Meinungsmelder

Coronageschichten: Ungewissheit, Chancen und immer noch kein Klopapier

Das Leben in Bremen, Bremerhaven und umzu ist spätestens seit Mitte März ein völlig anderes. So erleben und meistern die Meinungsmelder den Ausnahmezustand im Alltag.

Ein Mann, der aufgrund der Corona-Pandemie eine Mundschutzmaske trägt, fährt auf einem Fahrrad über den leeren Bremer Marktplatz
Mundschutzmasken gehören neuerdings zum Bremer Stadtbild. Bild: DPA | Sina Schuldt

In kürzester Zeit hat sich unser aller Leben dramatisch verändert. Wir haben gefragt, wie Sie das empfinden und wie Ihr Umgang damit ist. Die Antworten von insgesamt 720 Radio Bremen Meinungsmelderinnen und Meinungsmeldern zeigen, wie unterschiedlich die momentane Situation im Alltag wahrgenommen wird. Und in welchen Bereichen anhaltende Veränderungen als Folge der Coronakrise vermutet werden – positiv wie negativ.

Ein Leben voller Einschränkungen und mit ganz neuen Perspektiven

Auf die Frage, wie der Eindruck vom eigenen Alltag momentan ist, wählen 42 Prozent der Radio Bremen Meinungsmelder das Wort "Ungewissheit". Ein Viertel erlebt die Situation als "Ausnahmezustand". Auch Begriffe wie Einsamkeit und Existenzsorgen, Egoismus, Stress und Angst – vor allem vor Kurzarbeit, Jobverlust und Finanznöten – tauchen in den Antworten der Befragten immer wieder auf. Als besonders negativ werden immer wieder Hamsterkäufe und egoistisches Verhalten in Supermärkten hervorgehoben.

Wie würden Sie Ihren Alltag mit einem Wort beschreiben?

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Eine Meinungsmelderin beschreibt, dass sie im Alltag vor allem die Kleinigkeiten vermisst, die vorher selbstverständlich waren. Und sie diese nun mehr wertschätzt: "Mit Kleinigkeiten meine ich die tägliche Routine, die einem auf einmal fehlt. Oder der spontane Besuch bei Freunden oder der Familie." Die fehlenden Routinen führen auch dazu, dass sich bei einigen eine Art dauerhaftes "Sonntags-Gefühl" einstellt.

In den Kommentaren der Meinungsmelder werden die gemischten Gefühle deutlich, die viele gerade haben. Leergekaufte Regale einerseits, angenehme Ruhe durch weniger Straßenverkehr andererseits. In der Krise wird durchaus auch viel Positives wahrgenommen: Die Hilfsbereitschaft habe vielerorts zugenommen und die Solidarität untereinander. Es gäbe mehr Achtsamkeit, Freundlichkeit und gegenseitige Rücksichtnahme. Bei allem "Abstand halten" bekommen Familie und Freunde für viele einen neuen Stellenwert.

Ich habe den Eindruck, die Menschen sind hilfsbereiter und trotz der Abstandsregelungen "näher zusammengerückt" – im übertragenen Sinn. Wir sitzen schließlich alle in einem Boot. Es zeigt sich, dass die Not erfinderisch macht und ungeahnte Ressourcen freisetzt.

60-jährige Meinungsmelderin aus Horn-Lehe

Neu gewonnene Zeit und der Fluch des Homeoffice

Zeit für Gartenarbeit. Zeit zum Fensterputzen. Für Spaziergänge oder, um für die Enkel die eigene Familiengeschichte aufzuschreiben. Die neu gewonnene Zeit wird vielfältig genutzt.

Ich habe im Haushalt selten so viel geschafft wie jetzt.

49-jährige Meinungsmelderin aus Bremen-Osterholz

Andere erleben gerade die Herausforderungen, die Homeoffice mit sich bringt. Viele müssen – oder können – erstmals von zu Hause aus arbeiten. Ein Meinungsmelder aus Obervieland beschreibt den Tunnelblick, den er dadurch bekommen hat: "Morgens aufstehen, ins Büro, hunderte Zugänge für unser Homeoffice-System anlegen, nach Hause, Essen, schlafen. Damit einhergehend ein Verlust des Zeitgefühls, weil jetzt jeder Tag genauso extrem wie jeder andere ist."

