Fragen & Antworten

Zeitverlust oder Erfolg? Bremens Akteure über das Martini-Experiment

Autos statt Surfwelle: Ab Mittwoch wird die Martinistraße zweispurig

Video vom 9. August 2021
Die gesperrte Martinistraße mit der Aktion "Transformartini". Zu sehen sind eine sogenannte "Surfwelle", Liegestühle und Rollrasen und die Aufschrift: "Erlaubt" für Fahrräder
Bild: Imago | Eckhard Stengel
Bild: Imago | Eckhard Stengel

Die Surfer sind weg. Jetzt gehen die Verkehrsversuche auf der Martinistraße richtig los. Doch sind die Kritiker besänftigt? Was hat diese erste Phase gebracht?

Bremens "Erste Surfwelle" auf der Martinistraße ist seit gestern Geschichte. Heute und morgen werden die Akteure vor Ort das Surfbecken und den Rollrasen abbauen sowie schließlich die Vollsperrung zwischen Langenstraße und Pieperstraße aufheben. Die eigentlichen Verkehrsversuche des Mobilitätsressorts unter dem Label "Erlebnisraum Martinistraße" stehen an.

Los geht es kommenden Mittwoch mit einspurig geführtem Zweirichtungsverkehr bei Tempo 20. Ein zweites Experiment ab September wird aus der Martinistraße streckenweise eine Einbahnstraße machen. Der Bremer Senat möchte mit den Versuchen bei gleichzeitigen Verkehrszählungen binnen der kommenden rund sechs Monate klären, wie der Verkehr in der Martinistraße künftig dauerhaft geführt werden soll. Derzeit, so die These, sei die Straße für den Autoverkehr überdimensioniert, müsse zugunsten von Radfahrern und Fußgängern zurückgebaut werden. Doch das Projekt ist umstritten, wie schon sein Auftakt.

Ein paar Leute in Liegestühlen auf Rollrasen mitten auf einer großen Straße
Der Rollrasen auf der Martinistraße wird nun wieder entfernt. Bild: Ben Eichler | Ben Eichler
Was hat die zweiwöchige Auftaktveranstaltung zum "Erlebnisraum Martinistraße" mit Vollsperrung und Surfwelle aus Sicht des Senats und der Veranstalterin Sternkultur gebracht?
Maike Schaefer, Senatorin für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität, Stadtentwicklung und Wohnungsbau, bewertet die Aktion aus dem Aktionsprogramm Innenstadt des Bremer Senats "als sehr positiv. Es sei gelungen, viele Menschen an die Martinistraße zu locken, um diese mal ganz anders zu erleben, nicht als lärmumtosten Straßenraum. "Zugleich haben wir dazu beigetragen, die Innenstadt mit einer jungen Klientel zu beleben und obendrein die trennende Achse Martinistraße zwischen dem Fluss und der Schlachte sowie der Obernstraße zu beseitigen", so Schaefer weiter.

Auch nach Angaben der Veranstalterin Sternkultur war die Aktion ein voller Erfolg. Knapp 650 Surferinnen und Surfer hätten sich bei das Vergnügen gegönnt, einmal mitten in der Stadt Wellen zu reiten. Die sportliche Aktion habe sowohl bei den Teilnehmenden als auch bei Zuschauerinnen und Zuschauern für gute Stimmung gesorgt.

Der Stadtgarten auf der Kreuzung Heimlichenstraße/Pieperstraße habe vielen Menschen einen entspannten Moment geschenkt. Die Liegestühle dort seien bei sonnigem Wetter stets voll belegt gewesen. Die neugeschaffenen, bewusst konsumfreien Flächen seien von den anliegenden Gastronomiebetrieben als als Mehrwert wahrgenommen worden.
Surferin in einem blauen Becken, das mitten auf einer großen Straße steht
Die Surferinnen und Surfer haben bei der Cityinitiative Bremen keinen allzu großen Eindruck hinterlassen. Bild: Ben Eichler | Ben Eichler
Was sagt die Wirtschaft in der Bremer Innenstadt zum "Erlebnisraum Martinistraße" und den Verkehrsversuchen?
Carolin Reuther, Geschäftsführerin der Cityinitiative Bremen Werbung, kritisiert, dass die Verkehrsversuche in einer Phase stattfänden, in der die innerstädtischen Einzelhändler und Gastronomen durch Corona wirtschaftlich geschwächt seien. Sie befürchtet, dass dadurch Kunden abschreckt werden könnten.

Zur Auftaktveranstaltung sagt Reuther: "Bezüglich des mehr als zweiwöchigen Events hätten wir uns zumindest eine gewisse Strahlkraft gegenüber jungen Menschen erhofft und einen Erkenntnisgewinn über mögliche Attraktionen, die man an besser geeigneten Orten in der Innenstadt eventuell zukünftig planen könnte." Doch die Außendarstellung und die Außenwirkung des Surfwellen-Ensembles hätten sie enttäuscht. Auch die Resonanz von Kunden und Gewerbetreibenden sei "im Durchschnitt eher negativ".

