Pleitenangst bei Bremer Gastronomen: "Hilfe muss jetzt schnell kommen"

Der Bund und die Länder haben gesprochen: Bis Weihnachten bleibt beim Lockdown alles etwa so, wie es ist. Vor allem Handel, Hotels und Gastronomie bleiben eingeschränkt.

Video vom 26. November 2020
Zwei Männer, die an einer Theke eines Restaurants stehen und eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen.
Bild: Radio Bremen

Vor allem der großflächige Einzelhandel muss sich nach den Beschlüssen vom Mittwoch auf neue Einschränkungen einstellen. Denn auf der 800 Quadratmeter überschreitenden Ladenfläche ist künftig nur noch ein Kunde je 20 Quadratmeter erlaubt. Auf den ersten 800 Quadratmeter sind es doppelt so viele. Was Kaufhäuser wie Karstadt oder Lestra da schon kürzer treten lassen mag, wird in Einkaufszentren noch mal ein Stück komplexer:

Für Einkaufszentren ist die jeweilige Gesamtverkaufsfläche anzusetzen. Durch ein abgestimmtes Einlassmanagement müssen Einkaufszentren und Geschäfte verhindern, dass es im Innenbereich von Einkaufspassagen oder Einkaufszentren zu unnötigen Schlangenbildungen kommt.

Beschluss der Länder und des Bundes vom 25. November 2020

Einkaufszentren stehen vor Puzzle

Die leeren Gänge des Einkaufszentrums Weserpark.
Der Weserpark gilt nach dem Beschluss von Bund und Ländern als ein Geschäft. Bild: Radio Bremen

So steht es im Beschluss der Länder und des Bundes. Für ein Einkaufszentrum wie etwa den Weserpark heißt das, ein Puzzle zu lösen. Dennis Bastuck vom Center-Marketing hält es allerdings für lösbar: Jeder der Eingänge zum Weserpark hat eine eigene Zähl-Anlage und so gibt es stets in Echtzeit eine Zahl, wie viele Personen im Einkaufszentrum sind. Danach sind dann die einzelnen Geschäfte dran, zu kontrollieren, wie viele Kunden sie in ihrem Laden haben: "Da haben wir gar keine Handlungsbefugnis." Klar sei aber auch: Aus der Erfahrung der vergangenen 30 Jahre zeige sich, dass selbst zu Stoßzeiten bezogen auf den gesamten Weserpark niemals so viele Kunden im Haus waren, wie jetzt reindürften. In einzelnen Geschäften jedoch könne es in den kommenden Wochen schon mal vorkommen, dass für kurze Zeit nicht jeder Kunde sofort Zutritt erhält.

Auch Senatssprecher Christian Dohle setzt darauf, dass die Kaufhäuser und Geschäfte die neuen Regeln vernünftig und eigenverantwortlich umsetzen. Schlangen vor den Socken jedenfalls seien nicht zu akzeptieren, nur weil bei den Krawatten gerade keine Kunden sind. Nicht zufällig steht im Beschluss ja, dass "Schlangenbildungen" zu vermeiden seien. Abstandsregeln und Maskenpflicht seien wichtig und würden auch kontrolliert, kündigt Dohle an.

Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) erkennt durchaus an, dass diese Beschlüsse vor allem im Handel keine Begeisterung auslösen müssen. Immerhin sei es gelungen, gestuft vorzugehen:

Die kleineren, meist inhabergeführten Läden werden etwas schonender behandelt. Das ist auch richtig, denn sie verfügen über weniger Finanzreserven.

Kristina Vogt (Linke), Wirtschaftssenatorin

In der Wirtschaftsministerkonferenz am kommenden Montag will sie nochmal das Thema aufrufen, wie die geschwächten Innenstädte gestärkt werden können, kündigt Vogt an: "Handel, Gastronomie und Tourismus brauchen noch mehr Klarheit und Planungssicherheit für 2021."

