Kommentar

4 ehemalige USA-Korrespondenten aus Bremen blicken auf die US-Wahl

Radio Bremen entsendet regelmäßig Korrespondenten in ARD-Studios in Nordamerika. Hier schildern sie vor der Wahlnacht ihre Eindrücke, Erfahrungen und Erwartungen.

Amerikanische Flagge, im Hintergrund das Weiße Haus
Wer zieht als nächster Präsident ins Weiße Haus ein? Die Antwort auf diese Frage wird auch in Bremen mit Spannung erwartet. Bild: Imago | Shotstop

Neben den rund 1.200 Amerikanerinnen und Amerikaner im Land Bremen schauen auch die vier ehemaligen USA-Korrespondenten von Radio Bremen auf die Wahl in den Vereinigten Staaten von Amerika. Einer hat sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft und hat selbst gewählt. Für einen anderen ist die Wahl wie ein WM-Finale. Vier Ex-Korrespondenten, vier Perspektiven. Einig sind sie sich nur in einem Punkt: Die Wahl ist spannend.

1 Trump vs. Biden: Die wichtigste Wahl ihres Lebens

Torben Ostermann
Torben Ostermann war 2019/20 Korrespondent in Washington. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Torben Ostermann, ARD-Korrespondent im Studio Washington 2019/2020:

Viele Amerikanerinnen und Amerikaner sprechen von der wichtigsten Wahl ihres Lebens. Auch meine Bekannten dort wählen dieses Superlativ, um zu beschreiben, was in ihnen vorgeht. Was mich als USA-Korrespondent sehr bewegt hat, war die Emotionalität – und zwar auf beiden Seiten.

Für Afroamerikaner ist es nicht auszuhalten, dass jemand im Weißen Haus sitzt, der eine rassistische Sprache benutzt und White Supremacists wie die Proud Boys unterstützt mit Sätzen wie "stand back and stand by" (sinngemäß "haltet euch zurück und haltet euch bereit").

Aber es gibt eben auch die, die Trump wählen und die ihn für das feiern, was er gemacht hat. Das wird in Deutschland manchmal missverstanden.

Torben Ostermann

Viele Trump-Anhänger finden seinen Stil und seine Tweets daneben, wünschen sich, dass er manchmal einfach "die Klappe hält". Aus deren Sicht liefert er aber und darum geht es ihnen. Konservative Richter, Steuersenkungen, Austritte aus internationalen Abkommen. Das hat er ihnen versprochen und seine Versprechen gehalten: Promise made, promise kept.

Warum so ein gnadenloser Populist wie Donald Trump Präsident werden konnte? Tja: Weil viele Amerikaner, teilweise zurecht, sauer auf die Washingtoner Eliten sind. Es war nicht Donald Trump, der die unbezahlbaren Medikamente, die kaputte Infrastruktur und teuren Universitäten eingeführt hat. Donald Trump ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung, die ihren Tiefpunkt hoffentlich hinter sich hat. Die Spaltung wird auch nach der Wahl noch da sein – egal wer gewinnt.

2 Biden ist nicht progressiv genug, aber Trump keine Option

Kumpf Sarah
Sarah Kumpf war 2013/14 Korrespondentin in Washington. Bild: Radio Bremen | Marissa Kimmel

Sarah Kumpf, ARD-Korrespondentin im Studio Washington 2013/2014:

In den vergangenen Wochen habe ich den Wahlkampf so viel wie möglich von hier aus verfolgt: in deutschen Zeitungen und online, aber auch die Berichterstattung der Washington Post oder der New York Times. Am meisten von der Stimmung bekomme ich auf Facebook mit.

Viele meiner amerikanischen Freundinnen posten dort regelmäßig etwas zur Wahl. Joe Biden war ursprünglich nicht ihr Kandidat – er war ihnen nicht progressiv genug. Sie haben sich trotzdem dazu entschlossen, ihn zu unterstützen – und ihren Frieden mit ihm gemacht.

Viele meiner Freundinnen sind queer, mit Frauen verheiratet, schwarz, jüdischen Glaubens – oder Kombinationen davon. Trump zu wählen ist für sie keine Option.

Sarah Kumpf

Eine Freundin, eine Lehrerin aus Baltimore, macht seit Monaten Wahlkampf auf Facebook. Sie hat über Wochen hinweg 100 Pro-Biden-Posts veröffentlicht und immer wieder daran erinnert, wie wichtig die Wahl ist. Eine andere Freundin, die Anwältin ist, arbeitet freiwillig bei einer Hotline, die sich um Einschüchterungsversuche bei der Wahl kümmert. Wer zum Beispiel vom Wählen abgehalten wird, kann sich dort melden.

Heute Nacht kann ich leider nicht wach bleiben, um die ersten Hochrechnungen abzuwarten. Ich bin aber zu einem Videochat mit Freundinnen in den USA verabredet – und höre dann zumindest, wie die Stimmung bei ihnen ist. Morgen früh wird mein erster Blick sicherlich aufs Handy gehen. Es ist ohnehin nicht gesagt, dass wir morgen ein feststehendes Ergebnis haben. Es wird spannend.