Olaf Orb, Geschäftsführer Standortpolitik der Handelskammer Bremen, sagt zur Auftaktveranstaltung des Erlebnisraums Martinistraße: "Die Surfwelle und das übrige Programm haben die Innenstadt in keiner Weise belebt."

Auch auf die nun anstehenden Verkehrsversuche blickt Orb kritisch. Denn aufgrund der Corona-Pandemie sei es derzeit nicht möglich, aussagekräftige Zahlen zum Verkehrsgeschehen in Bremens Innenstadt und den umliegenden Stadtteilen zu erheben. "Wir verlieren nur Zeit", so Orb: "Man hätte die Planung für eine zwei- statt vierspurige Martinitstraße mit großer rechtsseitiger Fahrradspur schon im Frühjahr angehen können, ohne Verkehrsversuche."

Besondere Sorgen bereite den Unternehmen zudem, dass die Stadt Bremen im September neben der Martinistraße auch den Wall zwischen Herdentor und Polizeihaus einspurig führen wolle. Die Innenstadt werde dann für den Autoverkehr nur noch sehr schlecht zu erreichen sein.

Handelskammer zu Martinistrasse: "Kein Impuls für Bremer Innenstadt"

Video vom 9. August 2021
Olaf Orb im Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen
Rollrasen und Liegestühle auf der belebten Martinistraße von oben fotografiert
Der Event mit Surfwelle, Rollrasen, Liegestühlen und Vollsperrung stellte aus Sicht der Handelskammer keine Belebung der Innenstadt dar, aus Sicht der Veranstalter eine große. Bild: Ben Eichler | Ben Eichler
Wie beurteilt der ADFC den Erlebnisraum Martinistraße zum jetzigen Zeitpunkt, und was erwarten sie von den kommenden Monaten?
Frauke Maack, Sprecherin des Bremer Landesverbands des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), findet, dass Bremen mit der Surfwelle ein schöner Auftakt zum Erlebnisraum Martinistraße geglückt ist. Der Event habe das Publikum auf die nun anstehenden Verkehrsversuche neugierig gemacht. "Wir freuen uns darauf", so Maack.

Für eine Bewertung des Erlebnisraums Martinistraße sei es jedoch aus Sicht des ADFC noch zu früh. Grundsätzlich wünsche sich der Verband für die Radfahrerinnen und Radfahrer Bremens so genannte Protected Bike Lanes auf der Martinistraße, also von der Autofahrbahn, etwa durch Poller, baulich abgegrenzte Radfahrstreifen. Vorbilder hierfür gebe es etwa in Berlin.
Fahrradfahrer saust über Schriftzug "Rad Fahr Rad"
Großzügige Fahrradstreifen gibt es schon jetzt auf der Martinistraße. Für die Zukunft wünscht sich der ADFC auch noch eine bauliche Abgrenzung zum Autoverkehr. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg
Was sagt der ADAC zum Auftakt im Erlebnisraum Martinistraße und zu den anstehenden Verkehrsversuchen?
Dirk Matthies, Leiter der Verkehrsabteilung beim Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) Weser-Ems stellt fest, dass sich zwar einige Autofahrer mit Unverständnis über die Vollsperrung in der Martinistraße geäußert hätten. "Klar ist aber auch: Es ist zu keinem Verkehrszusammenbruch gekommen", relativiert Matthies die Kritik.

Spannend wird es aus seiner Sicht ab dem 11. August. Dann beginnt der erste Verkehrsversuch mit einem einspurigen Zweirichtungsverkehr bei Tempo 20 auf der Martinistraße. Da, zumindest vor Corona, täglich rund 16.500 Kraftfahrzeuge über die Martinistraße gefahren seien, ist aus Matthies Sicht denkbar, dass schon dieser erste Verkehrsversuch zu verstopften Straßen auf umliegenden Stadtteilen wie der Neustadt oder der Östlichen Vorstadt führen könnte. "Es bleibt aber abzuwarten", betont er.

Mit großer Skepsis aber blicke der ADAC auf den zweiten Verkehrsversuch, der am 2. September auf der Martinistraße starten wird. Dabei soll die Martinistraße teilweise zur Einbahnstraße werden. "Wir glauben, dass die Durchlässigkeit des Verkehrs in beide Richtungen gegeben sein muss", sagt Matthies. Andernfalls dürfte der Verkehr in der Innenstadt sowie unter Umständen auch in umliegenden Stadtteilen empfindlich ins Stocken geraten.

Gesperrte Martinistraße: Was sagen die Bremerinnen und Bremer?

Video vom 28. Juli 2021
Blumenkübel, Rollrasen und Surfwelle mitten auf der sonst vierspurigen Martinistraße in Bremen
Bild: DPA / Picture Alliance | Sina Schuldt
Bild: DPA / Picture Alliance | Sina Schuldt

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Morgen, 9. August 2021, 7:40 Uhr