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Bremer Anleger geprellt? Finanzaufsicht nimmt "Share BNB" ins Visier

Video vom 8. Juli 2021
Das Sharebnb Logo in dessen Werbevideo, im Hintergrund eine Stadt von oben.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Während Bremer Kleinanleger auf die versprochenen Erträge warten, schwelgen die Profiteure offenbar im Luxus. Eine buten-un-binnen-Nachfrage bringt Ermittlungen ins Rollen.

Die staatliche Finanzaufsicht hat auf Hinweis von buten un binnen ein Geldanlage-Portal ins Visier genommen, das unter anderem in Bremen eifrig beworben wird. Die Plattform "Share BNB" verspricht satte Renditen für Kleinanleger – die warten allerdings seit Monaten auf die versprochenen Erträge, während die Profiteure der Plattform offenbar im Luxus schwelgen.

Christina Rissmeyer hat fast 1.000 Euro an Share BNB überwiesen. Sie wird das Geld vermutlich nie wiedersehen. Für die alleinerziehende Mutter aus dem Bremer Umland eine Katastrophe. "Ich wollte Geld für meine Kinder anlegen", sagt sie. Von einem Bekannten hatte die 37-Jährige von einer vermeintlich lohnenswerten Investment-Möglichkeit erfahren. Ende vergangenen Jahres besuchte sie schließlich eine Online-Informationsveranstaltung, auf der sie mehr erfahren sollte. Mehrere Interessierte fanden sich dort ebenfalls ein. Ihnen war gemeinsam, dass sie wirtschaftlich eher zum unterprivilegierten Teil der Gesellschaft gehörten. Die meisten hatten über Mund-zu-Mund-Propaganda von der Sache erfahren. Initiator der Veranstaltung war Gero W. aus Bremen-Nord, der sich selbst als Finanzberater bezeichnet. Er warb leidenschaftlich für eine vermeintlich hochrentable Geldanlage namens "Share BNB".

Enorm hohe Renditen versprochen

Standbild aus Imagefilm: Mann steht im Anzug gekleidet an einer Fensterfront in einem modernen Hochhaus mit Blick über eine Großstadt
Mit Hochglanz-Fotos wie diesem warb ShareBNB online. Bild: Share BNB / Screenshot

Laut Gero W. soll Share BNB mit der Zimmervermittlungs-Plattform Airbnb, einem US-amerikanischen Milliardenkonzern, kooperiert haben. Airbnb hat dies auf Nachfrage von buten un binnen bestritten. Anlegerinnen wie Christina Rissmeyer versprach der sogenannte Finanzexperte, sie könnten weltweit Anteile von Airbnb-Gästezimmern erwerben und würden am Gewinn beteiligt, den diese erwirtschafteten. 16 bis 24 Prozent pro Monat lautete das enorme Renditeversprechen, das auch auf der Share-BNB-Webseite genannt wird. Kunden, die neue Anleger werben, verspricht Share BNB zudem satte Vermittlungsprämien.

Das Unternehmen ist erst im Herbst 2020 als englische Limited gegründet worden. Seitdem wird es fast ausschließlich online von einem Netzwerk an Außendienstmitarbeitern wie Gero W. beworben. Entsprechenden Gruppen im Messengerdienst Telegram folgen Tausende Menschen. Aber auch auf Facebook, YouTube oder Instagram ist Share BNB vertreten. Doch schon wenige Wochen nach dem Start des Unternehmens häuften sich in den Online-Foren die Beschwerden von offenbar geprellten Kunden.

Auch Christina Rissmeyer wartet seit Monaten auf die versprochenen Erträge. Auf der Internetseite von Share BNB wird sie ein ums andere Mal vertröstet. Immer wieder werden Server-Probleme als Grund für die Verzögerung angegeben. Buten un binnen spricht mit mehreren Share-BNB-Anlegern – sie berichten ähnliches. Rissmeyer sucht schließlich Hilfe bei einem staatlich anerkannten Anlageberater. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler beginnt, Share BNB zu analysieren und stellt schnell fest, dass es sich bei der Plattform um ein betrügerisches System handeln dürfte. Auf sein Anraten erstattet Rissmeyer schließlich Anzeige bei der Polizei.

Polizei warnt vor betrügerischem Schneeballsystem

Polizeisprecher Nils Matthiesen
Polizeisprecher Nils Matthiesen vermutet ein betrügerisches Schneeballsystem hinter der Plattform Share BNB. Bild: Radio Bremen

