Kommentar

Karoline Linnert – kein Segen mehr für die Grünen?

Wer führt die Bremer Grünen als Spitzenkandidatin in die Bürgerschaftswahl? Karoline Linnert – hätte man denken können. Doch Linnert ist umstritten und bei der Landesmitgliederversammlung am Montagabend formierte sich Widerstand: Zu Recht, findet unser Kollege Michael Pundt.

Karoline Linnert vor einem Plakat der Grünen
Nicht mehr unumstritten bei den Grünen– Karoline Linnert. Bild: Imago | Eckhard Stengel

Bremen hat eine gewiefte Finanzsenatorin. Jahr um Jahr überzeugt sie den Stabilitätsrat vom Sparwillen des hochverschuldeten Bundeslandes. Und die defizitäre Landesbank wurde sie – nicht ganz freiwillig – los, bevor die sich als echter Klotz am Bein erwies.

Für Bremen also mag Karoline Linnert ein Segen sein, aber für die Bremer Grünen ist sie es nicht; jedenfalls nicht mehr. Als politisches Schwergewicht hat Linnert über die Jahre eine solche Gravitation entwickelt, dass sie ihre eigene Partei auseinandertreibt.

Der Grund dafür liegt auch im harten Sparkurs der vergangenen Jahre. Als Bremens oberste Sparkommissarin erstickte Linnert so manche grüne Initiative, bevor die überhaupt an die Öffentlichkeit drang. Ihr Credo: "Dafür haben wir kein Geld." So oft mussten sich die Grünen diesen Satz anhören, dass ihnen schließlich die kreative Puste ausging.

So lechzt die Partei nun nach Erneuerung und soll doch gerade die Frau wieder auf den Schild heben, die gesagt hat: "Für Erneuerung stehe ich in der Tat nicht." Viele Grüne auf der Landesmitgliederversammlung wollten das nicht mehr hören. Doch die Parteiführung köderte sie mit der Idee eines weiblichen Spitzentrios – das doch eigentlich nur Linnerts Machtanspruch kaschieren soll. Die offizielle Begründung für das Trio lautete allerdings: Die drei erfahrenen Politikerinnen Linnert, Stahmann und Schaefer stellten ein Kontergewicht zu den Jung-Grünen dar, die künftig auf Platz fünf und sechs der Landesliste kandidieren.

Wer will schon als Königsmörderin gelten?

In Wirklichkeit traut der Landesvorstand niemand außer Linnert eine Spitzenkandidatur zu. Fraktionschefin Maike Schaefer, die es gerne machen würde, hat der Vorstand mit einer möglichen Kandidatur in fünf Jahren vertröstet. Schaefer kennt Linnerts demoralisierende Wirkung auf Teile der Partei. Doch eine Kampfkandidatur hat sie bisher verworfen, um nicht als Königsmörderin dazustehen.

Dabei ist Linnert gar nicht mehr die starke politische Figur, die sie einmal war. Eine Sparvorgabe an ihre Senatskollegen, mit der sie vergangenes Jahr den Stabilitätsrat beeindrucken wollte, konnte sie nicht durchsetzen. Im März musste die Finanzsenatorin gegen ihren Willen beitragsfreie Kitas für alle schlucken. Und zuletzt haben ihr auch noch Mehrkosten für Geno und Jacobs University den Haushalt verhagelt.
So ist es denn kein Wunder, dass bei internen Wahlprognosen der Grünen Linnerts Popularität nicht mehr die größte Rolle spielt. Für die Bürgerschaftswahl gilt die Hoffnung vielmehr der beliebten grünen Doppelspitze im Bund. Habeck und Baerbock würden schon dafür sorgen, dass die Partei in Bremen nicht abstürzt, glauben manche.

Wer kann aus dem Schatten Linnerts treten?

Niemand weiß, was aus den Bremer Grünen wird, sollte Linnert in die zweite Reihe treten. Brechen die Widersprüche dann erst richtig auf? Zeigt sich etwa die ganze Ratlosigkeit der Partei? Oder könnten vielleicht andere aus dem Schatten der übermächtigen Bürgermeisterin treten?
Derweil erinnert Linnert in ihrem Beharrungsvermögen immer mehr an Gollum aus 'Der Herr der Ringe': "Die Spitzenkandidatur, sie ist meine, mein eigen, mein Schatz!"

  • Michael Pundt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 19. Juni 2018, 6 Uhr