3 Die US-Wahl ist wie das Finale der Fußball-WM

Robert Kiendl
Robert Kiendl war 2009/10 Korrespondent in Washington. Bild: Radio Bremen | Robert Kiendl

Robert Kiendl, ARD-Korrespondent im Studio Washington 2008/2009:

Der 3. November ist für mich wie für andere das Endspiel einer Fußball-WM: extrem spannend. Die Fernsehkanäle überbieten sich darin, die beste Show zu liefern. Das war bei Obamas Wahl vor zwölf Jahren nicht anders. Mittlerweile jedoch kommen mir viele US-Medien noch sehr viel parteiischer als damals vor: Nahezu jede Zeitung, jeder Sender tendiert zu einem der beiden Lager. Dazu der inzwischen so brutale Social-Media-Wahlkampf – objektive Berichterstattung ist immer schwieriger zu finden. Deshalb werde ich in der Wahlnacht mit der Popcorntüte auf dem Schoß zwischen den US-Programmen hin- und herschalten, um mir ein möglichst ausgewogenes Bild zu machen.

Schon zu meiner Korrespondentenzeit in Washington war die amerikanische Gesellschaft tief gespalten. Viele Deutsche meinten damals, fast alle Amerikaner und Amerikanerinnen müssten nach den Bush-Jahren hinter dem 'Hoffnungsträger' Barack Obama stehen. Sein umjubelter Auftritt an der Berliner Siegessäule sprach ja Bände. Doch in den USA pendelten die Umfragen eher 'fifty-fifty' hin und her – zwischen Obama und einem gewissen Joe Biden auf der einen sowie dem Republikaner John McCain und – wer erinnert sich? – Sarah Palin auf der anderen Seite. Ihretwegen konnten wir Korrespondenten uns damals kaum einen bizarreren US-Wahlkampf vorstellen. Lange her!

Eine Prognose, wer die Wahl jetzt gewinnt, möchte ich nicht abgeben: Die USA bleiben auch politisch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – everything is possible!

Robert Kiendl

Landesweite Umfragen haben in Amerika nur geringe Aussagekraft. Es zählen – Hillary Clinton kann ein Lied davon singen – einige wenige sogenannte 'Swing States'. Und da sollte sich bei uns niemand täuschen: Trump kann motivieren und euphorisieren wie sonst nur Obama. Biden hingegen – für viele zwar ein feiner Kerl – kommt mir immer noch wie eine Notlösung vor. Und nur weil Trump in Deutschland so unbeliebt ist, heißt das nicht, dass eine (vielleicht auch nur knappe) Mehrheit in Pennsylvania oder Ohio ihm nicht doch wieder zum Sieg verhilft. Ob mir dann mein Popcorn morgens um vier Uhr noch schmeckt, tut hier nichts zur Sache.

4 Der Enthusiasmus von Trump ist greifbar – anders als bei Biden

Christian Schwalb
Christian Schwalb, ARD-Korrespondent in den USA. Bild: Radio Bremen | Christian Bordeaux

Christian Schwalb, ARD-Korrespondent in den USA von 1999 bis 2010:

Die Anspannung! Diese Wahl tut schon seit Monaten physisch weh. Ich will das nur noch hinter mich bringen. Wir haben früh an der Briefwahl teilgenommen, als Auslands-New Yorker. Es heißt, eine Stimme in Alaska ist so viel wert wie zehn Stimmen in New York. Weil die Wahlmänner dort immer schon vergeben sind, für die Demokraten. Aber unsere Stimmen braucht Joe Biden ja sowieso nicht. Hat der nicht längst gewonnen?! Jedenfalls trommeln unsere Medien das seit Monaten. Weil sie sich auf CNN und die Umfragen verlassen. Dabei ist das genauso ein Paralleluniversum wie das von Trumps Haussender Fox News.

Trump ist ein erfolgreicher Präsident. Das verkennen wir hier. Der hat für seine Leute geliefert: Wirtschaft, Supreme Court, Einwanderung, Law and Order. Das Impeachment-Verfahren? Redet kein Mensch drüber.

Covid-19? Ja, es sind auch viele Republikaner gestorben. Aber Biden hätte die Leichensäcke vor den New Yorker Krankenhäusern im Wahlkampf buchstäblich wieder auspacken und Trump vor die Füße werfen müssen.

Christian Schwalb

Trumps bizarres 'Management' der Pandemie wird seine Wähler wohl nicht entscheidend genug abschrecken.

Und dann das Ende dieses Wahlkampfs. Trump mobilisiert. Der Enthusiasmus ist greifbar, anders als bei Bidens Auftritten. Meine große Hoffnung ist, dass Trump nicht nur seine Leute, sondern auch den Gegner mobilisiert! Es tut weh, das zu sagen: Aber ich hoffe auf den Hass! Wenn der Hass auf Trump so groß ist wie er 2016 bei den Republikanern auf Hillary Clinton war: Dann könnte Trump zu 'Hillary 2020' werden. Das wäre eine Ironie der Geschichte. Und für Trump die Höchststrafe. Aber... es bliebe dieser Hass. Wer kann das wollen?

Kinder erklären die US-Wahl

Video vom 3. November 2020
Ein junges Mädchen, welches ein Bild des aktuellen US-Präsidenten Donald Trump in der Hand hält.
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Torben Ostermann Redakteur und Autor
  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin
  • Christian Schwalb
  • Robert Kiendl Redakteur

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 2. November 2020, 10:10 Uhr