Jahresrückblick: Stahlschiff soll Bremerhavener "Seute Deern" ersetzen

Die Diskussionen um das Ende des Seglers zogen sich durch das ganze Jahr. Wer zahlt was? Wie soll der Nachbau aussehen? Und vor allem: Wer ist schuld am Untergang?

Ein Schiff liegt im Alten Hafen
Da liegt sie nun, die "Seute Deern", und wartet auf ihr Ende. Bild: Radio Bremen | Boris Hellmers

Das Jahr startete für die "Seute Deern" genauso trostlos, wie das vorherige zu Ende gegangen war. Im Januar ging es mit den Vorarbeiten für das Abwracken des Traditionsseglers weiter. Der neue, nur wenige Meter entfernte Liegeplatz am Baltimore-Pier wurde vorbereitet: Sitzbänke, ein Geländer und ein Betonvorsprung mussten weichen.

Nur wenige Tage später wurde bekannt, dass die "Seute Deern" noch massiver mit Giftstoffen belastet ist als zunächst angenommen. Die Gutachter stießen auf mehrere giftige Stoffe und Stoffgruppen, darunter krebserregendes Asbest und das Holzschutzmittel Lindan. Die seien für das Abwracken kein Hindernis, müssten aber fachgerecht entsorgt werden, was zu höheren Kosten führen könnte, hieß es.

Letzte Reise verzögert sich

Arbeiter in Warnwesten stehen um ein marodes Segelschiff in einem Hafenbecken herum.
Im März wurde die "Seute Deern" an ihren letzten Liegeplatz gezogen. Bild: Radio Bremen | Boris Hellmers

An ihren letzten Liegeplatz kam die "Seute Deern" erst im März. Denn erst dann gab es die Genehmigung dafür, weil zunächst die Statik der alten Spundwände und die Beschaffenheit des Untergrunds geprüft werden mussten. Per Seilwinde zog ein Kran das Schiff zum Baltimore-Pier. Ebenfalls im März teilte das Land mit, dass es kein weiteres Geld zur Verfügung stellt, falls die 46 Millionen Euro des Bundes für die Bergung und den Neubau der "Seute Deern" nicht ausreichen. Der Senat teilte außerdem mit, dass er den Bau einer gläsernen Werft ablehnt. Das Schifffahrtsmuseum hatte angedacht, dass Besucher den Neubau der "Seute Deern" verfolgen können. Das hätte laut Museum rund acht Millionen Euro gekostet.

Bergung und Abwracken kosten mehr als 5 Millionen Euro

Im Juni kam ein juristisches Gutachten zu dem Schluss, dass die Leitung des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven die Havarie der "Seute Deern" nicht vorhersehen konnte und sie nicht zum Schadenersatz verpflichtet werden kann. Ende des Monats wurde bekannt, dass das Abwracken des Seglers rund drei Millionen Euro kosten wird. Zusammen mit der Bergung könnten laut Gutachten Gesamtkosten von mehr als fünf Millionen Euro auf die Verantwortlichen zukommen. Wer die Kosten übernehmen wird, war weiter unklar.

Eine schemenhafte Abbildung zeigt den Querschnitt eines beschädigten Segelschiffs.
Ein erster Einblick in die 3D-Aufnahmen: In Zukunft soll ein virtueller Rundgang über das Schiff möglich sein. Bild: Denkmal-3D

Ende August lud das Schifffahrtsmuseum dann zur Pressekonferenz, um erste Bilder des neuen 3D-Modells der "Seute Deern" zu zeigen. Irgendwann sollen virtuelle Spaziergänge durch das mehr als 100 Jahre alte Wahrzeichen Bremerhavens möglich sein. Bezahlt wird das Projekt aus Mitteln der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Insgesamt stehen 267.000 Euro für die Dokumentation, die Modell-Erstellung sowie die Bergung, Restauration und Einlagerung wiederverwendbarer Bestandteile zur Verfügung.

Wie soll der Nachbau aussehen?

