Jens Böhrnsen: Bürgermeister der ruhigen Töne wird 70

Zehn Jahre war er Bürgermeister in Bremen und für kurze Zeit auch Bundespräsident. Nach seinem Rücktritt zog es den Sozialdemokraten zurück zu seinen Wurzeln.

Jens Böhrnsen steht am Wahlabend im TV-Studio der ARD in der Bürgerschaft in Bremen.
Böhrnsen trat nach den Verlusten bei der Landtagswahl 2015 nicht wieder als Regierungschef an. Bild: DPA | Julian Stratenschulte

Er war nie der Mann der großen Worte, des großen Auftritts – Jens Böhrnsen war als Bürgermeister einer, der den ruhigen Führungsstil pflegte. Auch am 11. Mai 2015, am Tag seines Rückzugs, kamen von ihm eher leise Töne. Seine Partei, die SPD, hatte so schlecht wie noch nie zuvor bei einer Bremer Bürgerschaftswahl abgeschnitten. Mit Verlusten von 5,8 Prozentpunkten blieb sie zwar vor der CDU die stärkste Kraft, aber sie konnte nur noch mit einer sehr knappen Mehrheit das rot-grüne Regierungsbündnis fortsetzen. Jens Böhrnsen nahm die Niederlage auf seine Kappe und trat zurück.

Ich habe gerne für Bremen, für dieses Land, für diese beiden Städte, Bremen und Bremerhaven, gearbeitet. Ich hätte das auch gerne fortgesetzt.

Jens Böhrnsen zu seinem Rücktritt

Der Verwaltungsrichter Böhrnsen begann 1996 seine politische Karriere als stellvertretender Vorsitzender des Vulkan-Untersuchungsausschusses. Durch den Konkurs des Bremer Werftenverbundes verloren Tausende Arbeiter in Bremen und Bremerhaven ihren Job. Hier erwarb er sich den Ruf eines fleißigen Arbeiters, dem auch die Opposition Verlässlichkeit und Sachlichkeit attestierte.

Böhrnsens großes Vorbild ist sein Vater, Gustav Böhrnsen (1914-1998) – ein mächtiger Gewerkschafter und SPD-Urgestein, der sich im Widerstand gegen die Nationalsozialisten engagierte und dafür vier Jahre im Zuchthaus saß. Ab 1954 führte Gustav Böhrnsen 25 Jahre lang den Betriebsrat der Großwerft "AG Weser" und war auch SPD-Fraktionsvorsitzender in der Bremischen Bürgerschaft.

Bürgermeister in schwierigen Zeiten

SPD-Landesparteitag: Willi Lemke, Henning Scherf und Jens Böhrnsen
Jens Böhrnsen (r) und sein unterlegener Gegenkandidat Willi Lemke (l) werden vom scheidenden Regierungschef Henning Scherf in die Arme genommen. Bild: DPA | Ingo Wagner

Dieser Stallgeruch war 2005 womöglich entscheidend, als Jens Böhrnsen mit Ex-Werder-Manager Willy Lemke ums Bürgermeisteramt kämpfte. Überraschend hatte sich Vorgänger Henning Scherf vorzeitig zurückgezogen. Das Duell Promi gegen Parteisoldat gewann der Arbeitersohn und übernahm die Regierungsverantwortung für das kleinste deutsche Bundesland. Im gleichen Jahr stieg die Arbeitslosenquote in Bremen auf über 15 Prozent und der Schuldenberg wuchs auf über 12 Milliarden Euro. Das Land befand sich in einer "existenzbedrohenden Haushaltskrise", die Böhrnsen während seiner gesamten Amtszeit begleitete. Immer wieder klagte Bremen vor dem Bundesverwaltungsgericht zusätzliche Finanzhilfen ein und strebte zudem eine Föderalismusreform im Bund an.

Fall Kevin und die Folgen

Überschattet wurde Böhrnsens Amtszeit auch vom Fall Kevin, der zum Rücktritt der Bremer Sozialsenatorin Karin Röpke (SPD) führte. Am 10. Oktober 2006 fanden Polizisten die Leiche des zweieinhalbjährigen Kindes im Kühlschrank seines wegen Gewalttaten vorbestraften Vaters. Der Fall offenbarte schwere Versäumnisse des Jugendamtes, das trotz Amtsvormundschaft den Jungen immer wieder in die Obhut seiner drogensüchtigen Eltern zurückgab. Bürgermeister Böhrnsen wusste nach eigenen Angaben schon vor Kevins Tod von dessen schwierigen Lebensumständen. Aber alle Versuche ihn zu retten, scheiterten an den Behörden. Ein entsetzliches Staatsversagen, konstatierte Böhrnsen später. Ein Fall, der Bremen veränderte.

Bestätigung im Amt

Aus den Wahlen 2007 ging die SPD als stärkste Fraktion hervor und regierte seitdem in einer rot-grünen Koalition. Die bisherige Fraktionsvorsitzende der Grünen, Karoline Linnert, übernahm das Amt der zweiten Bürgermeisterin und zudem das der Finanzsenatorin. Sie verhängte eine Haushaltssperre und setzte die Föderalismusreform um. Bremen war nun zum Sparen verpflichtet, um bis 2020 einen ausgeglichen Haushalt zu erreichen.

Bundespräsident für 30 Tage

Amtierender Bundespräsident Jens Böhrnsen gibt Pressekonferenz
Böhrnsen ganz staatsmännisch. Bild: DPA | Wolfgang Kumm

2010 durfte Jens Böhrnsen sogar einmal Bundespräsident sein. Amtsinhaber Horst Köhler war überraschend zurückgetreten und Böhrnsen musste als amtierender Bundesratspräsident kommissarisch dessen Aufgaben übernehmen. Mit seiner ruhigen Art kam er auf dem Berliner Parkett gut an und machte sich bundesweit einen Namen. Die Medien lobten ihn übereinstimmend. Er habe als Interimspräsident "eine denkbar gute Figur" gemacht.

Wiederwahl zum Bürgermeister

Zu Hause in Bremen holt er sich Wahlkampfunterstützung. Die Zeichen standen auf Sieg und Weitermachen: Die regierende rot-grüne Koalition konnte unter Böhrnsen ihre Mehrheit ausbauen. Ein Jahr später trat im Zusammenhang mit dem Tod von drei Frühgeborenen durch Krankenhauskeime in einer städtischen Klinik die Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) zurück. Zudem sorgte auch der Polizeikostenstreit, den Innensenator Urlich Mäurer (SPD) mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) führte, für bundesweites Aufsehen. Bis heute finden keine Spiele der deutschen Nationalmannschaft mehr in Bremen statt. In der Sache bekam die Hansestadt später Recht.

Nach dem Rücktritt zurück zu den Wurzeln

Als die SPD mit Böhrnsen als Spitzenkandidat bei der Bürgerschaftswahl 2015 ihr bis dahin schlechtestes Ergebnis erzielte, musste er erst noch eine Nacht darüber schlafen, bis er die Verantwortung übernahm und sich aus der Politik zurückzog. Nach einer Auszeit entschied er sich dafür, wieder als Jurist zu arbeiten. Mit 66 Jahren stieg er bei einer großen Bremer Kanzlei als Partner ein.

Nach dem Rücktritt: Ein Bürgermeister der leisen Töne

Jens Böhrnsen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. Juni 2015, 19:30 Uhr