Interview

Ende der Weltklimakonferenz: Was bedeutet das für Bremen?

Das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut war in Kattowitz vertreten, ebenso wie Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne). Diese Lehren bringt er mit zurück nach Bremen.

Saal mit Teilnehmern der UN-Klimakonferenz COP24.
Der Hauptsaal der Weltklimakonferenz in Kattowitz. 12 Tage lang debattierten die Länder hier über Maßnahmen gegen die Erderwärmung. Bild: Reuters | Kacper Pempel
Herr Lohse, erst einmal generell: Wie haben Sie diese vergangenen Tage Weltklimakonferenz erlebt?
Es waren turbulente und anstrengende, aber auch sehr lehrreiche Tage, die teils wirklich unter die Haut gingen. Es gab bewegende Schilderungen von denjenigen, die anders als wir eben direkt von Extremwetterereignissen und naturräumlichen Veränderungen betroffen sind. Da waren junge Menschen von den pazifischen Inselstaaten, die teils unter Tränen erzählt haben, wie sie durch Unwetter Haus und Hof und auch Angehörige verloren haben. Und das dann eben Hand in Hand mit den Klimaforschern, die auch nochmal eindringlich warnten und gerade an die wohlhabenderen Staaten appellierten, noch mehr zu tun, als sie sich bisher vorgenommen haben. Dann kamen aber auch wieder Mut machende Vorträge, von Al Gore beispielweise, dem ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten. Der unterstrich, dass Klimaschutz nicht automatisch gegen die Wirtschaft gehen muss, sondern auch mit ihr gehen und viele neue Arbeitsplätze schaffen kann. Also einerseits eine Konferenz, in der der Handlungsdruck beim Klimaschutz nochmal sehr deutlich wurde, aber andererseits auch viele Möglichkeiten aufgezeigt wurden, um das Ruder herumzureißen.
Der Bremer Umweltsenator auf der Weltklimakonferenz 2018 im polnischen Kattowitz
Bremer Umweltsenator Lohse auf der Weltklimakonferenz im polnischen Kattowitz. Bild: Joachim Lohse
Nun ist die Weltklimakonferenz eine extrem große Veranstaltung, auf der auf internationaler Ebene hitzige Debatten geführt und Entscheidungen getroffen werden. Was bedeutet das, was dort passiert, für ein kleines Bundesland wie Bremen?
Das ist natürlich schon ein ziemliches Spannungsverhältnis, wenn man sich anschaut, in welcher Flughöhe dort verhandelt wird und man sich dann überlegt, wie man das denn zuhause lokal runterbricht. Aber wenn dort die Experten von der noch schnelleren Erhöhung des Meeresspiegels und vom Fischsterben erzählen, dann sollten auch wir uns direkt angesprochen fühlen. Man darf nicht vergessen: Bremen ist extrem verwundbar. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung werden durch Deiche und Hochwasserschutzmaßnahmen vor Überflutungen geschützt. Diese Maßnahmen reichen jetzt aus, aber sie werden in Zukunft nicht ausreichen. Ich sage mal: Wir sind nicht so weit von dem entfernt, was die pazifischen Inselstaaten im Hinblick auf Überschwemmungen erleben. Und das bedeutet, dass wir auch in Bremen unseren Teil leisten müssen, die Treibhausgasemissionen zu senken. Die bremische Industrie sollte meiner Meinung nach auch noch mehr die Chancen darin erkennen, auf energiesparende und klimaschonenende Verfahren umzustellen. Da passiert in Bremen auch schon was, aber noch zu wenig.
Bei der Konferenz 2015 in Paris hatte man so ein bisschen das Gefühl: Ja, jetzt ist der Knoten geplatzt, jetzt geht es vorwärts. Aber diese Aufbruchstimmung ist seitdem wieder abgeebbt. Wie bringt man das Thema auch hier wieder in die Köpfe der Leute?
Mit Paris haben sich die Staaten eine Art "Verfassung" gegeben, wo es mit dem Klimaschutz hingehen soll. Was seitdem ausgehandelt wird, ist quasi das einzelgesetzliche Regelwerk das nötig ist, um diese eher abstrakte Richtlinie auch konkret umzusetzen. Aber das braucht nun mal Geld, Nerven und Zeit. Wenn man den Schilderungen hier zuhört, kriegt man das Gefühl "Wir müssen sofort etwas tun". Für die Menschen in Deutschland ist es aber noch zu weit weg. Dabei betrifft es uns schon jetzt. Vielleicht nicht so sehr in der Form von Wetterphänomenen, aber in der Form von Flucht- und Migrationsbewegungen. Denn es gibt heute schon Menschen, die tatsächlich vor dem Klima weglaufen, weil es sie in ihrer ökonomischen Lebensgrundlage bedroht. Und die kommen auch hierher. Zudem: Die Veränderungen, von denen diese Menschen betroffen sind, die werden uns in der norddeutschen Tiefebene in nicht allzu ferner Zukunft auch betreffen. Nur weil die Pauliner Marsch in den letzten 50 Jahren nicht überschwemmt war, heißt das nicht, dass das in den nächsten 50 Jahren auch nicht passieren wird.
Dann aber nochmal die Frage: Wie macht man das den Leuten klar?
Vielleicht ist eine Lösung wirklich, dass man versucht, den Dialog mit den Leuten zu intensivieren, die unmittelbarer betroffen sind als wir. Man müsste überlegen, ob man mit solchen Formaten, wie sie hier stattgefunden haben, mehr Verständnis auch in unserer saturierten Gesellschaft in Deutschland wecken kann. Spätestens bei der Frage, wie es denn vielleicht irgendwann um die eigenen Kinder und Enkelkinder stehen wird, sollte jeder zumindest ein wenig ins Nachdenken kommen, dass wir das Thema doch mehr als eine Verantwortung über unsere eigene Zeit hinaus sehen. Aber diesen Hebel umzulegen, das wird auch in Zukunft nicht einfach sein.
Deutschland hat jetzt auch noch einmal mehr finanzielle Hilfen zugesichert. Weitere 70 Millionen Euro sollen an ärmere Staaten gehen, um dort Klimaprojekte zu unterstützen. Was halten Sie davon?
Das halte ich für absolut richtig und wichtig. Das ist ein Signal, was Deutschland auch sehr hohe Anerkennung hier einträgt. Man merkt, da hat Deutschland eine gewisse Vorbildfunktion. In der Hoffnung, dass auch andere Industrieländer nochmal ihre Schatullen aufmachen. Und es steht uns vor allem deshalb gut zu Gesicht, weil wir hier ja auch in der Kritik stehen, denn wir haben den Kohleausstieg bislang doch nicht so vorangebracht, dass wir schon Kohlekomission Ergebnisse präsentieren könnten. Das ist uns von mehreren Seiten vorgehalten worden. Und es wird zugleich mit der Schwierigkeit argumentiert, Atom- und Kohleausstieg gleichzeitig machen zu wollen. Das ist ja nun auch kein Kinderspiel. Ärmere Länder zu unterstützen ist daher nicht nur moralisch richtig, sondern es stärkt uns auch in unserer Vorreiterposition, die wir nun mal haben.

Autor

  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 14. Dezember, 9:10 Uhr