Kommentar

"Ich! Ich! Ich!" – Egoismus behindert neuen Wohnraum in Bremen

Im Viertel soll ein Hochhaus entstehen – dagegen gibt es Protest. Der Egoismus in Bremen wächst und verhindert immer mehr Projekte, meint unser Autor Frank Schulte.

Ein Protestschild gegen das Hochhausprojeklt im Bremer Viertel
Im Viertel gibt es Protest gegen das geplante Hochhaus. Unser Kommentator findet: Der Egoismus wächst in Bremen.

Galt das Bremer Viertel einst als progressiv und weltoffen, wird es immer mehr zum Inbegriff von Egoismus und Provinzialität. Sie haben schon viel gestritten in den letzten Jahren über – Achtung Ironie! – große Fragen: Ob es im Viertel nicht viel zu laut ist? Ob man Kopfsteinpflaster braucht oder nicht? Und groß ist das Wehklagen, dass man für sein Auto einfach keinen Parkplatz findet. Jetzt haben einige den Wohnungsbau entdeckt. 

Was tun gegen Wohnungsnot – aber nicht bei uns

Ein neues Haus soll gebaut werden auf dem Gelände der ehemaligen Bundesbank-Filiale. Ja, natürlich braucht die Stadt dringend neue Wohnungen – aber doch bitte nicht vor meiner Haustür. Und Wohnungsnot hin oder her, doch bitte nicht so viele Wohnungen auf einmal, nicht so hoch, nicht so dicht, ach, und nicht so modern. Was dem Bayern sein Windrad, ist diesen Bremern der Wohnungsbau. Nicht bei uns! Wenn sich diese Haltung einiger Bürgerinnen und Bürger durchsetzt, dann geht in Bremen bald gar nichts mehr voran.

Kurze Wege oder Bürgerbeteiligung

Nun könnte man das alles prominent ignorieren und als Posse abtun. Aber dafür ist es dann doch zu ernst. Wer mit Investoren und Projektentwicklern spricht, der hört: So klein Bremen auch ist, so hoch reguliert ist es, so viele Vorschriften und Beteiligungen sind zu berücksichtigen. Kurze Wege? Sicherlich nicht bei Entscheidungen. Aus der Politik sagt das öffentlich niemand. Aber mancher denkt es. Angesichts der Proteste im Viertel mag manche Politikerin die Faust in der Tasche ballen – mehr aber auch nicht. Goldene Regel: Keine Kritik an Wählern. Ja, Bürgerbeteiligung ist wichtig. Nur: Wenn nichts mehr voran geht, alles nur noch quälender Prozess ist – und dafür gibt es reichlich Beispiele in Bremen – dann stimmt da was nicht. Nicht nur Politik sollte dem Gemeinwohl verpflichtet sein – auch Bürgerbeteiligung. Gut, dass der Beirat in dieser Frage standhaft geblieben ist.

Autor

  • Frank Schulte

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Februar 2020, 19:30 Uhr