn grundsätzlich gelte: Die Pute ist tot und auf totem Gewebe können Viren sich nicht vermehren und sterben ab. Wobei danach zwei denkbare Szenarien zu unterscheiden sind.
  • Szenario eins: Ein infizierter Schlachthof-Mitarbeiter überträgt Virus auf die tote Pute und sein Kollege im nächsten Arbeitsschritt fängt sich das Virus so ein. Das sei noch gerade eben denkbar, so Dotzauer, immerhin sorge die niedrige Temperatur im Schlachthof dafür, dass die Viren sich besonders gut halten. "Wir frieren sogar unsere Viren ein, um sie zu lagern," erläutert Dotzauer.
  • Szenario zwei: Der Verbraucher kauft infiziertes Fleisch und steckt sich daran an. Dotzauer dazu: Wegen der längeren Dauer, die das Virus dann ja schon ohne sich vermehrt haben zu können auf dem Fleisch war, nehme dieses Restrisiko sehr stark ab, sodass es eigentlich nicht mehr gegeben sei. Und selbst wenn da noch was sein sollte: "Niemand kommt auf die Idee, das Fleisch roh zu essen." Spätestens beim Kochen sind alle Viren erledigt.
Virologe Prof. Andreas Dotzauer sitzt in einem Schutzanzug im Labor
Andreas Dotzauer ist Virologe an der Bremer Universität. Bild: Universität Bremen | Kai Uwe Bohn
Wird es von Schlachttieren auf den Menschen übertragen?
Ein solcher Fall sei noch nirgends dokumentiert und beschrieben, sagt Dotzauer. Was aber auch kein "Nein" sei, denn Corona gehört zu den "Zoonosen". Das sind Infektionen, die es gleichermaßen bei Mensch und Tier gibt und die auch in beiden Richtungen übertragen werden können. Bei Corona wird ja sogar in der Tat davon ausgegangen, dass es vom Tier zum Menschen kam. Also spreche grundsätzlich nichts gegen die Idee, dass eine infizierte Pute in den Schlachthof kam, dort ihr Leben ließ und sich dann ein Mitarbeiter daran ansteckte und es weitergab. "Das ist nicht auszuschließen, aber unwahrscheinlich", fasst Dotzauer zusammen.
Wie viele Schlachtbetriebe dieser Art gibt es in der Region?
Auskunft für den Landkreis Oldenburg kann Oliver Galeotti, Sprecher des Kreises, geben. Danach gibt es im Landkreis Oldenburg drei Geflügel-Schlachthöfe und einen Rinder-Zerlegebetrieb, bei dem nicht geschlachtet wird. Exakte Angaben zu den Betriebsgrößen hat Galeotti nicht, grob gesprochen aber liegen zwei der Firmen bei über 1.000 Beschäftigten und zwei bei jeweils um die 130.
Für ganz Niedersachsen gibt der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) fünf Hähnchenschlachtereien an. Hinzu kommen drei Putenschlachtereien, vier Enten- und Gänseschlachtereien und zwei Legehennenschlachtereien.
Hühner in Bodenhaltung.
Die Schlachtereien beschäftigen nach Angaben des Geflügel-Verbandes rund 1.500 Landwirte mit der Zucht der Tiere.
Wieviel andere Betriebe machen Geschäfte mit einem Schlachtbetrieb wie Wiesenhof und hängen von ihm ab?
Das ist ziemlich komplex und umfasst eine ganze Vielzahl von Firmen. Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft kann auf die Schnelle nur die unmittelbaren Zuchtbetriebe nennen, die den Schlachtereien zuliefern und damit existenziell auf einen funktionierenden Schlachthof angewiesen sind. Bei den Hähnchenschlachtereien seien das etwa 1.100 Landwirte. 300 Putenzüchter kommen hinzu und etwa 100 Enten- und Gänsezüchter. Bei den Legehennen ist keine Zahl erhältlich.
Was ist mit den osteuropäischen Erntehelfern? Warum gibt es dort nicht so viele Infizierte?
Zunächst: "Eine amtliche verfügte Testung gibt es nicht," erklärt Galeotti. Bei den Erntehelfern hat es seiner Kenntnis nach bisher keinen einzigen Corona-Fall gegeben. Das gilt ausdrücklich auch für die, die in Sammelunterkünften wohnen. Über die Hintergründe – etwa: hier Arbeit an der frischen Luft, dort in einem geschlossenen Raum – kann nur spekuliert werden. Ob es regelmäßige Tests gibt, liegt allein in der Entscheidung der Firmen und unterbleibe oftmals aus Kostengründen. Einschränkend betont Galeotti aber auch, dass so ein Test ohne jeden Grund nur bedingt sinnvoll sei, da er eine falsche Momentaufnahme liefern könne. Wegen der Dauer zwischen Infektion und Nachweisbarkeit liegen Tage und so kann heute noch jemand als nicht infiziert getestet werden, der sich längst angesteckt hat und ab morgen ansteckend ist. "Das ist die Tücke und der Grund, weshalb man nie eine 100-Prozent-Sicherheit hat."
Können wir davon ausgehen, dass korrekt getestet wurde? In Vogelsberg (Hessen) gab es ja mehrere positive Tests, die falsch waren.
Fehlerhafte Tests gebe es immer, sagt Galeotti, denn er wird von Menschen genommen. "Das haben wir auch schon in amtlichen Laboren gehabt," betont der Landkreis-Sprecher. Im konkreten Fall aber lasse sich zumindest sagen, dass die Tests unter der Aufsicht des Gesundheitsamtes von einem zertifizierten Labor genommen werden, das auch schon amtliche Labore unterstützt hat, wenn es dort zu wenig Kapazitäten gab. Der Auftrag wurde jedoch von Wiesenhof erteilt; das Unternehmen bezahlt auch die Rechnung.
LKW parken auf einem vollen Parkplatz (Archivbild)
Nicht jeder Lkw-Fahrer ist bei dem Unternehmen angestellt, das an der Flanke steht: In der Logistik sind Leiharbeit und Werkverträge auch weit verbreitet. Bild: DPA | Joker/Paul Eckenroth
Tauchen ähnliche Probleme auch in Bremen auf, weil es hier Leiharbeiter und Werksverträgler gibt?
Auch Bremen und Bremerhaven sind keine werkvertragsfreie Zone. In Bremerhaven gibt es einen Schlachthof, der nach Angaben des Sprechers der Bremer Gesundheitsbehörde, Lukas Fuhrmann, auch mit Werksverträglern arbeitet. Anders als bei anderen Höfen allerdings reisen die dort individuell an und wohnen auch privat statt in Sammelunterkünften. Zum Betreiber gebe es einen ordentlichen Kontakt und vor einigen Wochen bereits habe es dort eine Beratung gegeben. So wurde der Behörde auch versichert, dass es stets aktuelle Übersichten aller Leiharbeiter gibt, die im Fall der Fälle übergeben würden. Daneben sind Werkvertrags oder Sub-Sub-Sub-Unternehmer-Verhältnisse auch im gesamten weiten Bereich der Häfen und der Logistik wie auch auf den Werften in unterschiedlichen Formen bekannt. "Wir wissen um die Situation und die Schwierigkeiten der Situation," so Fuhrmann.

Corona-Ausbruch in Puten-Schlachthof in Wildeshausen

Video vom 23. Juni 2020
Schlachtbetrieb Geestland Wiesenhof in Wildeshausen
Bild: Nonstopnews

Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. Juni 2020, 19:30 Uhr