Als Bremen mit einem alten Sofa begann, seinen Müll zu verheizen

Der damalige Bausenator hievte ein altes Sofa in die Sperrmüllschere: So verlief der Start von Bremens erster Müllverbrennunganslage vor 50 Jahren.

Müllheizkraftwerk Bremen
Gewinnbringende Müllentsorgung: Inzwischen importiert Bremen sogar Müll, um ihn zu verbrennen. Bild: SWB AG

Es gießt in Strömen. Aber davon lässt sich Walter Benedickt, Chef des Amtes für Stadtentwässerung und Stadtreinigung, nicht die Stimmung verderben: "Trotz des augenblicklich niedergehenden Regens ist dieser Tag ein wahrer Freudentag! Denn diese Müllverbrennungsanlage hilft uns doch, einen Gutteil unserer Sorgen zu tragen."

Bei Würstchen, Bier und Blasmusik wird gefeiert. Radio Bremen ist live dabei. Schließlich, so erklärt der Reporter Horst Mücher seinen Hörern, gehe es darum, "dass die Umgebung Bremens und Bremen selbst in Zukunft wenig Gastfreundschaft bieten wird für Ratten, Möwen, Krähen und andere Vögel. Denn der Müll, der diesem Getier bislang gedient hat, wird in Zukunft in der neuen Müllverbrennungsanlage untergebracht werden."

Startschuss per Sofawurf

Meistens zerschneiden Politiker bei einer Eröffnung ein Band oder drücken einen Knopf. Bremens Bausenator Hans Stefan Seifriz (SPD) muss dagegen richtig schwer anpacken. Er hatte zuletzt in einer Deputationssitzung seine "Sorge bezüglich des Sperrmülls" kundgetan. Deshalb wird ihm eine "besondere Kostprobe dieses Sperrmülls" bereitgestellt: ein altes Sofa. Das wuchtet Seifritz zusammen mit seinem Baudirektor in die Sperrmüllschere. Mit einem lautstarken "Hauruck!" ist die neue Müllverbrennungsanlage nach sechs Monaten Probelauf nun offiziell in Betrieb.

Sie dient vorwiegend unseren Bürgern und ihrem Müll. Aber selbstverständlich hat sich das Umland auch längst gemeldet. Und auch ihr Müll wird fachmännisch beseitigt.

Zu sehen ist ein Bild des verstorbenen ehemaligen Bausenator Stefan Seifritz.
Hans Stefan Seifritz, Bausenator (SPD)

Der Handlungsdruck war groß, denn Bremen produziert inzwischen immer mehr Müll, hat aber keine Deponieflächen mehr. Es wird mehr konsumiert und mehr weggeworfen. Oder wie es der frühere Bausenator Wilhelm Blase (SPD) in bestem Bürokratendeutsch formuliert: "Es ist ein allgemeines Zeichen unserer Gegenwart, dass die Wohlstandswelt sich auch in Bezug auf die Verpackung zum Ausdruck gebracht hat."

Anders als in der Nachkriegszeit landet nicht mehr alles Brennbare anschließend im heimischen Ofen. Zwischen 1950 und 1970 steigt die Müllmenge in Bremen um das Fünffache. Der Bremer Senat beschließt deshalb zu Blases Amtszeit, den Müll künftig verbrennen zu lassen. 1967 ist Grundsteinlegung. 40 Millionen D-Mark kostet der Bau. Das Gelände umfasst 14 Hektar für die Anlage und den Fuhrpark und liegt direkt an der Autobahn 27. Hochmodern für die damalige Zeit ist, dass die Müllanlieferung elektronisch abgerechnet wird und mit Kameras überwacht wird.

Müll gewinnbringend verbrennen

Schema, wie das Müllheizkraftwerk funktioniert
So arbeitet die Anlage seit 2013: Viele Teile sind dazu gekommen. Bild: SWB AG

Wenn Müll bei 900 Grad Celcius verbrennt, entstehen Schrott und Schlacke. Beides ist verwertbar und kann weiterverkauft werden. Deshalb gehen Bremer davon aus, "dass die Betriebsunkosten sich decken werden."

Auch die Wärme aus der Verbrennung wird genutzt – unter anderem zum Heizen der Bremer Universität, die ganz in der Nähe gebaut wird. Das ist auch heute noch so. Die Müllverbrennungsanlage ist seitdem mehrfach modernisiert worden und heißt jetzt Müllheizkraftwerk. Eine Anlage, in der jährlich 530.000 Tonnen Müll verbrannt werden und die große Teile der Stadt mit Wärme und Strom versorgen kann.

Beitrag anhören:

Audio vom 23. Juni 2020
Müllheizkraftwerk Bremen
Bild: SWB AG

100 Jahre Müllentsorgung: ein historischer Rückblick aus dem Jahr 2003

Video vom 5. November 2003
Ausschnitt einer Karikatur von 1852 zur Abfuhr der Schieteneimer mit Pferdewagen
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Birgit Sagemann
  • Heike Kirchner

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Chronik, 23. Juni 2020, 7:40 Uhr