Auch eine Meinungsmelderin aus Findorff berichtet von der Mehrfachbelastung: "Ich merke gerade, wie anstrengend es ist, zu Hause zu sein. Ich bin im Homeoffice und meine beiden Kinder sind natürlich auch zu Hause und müssen ihre Aufgaben erledigen. Das heißt: Ich arbeite, helfe bei den Aufgaben, telefoniere, erkläre eine Aufgabe, muss mich mal wieder mit dem Fach Französisch auseinandersetzen. Ich bin abends müder, als in der 'normalen' Zeit." Dabei bewertet sie aber auch positiv, "die Zeit jetzt als Familie zu nutzen."

Das Internet ist (noch) keine echte Alternative für alle

In Zeiten zurückgefahrener Freizeitmöglichkeiten gibt es insbesondere im Bereich Kultur und Sport immer mehr Online-Angebote. 34 Prozent der Befragten nutzen solche Angebote bislang nicht. Gründe dafür sind nach ihrer Aussage andere Beschäftigungen, fehlende Zeit und auch mangelndes Interesse. Vergleichsweise beliebt sind hingegen Übertragungen von Konzerten: 36 Prozent geben an, diese gut zu finden und auch weiter nutzen zu wollen.

Welche der neuen regionalen Internetangebote finden Sie gut und würden sie auch künftig gerne weiter online nutzen?

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Die Not, sich nicht mit der Familie, mit Freunden oder Gleichgesinnten treffen zu können, macht auch erfinderisch. Manche Meinungsmelderinnen und Meinungsmelder nutzen gestreamte Gottesdienste, nehmen an Online-Chorproben und Sportangeboten teil und verlegen auch andere Freizeitaktivitäten, die derzeit nicht wie gewohnt stattfinden können, ins Internet. Dabei entstehen neue Varianten von gewohnten Treffen wie Spieleabende oder Stammtische:

Wir haben mit den Nachbarn über WhatsApp-Videotelefonie Kniffel gespielt. Jeweils ein Handy auf die Würfel und jeweils ein Handy auf die Personen gerichtet. Man findet ungewöhnliche Wege in dieser ungewöhnlichen Zeit.

36-jährige Meinungsmelderin aus Schwanewede

‘Telebier‘: Mit Freunden im Videochat treffen und ein Getränk der Wahl einnehmen, ähnlich wie man das sonst zum Beispiel in der Kneipe tut.

33-jähriger Meinungsmelder aus Findorff

Eine Meinungsmelderin aus Großenkneten nimmt die Krise zum Anlass, neue Vorsätze zu fassen: "Ich habe mir Videos meines ehemaligen Gospelchores angesehen und beschlossen, nach der Krise wieder Mitglied zu werden."

Corona – und dann?

Danach gefragt, in welchen Bereichen die Radio Bremen Meinungsmelder am ehesten anhaltende Veränderungen erwarten, wird oft das Gesundheitswesen und die Wirtschaft genannt. Formuliert wird in diesem Zusammenhang insbesondere die Hoffnung, dass sich in Folge der Coronakrise die Arbeitsbedingungen beim Pflegepersonal und die Ausstattung der Krankenhäuser verbessern werden. Und die Abhängigkeit von importierter Technik und Medikamente neu überdacht wird.

In welchen Bereichen erwarten Sie anhaltende Veränderungen, die aus der aktuellen situation folgen?

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Lehrer und Medizinfachkräfte brauchen permanent mehr Gehalt und bessere Arbeitsbedingungen. Sie sind wichtiger, als vielen bewusst war.

43-jähriger Meinungsmelder aus Bremen

Ein Meinungsmelder sieht die Coronakrise als "Resettaste für unser von der Globalisierung bestimmtes Leben":

Was Greta nicht geschafft hat, kann jetzt passieren. Wir müssen jetzt zwingend auf die Wissenschaft hören, no excuse. – Natürlich werden wir es nach der Krise wieder vermasseln. Schade.

59-jähriger Meinungsmelder aus Bremen

Auch andere Radio Bremen Meinungsmelder sehen Chancen, dass die Coronakrise dauerhaft auch positive Effekte haben kann – aber auch die Gefahr, dass wir schnell wieder in alte Muster verfallen und uns nach der Ausnahmesituation der alte Alltag wieder einholen wird.

Ich erwarte keine anhaltenden Veränderungen. Ich glaube, wir werden ganz schnell zu unserem vorherigen Lebensstil zurückkehren.

66-jährige Meinungsmelderin aus Bremen

Als Radio Bremen Meinungsmelder können Sie Ihre Meinung direkt äußern – ungefiltert und geradeaus. Wir berichten in der kommenden Woche in unseren Radioprogrammen, im Fernsehen und auf unserer Internetseite über Ihre Meinungen.

Autorin

  • Eva Linke

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 02. April 2020, 6:10 Uhr