Vermittler Gero W. lebt mittlerweile nicht mehr in Bremen, sondern in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. "Life is good", schreibt er unter ein Strandfoto auf seiner Facebook-Seite. Auf Nachfragen seiner Share-BNB-Kunden reagiere er nicht mehr, berichten uns Geschädigte. Auch eine Anfrage von buten un binnen lässt der gelernte Speditionskaufmann unbeantwortet. Christina Rissmeyer hat Anzeige bei der zuständigen Polizeiinspektion Delmenhorst erstattet. Dort laufen mittlerweile Ermittlungen wegen des Verdachts auf Anlagebetrug, teilt ein Sprecher mit. Auch die Bremer Polizei hat sich auf Anfrage von buten un binnen mit Share BNB beschäftigt und gelangt zu der Einschätzung, dass es sich bei der beschriebenen Vorgehensweise augenscheinlich um eine Form von betrügerischen Schneeballsystemen handle. "Diese zeichnen sich regelmäßig dadurch aus, dass vermeintlich hohe Renditen bei einem vorgeblich geringen Risiko versprochen werden", so Pressesprecher Nils Matthiesen. Zudem ziele das Schneeballsystem insbesondere darauf ab, viele neue Investoren zu rekrutieren, um so möglichst hohe Summen zu generieren.

In vielen Fällen bleiben die Investoren auf dem finanziellen Schaden der getätigten Investition sitzen, da es in der Folge nicht zu Auszahlungen der Investitionen beziehungsweise der vorgegebenen Gewinne kommt.

Nils Matthiesen, Pressesprecher

Die Share-BNB-Webseite wirkt auf den ersten Blick wie der Auftritt eines seriösen Finanzinstituts. Menschen in Kostüm und Nadelstreifen erzählen in einem Image-Video die vermeintliche Erfolgsstory des Unternehmens. Ein internationales Team gutaussehender Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer präsentiert sich und seine Kontaktdaten auf der Seite und suggeriert Erreichbarkeit und Seriosität.

Mit gekauften Model-Fotos ein Hochglanz-Image vorgetäuscht

Standbild aus Imagefilm: vier junge Personen in eleganter Geschäfts-Kleidung gehen zusammen
Fotos der vermeintlichen Geschäftsführer von Share BNB entpuppen sich als Aufnahmen aus einer Werbefoto-Datenbank. Bild: Share BNB / Screenshot

Doch nur wenige Mausklicks reichen aus, um Zweifel am Image von Share BNB aufkommen zu lassen. Die Porträts der vermeintlichen Geschäftsführung erweisen sich als Aufnahmen aus einer Werbefoto-Datenbank. Die angeblichen Firmen-Bosse sind Models, die mit ihrem Antlitz auf anderen Webseiten für Kosmetika oder Bürobedarf werben.

Das Unternehmen täuscht seine Kundschaft auch beim vermeintlichen Firmensitz. Die Webseite suggeriert, dass Share BNB in einem prächtigen Anwesen im Zentrum von London sitzt. Ein Blick in das britische Firmenregister zeigt, eine weit weniger prestigeträchtige Adresse: Share-BNB-Zentrale ist demnach ein renovierungsbedürftiger Wohnblock in der englischen Provinz.

Die Hintermänner von Share BNB kommen offenbar aus Deutschland. In einschlägigen Telegram-Gruppen brüsten sich immer wieder Sven K. und Ramon V. damit, eine entscheidende Rolle bei Share BNB zu spielen. Beide Männer leben offenbar auf Bali. Auf ihren Social-Media-Kanälen setzen sie ihren luxuriösen Lebensstil in Szene. Pool-Partys mit halbnackten Frauen, Champagner-Gelage, Luxusautos oder vergoldete Feuerwaffen sind wiederkehrende Motive. Der Vegesacker Gero W. ist mit den beiden Wahl-Balinesen laut seinem Facebook-Profil in stetem Austausch. Auf eine unsere Interviewanfrage reagieren sie nicht.

Staatliche Finanzaufsicht schaltet sich ein

Umso mehr interessiert sich die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) für die buten-un-binnen-Recherchen zu Share BNB. Die Behörde ermittelt seit Ende Juni gegen das Unternehmen. Offizielle Begründung: Es bestehe der Verdacht, dass das Unternehmen unerlaubt Bankgeschäfte beziehungsweise Finanzdienstleistungen in Deutschland anbiete, ohne über eine entsprechende Erlaubnis zu verfügen. Am 6. Juli legt die BaFin noch einmal nach. Auf ihrer Webseite teilt sie mit:  "Die BaFin hat (…) gegenüber der Share BNB LTD, Großbritannien, die sofortige Einstellung des unerlaubt betriebenen Einlagengeschäftes angeordnet."

Ob sich demnächst auch Staatsanwaltschaften mit Share BNB beschäftigen, entscheidet sich laut BaFin in den kommenden Wochen. Dann entscheidet sich, ob auch gegen die Hintermänner des Schneeballsystems ermittelt wird. Die Webseite von Share BNB ist mittlerweile offline. An der Situation von Christina Rissmeyer und allen anderen Anlegern und Anlegerinnen dürfte das wohl nicht mehr viel ändern. Vieles spricht dafür, dass das Geld der arglosen Share-BNB-Kundschaft längst vom Luxus-Leben einiger weniger Profiteure auf Bali oder in Lissabon verprasst wurde.

Autor

  • Sebastian Manz Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. Juli 2021, 19:30 Uhr