Bremer Klinikverbund warnt vor "unkalkulierbaren Patientenströmen"

Ein neues Gesetz soll ab Januar eigentlich die Versorgung von Patienten verbessern, aber dafür fehlen Pflegekräfte – und Bremer Kliniken sehen ein weiteres Problem.

Drei Pflegerinnen arbeiten am Bett eines Patienten auf einer Intensivstation.
Ab Januar 2019 greift die Pflegepersonaluntergrenze. Damit soll es mehr Pflegekräfte in Kliniken geben. Doch die Geno kritisiert: Es gab zu wenig Zeit für Personalweiterbildungen. Bild: Imago | Rainer Weisflog

Mit Beginn des neuen Jahres werden Krankenhäuser vor die Wahl gestellt: "Entweder mehr Pflegekräfte einstellen oder aber weniger Patienten behandeln", so formuliert Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Kern des neuen Pflegepersonalstärkungsgesetzes. Ab Januar greift die erste Stufe – 2021 folgt die zweite.

Das bedeutet für Bremen, dass immer mehr Patienten aus dem Bremer Umland in die Kliniken strömen könnten. Das zumindest befürchtet der Bremer Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) – der Verbund sorgt sich sogar vor "unkalkulierbaren Patientenströmen".

Denn das im Oktober verabschiedete Gesetz legt Personaluntergrenzen für pflegeintensive Krankenhausbereiche fest. Dazu zählen laut Bundesgesundheitsministerium die Intensivmedizin, die Geriatrie, die Kardiologie und die Unfallchirurgie. Im Bereich der Geriatrie werden alte Menschen behandelt. Die größten personellen Anforderungen stellt das Gesetz an die Intensivmedizin: Für maximal 2,5 Patienten darf die Fachkraft für Intensivpflege tagsüber verantwortlich sein, in der Nachtschicht für maximal 3,5 Patienten.

Personalschlüssel könnte zum Problem werden

Dieser Personalschlüssel, fürchtet die Geno, könnte für viele Krankenhäuser zum Problem werden. Zwar wird jede neue Stelle aus der Sozialversicherung finanziert und belastet daher nicht die Krankenhaus-Etats. Jedoch: "Es gibt kaum verfügbares Pflegepersonal, der Mangel ist eklatant", sagt Geno-Sprecher Rolf Schlüter.

Wir machen uns große Sorgen.

Rolf Schlüter, Sprecher der Geno

Dabei ist die Geno als Verbund der kommunalen Bremer Krankenhäuser gar nicht unmittelbar vom Pflegepersonalstärkungsgesetz betroffen. Denn alle Geno-Kliniken (Bremen-Mitte, Bremen-Ost, Bremen-Nord und Links der Weser) sind Maximalversorger, also Krankenhäuser der höchsten von vier Versorgungsstufen. "Daher stellen wir auch jetzt schon eine Eins-zu-zwei-Versorgung für schwerstkranke Patienten sicher", sagt Schlüter. Davon unberührt werde es aber auch für die Kliniken der Geno schwierig, falls in anderen Einrichtungen Intensivpatienten nicht behandelt werden könnten – und dann eben doch in ein Klinikum der Geno kämen.

Geno klagt über zu wenig Zeit für die Umsetzung

Zumal bei weitem nicht jede Pflegekraft für die Arbeit auf einer Intensivstation infrage kommt. "Wer dort arbeitet, muss im Anschluss an seine dreijährige Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger eine Fachweiterbildung in Intensiv- und Anästhesiepflege abgeschlossen haben", erklärt Schlüter. Zwar bildeten die Kliniken der Geno entsprechendes Fachpersonal aus. Doch lasse das neue Gesetz den Kliniken zu wenig Zeit.

Überdies mangele es an Interessenten für die Weiterbildung. In diesem Punkt sieht Schlüter die gesamte Gesellschaft gefordert: "Wir müssen alles tun, um mehr Leute für die Pflege zu begeistern."

8 neue Pflegekräfte auf einmal eingestellt

Sind die Kliniken der Geno als Maximalversorger nur indirekt von Personaluntergrenzen betroffen, so hat das Bremer St. Joseph-Stift auf einen Schlag acht zusätzliche Pflegekräfte einstellen müssen, um den neuen Regelungen zu genügen. Wie Torsten Jarchow, Geschäftsführer des Stifts, mitteilt, benötigt das Krankenhaus das neue Personal für das Zentrum für Geriatrie und Frührehabilitation und in der interdisziplinären Intensivstation.

Es ist aber deutlich schwerer, Fachpersonal für die Intensivstation zu bekommen als für die Geriatrie, da dieser Arbeitsmarkt schon seit Jahren sehr angespannt ist.

Torsten Jarchow, Geschäftsführer des St. Joseph-Stifts

Damit kann Jarchow die Eindrücke der Geno bestätigen. Um bis zum Jahresbeginn auch wirklich adäquat aufgestellt zu sein, habe das Stift bereits im Spätsommer sein Personal aufgestockt, so der Geschäftsführer.

Wie das katholische St. Joseph-Stift, so sieht sich auch das Evangelische Diakonie-Krankenhaus gewappnet für die neue Gesetzesregelung. Man werde die neue Verordnung zielgerichtet umsetzen, teilt Ingo Hartel, Sprecher des Diakos, mit. Dort zählt allein die interdisziplinäre Intensivstation zu den betroffenen Abteilungen.

Bei unvorhergesehenen Engpässen nutzen wir unseren Aushilfenpool oder reagieren mit Umbesetzungen.

Ingo Hartel, Sprecher des Evangelischen Diakonie-Krankenhauses

Bedeckt hält sich dagegen die Roland Klinik. So teilt das auf Erkrankungen des Bewegungsapparates spezialisierte Krankenhaus lediglich durch eine Sprecherin mit, dass die Auswirkungen des Pflegepersonalstärkungsgesetzes noch nicht absehbar seien. Das Rote Kreuz Krankenhaus konnte sich ebenfalls noch nicht zu den Veränderungen äußern, die das neue Gesetz mit sich bringen wird.

Bremer Volksbegehren soll Pflegekräfte entlasten

Das Bild zeigt eine Versammlung des Bremer Volksbegehren für Krankenhauspersonal.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 21. Dezember 2018, 23:30 Uhr