Personalmangel: Nordwestbahn fährt mit kürzeren Zügen

Mit 200 Plätzen weniger fährt die Linie RS1 nun in Bremen. Das eingesparte Personal soll dann weitere Züge fahren. Gelöst ist das Problem des Lokführermangels dauerhaft aber nicht.

Ein Zug der Nordwest-Bahn fährt in den Bremer- Hauptbahnhof ein.

Die Züge der Nordwestbahn sind ab sofort kürzer und bieten noch jeweils rund 300 Sitz- und Stehplätze – 200 weniger als üblich. Eigentlich fährt die RS1 zwischen Bremen-Hauptbahnhof und Bremen-Vegesack mit jeweils 500 Sitz- und Stehplätzen. Dafür sind aber täglich bis zu fünf Lokführer nötig, die sich um das An- und Abkuppeln von Zugteilen in Bremen-Vegesack kümmern, denn in Farge ist der Bahnsteig kürzer. Wird ab Montag nicht mehr gekuppelt, stehen mehr Lokführer zur Verfügung, die Züge mit Passagieren fahren können.

Aus dem Hause von Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne) kommt kein Jubel. Lohses Sprecher Jens Tittmann sagt immerhin: "Es ist dann so wahrscheinlich doch besser, wenn die Leute wenigstens befördert werden, und das auch mit einer gewissen Zuverlässigkeit."

Senator drohte mit schweren Konsequenzen

Die Verkehrsbehörde hatte in einem Beschwerdebrief an die Nordwestbahn (NWB) den neu abgeschlossenen Verkehrsvertrag infrage gestellt. Das sei ein scharfes Schwert, sagt Tittmann. "Bessert sich die NWB nicht, sondern verschlechtern sich die Leistungen sogar, kann der aktuell laufende Vertrag gekündigt werden."

Erst dieses Frühjahr hatte das Unternehmen erneut den Zuschlag für die Regio-S-Bahn, für den Zeitraum von 2022 bis zum Jahr 2036, erhalten.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist laut EU-Ausschreibungsrichtlinien das wichtigste Kriterium. Es war zwar sehr knapp, aber die NWB konnte mit ihrem Konzept überzeugen und hatte somit die Nase vorn. Obwohl die NWB in den vergangenen sechs Jahren knapp fünf Millionen Euro Zuschussminderung und Vertragsstrafen hinnehmen musste, durfte ihr der Zuschlag nicht verwehrt werden.

Sie haben ein Angebot, und in dem Angebot steht eine Zahl drin. Wir als Staat sind verpflichtet, diese Zahl dann nicht in Abrede zu stellen.

Jens Tittmann, Sprecher Verkehrsressort

Um für die Bieter-Runde als "unzuverlässig" gesperrt zu werden, hätte man der NWB schon vor der jüngsten Ausschreibung den aktuellen Verkehrsvertrag entziehen müssen. Außerdem war die Ausschreibung konkreter und hat mehr gefordert als bisher: Nämlich Ausbildung, Fahrzeugreserven und Personalreserven. Und das alles hat die NWB auch zugesagt. Wörtlich heißt es seitens des Nordwestbahn-Chefs: "Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung!" Denn das Hauptproblem ist ja: Es gibt zu wenig Lokführer.

Nicht um Nachwuchs gekümmert?

Inzwischen gibt es eine tarifliche Wahlmöglichkeit: mehr Geld oder mehr Urlaub? Die meisten Lokführer wollen lieber mehr Urlaub. Das heißt aber auch, dass mehr Personal benötigt wird, um die gleiche Arbeit zu machen. Zum anderen wurde wohl einfach vergessen, genug Nachwuchs auszubilden, sagen Gewerkschafter. Das sei auch ein großer Kostenfaktor.

Bei der NWB beispielsweise gibt es gar keine Lokführerausbildung für Schulabgänger. Dort können sich nur Menschen bewerben, die schon einen Beruf haben, idealerweise aus der technischen Richtung. Die Ausbildung dauert dann zehn Monate. Die normale, mehrjährige Ausbildung zum "Eisenbahner im Betriebsdienst" bietet die Deutsche Bahn an, außerdem die Hansebahn in Bremen und die EVB in Bremervörde. Ein ehemaliger Beschäftigter sagte buten un binnen, dass der Job nicht unbedingt beliebt und zudem sehr anstrengend sei.

Die für mich relativ kurze Erfahrung hat mir gezeigt, dass gerade im Personenverkehr der Stressfaktor eine große Rolle spielt. Die engen Fahrzeiten, die teils unkooperativen und auch unfreundlichen Fahrgäste. Das zieht einen selbst irgendwann runter und das senkt natürlich die Motivation.

Ehemaliger Beschäftigter der Nordwestbahn

Hohe Wechsel-Prämien

Weil alle Bahngesellschaften Lokführer brauchen, würden Wechsel-Prämien bis in den fünfstelligen Bereich gezahlt, sagen Gewerkschafter. Nicht allerdings von der NWB. Dort sei der Verdienst nicht unbedingt schlechter als bei anderen Unternehmen. Es sei vielmehr die Frage, ob man lieber unbequemere Arbeitszeiten etwa im Fracht-Bereich in Kauf nehmen wolle, dafür dann keinen Stress mit Abfahrtszeiten und Fahrgästen hat.

Ein Sprecher der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen geht davon aus, dass die Nordwestbahn ab 2022 qualitativ zufriedenstellend liefert. Also mit dem Start der neuen Zuschlags-Periode zu den verschärften Bedingungen und mit höheren Strafzahlungen.

Aber wer weiß, vielleicht zieht die Nordwestbahn auch ihr Angebot für den Betrieb der Regio-S-Bahn zurück. "Low budget, high quality – das geht nicht zusammen", so ein Zitat aus der Nordwestbahn-Leitung.

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  • Mario Neumann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 16. Juni 2019, 21 Uhr