Handelsverband: Falsches Signal

Beim Handelsverband Niedersachsen-Bremen werden die Beschlüsse sehr kritisch gesehen. Hauptgeschäftsführer Mark Alexander Krack sieht vor allem die Innenstadt-Geschäfte schwer getroffen, die ein spezielles Weihnachts-Sortiment anbieten: "Die stellen einen deutlichen Kunden-Rückgang fest." Und Krack meint, dass es nicht notwendig gewesen wäre, weitere Einschränkungen zu beschließen, denn es gebe keinerlei Erkenntnisse, dass der Handel irgendeine besondere Rolle bei der Verbreitung des Coronavirus einnehme. Mit den neuen Auflagen aber werde ein falsches Signal auf der psychologischen Ebene ausgegeben:

Der Beschluss trifft uns auch, weil er signalisiert, der Handel könnte gefährlich sein.

Mark Alexander Krack, Handelsverband Niedersachsen-Bremen.

Das halte auch Kunden fern, die eigentlich bereit wären, den Händler ihres Vertrauens aufzusichen.

Kneipen: "Wir erbringen ein Sonderopfer"

Ein Gastronom hängt ein Geschlossen-Schild in die Tür (Symbolfoto)
Bis kurz vor Weihnachten jedenfalls kann das Schild hängen bleiben. Bild: DPA | Ramon van Flymen

Getroffen sind auch wieder die Gastronomen und Wirte. Thorsten Lieder, Geschäftsführer der Bremer Gastro-Gemeinschaft, spricht von einem "Sonderopfer", das die Branche bringe. Denn inzwischen ist klar, dass Kneipen und Restaurants nicht die "Treiber des Infektionsgeschehens" sind – und dennoch daran gehindert werden, ihrem Geschäft nachzugehen. Dankbarkeit über die zugesagten Hilfen will sich bei ihm daher auch nicht einstellen – sie seien angesichts der Situation nichts anderes "als eine Selbstverständlichkeit". Mehr noch: Es sei absolut essentiell, dass die zugesagten Hilfen schleunigst ausgezahlt werden. Für die vor einem Monat zugesagte "Novemberhilfe" ist erst seit dieser Woche der Antrag möglich.

Die um die Feiertage eventuell mögliche Öffnung der Betriebe dürfte sich in den allermeisten Fällen nicht lohnen, weil das personell und auch im Wareneinkauf "absolut nicht wirtschaftlich" machbar wäre. Allerdings müsse noch erst die für kommende Woche angekündigte neue Rechtsverordnung mit den Details abgewartet werden. Insgesamt sei die Lage für Wirte zunehmend anstrengend:

Es ist natürlich zermürbend, wenn man Monat um Monat nicht weiß, wie es weiter geht.

Thorsten Lieder, Geschäftsführer Bremer Gastro-Gemeinschaft.

Ins selbe Horn wie Lieder stößt Detlev Pauls, Vorsitzender des Gaststätten- und Hotelverbandes Dehoga in Bremen: "Es ist dringend nötig, dass das Geld jetzt kommt." Die Abschlagszahlungen von bis zu 10.000 Euro helfen vielleicht so gerade eben kleinen Betrieben mit wenigen Mitarbeitern. Größere Häuser hingegen kämen damit über keine Hürde. Dass der Beschluss vom Mittwoch mit Öffnungen ab 20. Dezember winkt, hält Pauls weniger für eine echte Perspektive, als vielmehr eine rechtliche Notwendigkeit: Die Beschränkungen laut Infektionsschutz-Gesetz dürften immer nur für vier Wochen gelten. "Ich gehe davon aus, dass auch über Weihnachten nichts geht." Und selbst wenn: Kein Gastronom könne Waren für eine vier- oder fünftägige Öffnung einkaufen.

Weihnachtsbesuch zählt wie Dienstreise

Für Senatssprecher Dohle ist dabei dann aber doch noch eines wichtig: Wenn die Großeltern aus anderen Städte über Weihnachten anreisen, um Heiligabend mit den Enkeln verbringen zu können und lieber in ein Hotel gehen, weil die Wohnung zu klein ist, können sie das. "Das gilt nicht als Reise zu touristischen Zwecken", wie sie derzeit noch untersagt sind, sagt Dohle. So etwas gilt quasi als Dienstreise.

Rückblick: Wer bekommt Geld im Lockdown light?

Video vom 5. November 2020
Die Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt im Interveiw.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. November 2020, 19:30 Uhr