Interview

Organspenden: "Den Betroffenen die Freiheit zurückgeben"

Der Bundestag hat die Widerspruchslösung zwar heute abgelehnt. Der Bremer Transplantationsarzt Sebastian Melchior hält sie dennoch für eine gute Idee – das war nicht immer so.

Nierentransplanatation im Klinikum Bremen-Mitte.
Eine Nierentransplantation am Klinikum Bremen-Mitte. Bild: Imago | EPD
Herr Melchior, haben Sie einen Organspendeausweis?
Ja.
Aus Überzeugung?
Ich denke, ja. Aber ich habe den schon so lange, dass ich da schon gar nicht mehr darüber nachgedacht habe.
Im Bundestag wird an diesem Donnerstag entschieden, ob jeder Deutsche zukünftig automatisch zum Organspender wird – außer er oder sie widerspricht. Was halten Sie von dieser Idee?
Ich war früher ein Gegner dieser Widerspruchslösung. Ich habe argumentiert, dass jeder selbst entscheiden muss. Inzwischen liegt Deutschland aber im Vergleich der europäischen Länder bei den Organspenden ganz hinten. Für Spendernieren liegen die Wartezeiten im Schnitt bei fünf bis zehn Jahren. Ein Viertel der Empfänger wartet mehr als acht Jahre. In Spanien liegen wir bei nur 15 bis 30 Monaten.
Das ist nur halb so lang wie in Deutschland…
…und hat direkten Einfluss auf das Überleben derjenigen, die das Transplantat eingesetzt bekommen. Denn die durchschnittliche Überlebensrate für ein transplantiertes Organ sinkt, wenn der Patient kränker wird. Es kann auch so sein, dass ein Mensch so lange warten muss, dass man gar nicht mehr transplantieren kann. Das hat bei mir zu einer Neubewertung meiner Einschätzung geführt. Zumal auch bei einer Widerspruchslösung jeder Mensch, der sich informiert, die Organspende ablehnen kann. Und das ist aus meiner Sicht akzeptabel.
Anhänger der Entscheidungslösung setzen stattdessen auf mehr Informationen, um die Zahl der Spender zu erhöhen.
Das ist keine neue Forderung. Und wenn sie praktikabel wäre, dann hätte es ja schon umgesetzt werden können. Das ist aber bisher nicht passiert. Der Hausarzt, der die Patienten über die Organspende aufklärt, dem fehlt diese Zeit an anderer Stelle. Und das Einwohnermeldeamt ist aus meiner Sicht auch nicht unbedingt der richtige Ort für so eine medizinische Fragestellung.
Im Krankenhausalltag muss die Entscheidung über die Verwendung von Spenderorganen sofort getroffen werden. Herzen müssen innerhalb weniger Stunden verpflanzt werden, Nieren binnen eines Tages. Was passiert konkret, wenn ein potenzieller Spender stirbt?
Zunächst muss er als solcher identifiziert werden. Bislang weiß man das oft nicht. Dann werden die Angehörigen gefragt. Doch die sind selbst oft nicht darüber informiert und sagen im Zweifel nein. Allein diese Fragen zu klären ist bislang so aufwendig, dass dann oft gesagt wird, das ist halt kein Organspender.
Selbst wenn die Spendenbereitschaft geklärt ist, kommen nur diejenigen in Frage, die keine ansteckenden Erkrankungen und keinen Tumor haben. Wenn dies der Fall ist, müssen zuletzt noch zwei Neurologen den Hirntod unabhängig voneinander feststellen. Erst dann dürfen die Organe entnommen werden. Bei der Leber kommt das Organentnahmeteam eingeflogen und nimmt das Organ gleich mit. Bei der Niere ist es anderes, weil es nicht ganz so komplex ist. Ein Team entnimmt die Niere, dann wird sie verpackt und auf die Reise geschickt.
Welche Organe werden überhaupt entnommen?
Das kann der Spender festlegen. Neben Leber und Niere sind das in der Regel Herz, Lunge und die Hornhaut der Augen.
Bundesweit haben 2019 insgesamt 932 Menschen nach ihrem Tod Organe gespendet, etwas weniger als im Vorjahr. In Bremen waren es acht – im Jahr zuvor allerdings nur vier. Was bedeuten diese schwankenden Zahlen für Bremerinnen und Bremer, die auf der Warteliste stehen?
Das hat keine Auswirkungen. Es wäre Zufall, wenn ein Organ, das in Bremen entnommen wurde, auch in Bremen transplantiert wird. Denn es gibt einen Pool, der in Deutschland von zwei Organisationen verwaltet wird: Die Stiftung Eurotransplant vermittelt Organspenden, die Deutsche Stiftung Organtransplantation verwaltet auf der anderen Seite die Warteliste der Empfänger. Wenn ein Organ zur Verfügung steht, wird das mit der Warteliste abgeglichen. Dafür gibt es ein Punktesystem, das beispielsweise die medizinische Dinglichkeit und die bisherige Wartezeit berücksichtigt. Ein weiteres Kriterium ist, dass die Immunsysteme von Spender und Empfänger möglichst gut zusammenpassen müssen.
Als Arzt haben Sie mit diesem Prozess nichts zu tun?
Ich muss nur entscheiden, ob der potenzielle Empfänger in der Verfassung ist, eine Transplantation zu bekommen.
Wie reagieren die Patienten auf solche Entscheidungen?
Jemand, der lange gewartet hat, ist in aller Regel sehr glücklich, wenn er die Zusage bekommt. Denn eine Nierentransplantation gibt den Betroffenen auch die Freiheit zurück, ein Leben ohne strikt durchgeplanten Alltag und Dialyse zu führen. Außerdem hat ein transplantierter Patient eine bessere Prognose als jemand, der an der Dialyse bleibt.
Und wenn die Entscheidung negativ ausfällt?
Wenn jemand lange gewartet hat und dann gesagt bekommt, es klappt nicht, dann ist das oft ein Desaster. Wir hatten neulich den Fall, dass uns ein Tumor am Spenderorgan aufgefallen ist. Dabei war eigentlich schon alles geplant.
Gab es Entscheidungen, die Ihnen selbst nahe gingen?
Vor nicht allzu langer Zeit kam ein älteres Ehepaar zu uns. Der Mann war der potenzielle Empfänger. Sie wollten in die USA, wo ihr Sohn lebt. Aber in den USA hätte der Mann sich die Dialysekosten nicht mehr leisten können. Seine Frau war allerdings bereit, ihm eine Niere zu spenden. In Süddeutschland lehnte eine Klinik die Transplantation ab, weil der Mann aus ihrer Sicht zu alt war. Wir haben das dann in unserer Ethikkommission noch einmal diskutiert – und sind zu dem Schluss gekommen, dass nicht klar ist, wie alt der Mann werden kann. Außerdem war seine Frau freiwillig bereit, ihm die Niere zu spenden. Also haben wir zugesagt. Und wir haben das gemacht. Und es ist gut ausgegangen.

Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Vier beginnt, 16. Januar 2020, 8:45 Uhr