Im September einigten sich Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz und Häfensenatorin Claudia Schilling (beide SPD) nach monatelangem Ringen darauf, dass die Stadt Bremerhaven ein Drittel der Abwrackkosten für die "Seute Deern" übernimmt. Ende des Monats wurde dann öffentlich, dass der Nachfolger der "Seute Deern" ein nicht segelfähiger Stahlbau werden soll. Das hatte eine für knapp 120.000 Euro vom Bremerhavener Magistrat beauftragte Variantenprüfung ergeben.

Eine Animation zeigt ein Segelschiff in einem Hafenbecken.
So könnte der Nachbau aussehen. Bild: judel/vrolijk

Insgesamt wurden darin sechs Versionen genannt, drei aus Holz und drei aus Stahl. Fünf davon sollen jeweils zwischen 44 und 54 Millionen Euro kosten und bei Bauzeiten von bis zu zwölf Jahren liegen. Sie schieden aufgrund der hohen Kosten aus. Übrig blieb ein fest im Wasser liegendes Stahlschiff mit zwei bis drei Jahren Bauzeit. Die Kosten dafür sollen sich auf rund 34,4 Millionen Euro belaufen. Als Vorbild soll die "Najade" dienen. Das erste in Deutschland gebaute stählerne Vollschiff war Anfang des 19. Jahrhunderts auf der Bremerhavener Tecklenborg Werft vom Stapel gelaufen.

Inklusive Kosten für eine Ausstellung sowie Restaurierung der Museumsflotte des Deutschen Schifffahrtsmuseums bliebe das Paket im Rahmen der vom Bund zugesagten rund 46 Millionen Euro. Um die veranschlagten Betriebs- und Instandhaltungskosten von bis zu 600.000 Euro pro Jahr auffangen zu können, werden laut Bericht Eintrittsgelder oder eine Gastronomienutzung empfohlen. Die vorgestellten Pläne sehen außerdem den Bau einer historischen Hafenkulisse vor dem Deutschen Schifffahrtsmuseum vor.

Ein bemerkenswerter Fall von Steuerverschwendung

Im Oktober sprach sich der Bremerhavener Magistrat für diese Variante aus. Ende des Monats veröffentlichte der Steuerzahlerbund sein Schwarzbuch. Mit im Buch: die "Seute Deern" als besonders bemerkenswerter Fall von Steuergeldverschwendung. Der Steuerzahlerbund fordert statt eines Neubaus die Verlegung der "Schulschiff Deutschland" aus Bremen-Vegesack in den Museumshafen. Neben den Einsparungen käme auf diesem Wege ein Stück Bremerhavener Geschichte zurück, so der Verein. Denn der Dreimaster wurde 1927 in Bremerhaven-Geestemünde gebaut. Ebenfalls Ende des Monats beschloss der Senat, dass das Land Bremen rund zwei Millionen Euro für das Abwracken zur Verfügung stellt und somit etwa zwei Drittel der Kosten trägt.

Im November teilte die Stadt mit, dass das Abwracken ein halbes Jahr dauern wird. Noch im selben Monat solle mit den Arbeiten begonnen werden. Ende des Monats gab der Haushaltsausschuss des Bundestags die angekündigten 46 Millionen Euro für den Bau des Nachfolgeschiffs der "Seute Deern" frei.

Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein

Im Dezember stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen die Leitung des Deutschen Schifffahrtsmuseums ein. Den einzelnen Beteiligten aus der Museumsleitung sei kein strafrechtlicher Vorwurf zu machen, so die Staatsanwaltschaft. Sie hätten nach einem Feuer an Bord alles versucht, das Schiff über Wasser zu halten und mögliche Sanierungen zu klären. Eine Rechtsanwältin hatte ein Jahr zuvor Strafanzeige gestellt. Ebenfalls im Dezember wurde klar: Das Abwracken verzögert sich. Erst im neuen Jahr soll es damit losgehen.

Rückblick: Was folgt in Bremerhaven für die "Seute Deern"?

Video vom 2. Oktober 2020
Die marode Seute Deern
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. Dezember 2020, 19:30 Uhr