Schulen, Kitas und Corona: Sie fragen, die Bildungssenatorin antwortet

Warum wählt Bremen einen Sonderweg mit dem Präsenzunterricht? Ist das Personal in Schulen und Kitas ausreichend geschützt? Die Senatorin antwortet auf Userfragen.

Video vom 21. Januar 2021
Bildungssenatorin Claudia Bogedan im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Noch hat der Bremer Senats nicht final geklärt, wie die Pandemie-Beschlüsse von Bund und Ländern im Land Bremen in eine verbindliche Rechtsverordnung gegossen werden. Bremen will daran festhalten, dass die Präsenzpflicht an Schulen ausgesetzt bleibt. Was für viel Diskussionsbedarf sorgt. Insbesondere bei den Betroffenen.

Über 300 mal wurde ein entsprechender Facebook-Post von buten un binnen zu dem Thema kommentiert und viele Fragen wurden aufgeworfen. Senatorin Claudia Bogedan (SPD) stellt sich diesen bei Radio Bremen: Donnerstagabend im Regionalmagazin buten un binnen im Fernsehen und am Freitag morgens in den Hörfunkwellen. Zu fünf Frageblöcken nimmt sie hier schon Stellung.

1 Warum Sonderweg in Bremen?

Es wäre ja interessant zu wissen, warum nur in Bremen die Schulen sicher sind. In allen anderen Bundesländern sind die Schulen geschlossen oder es wird generell Unterricht in Gruppen angeboten.

Birte Pa - 19. Januar 2021, 07:58 Uhr.

Die Bildungssenatorin weist darauf hin, dass in etwa der Hälfte der Bundesländer die Präsenzpflicht aufgehoben ist und die Schulen damit offen sind. "Wir können keinen hundertprozentigen Infektionsschutz leisten, Schulen und Kitas sind keine zu 100 Prozent sicheren Orte", so Bogedan. Aufgrund der Datenlage für Bremen könne man aber sagen, dass Schulen und Kitas nicht zu den "Pandemietreibern" gehören. Im Vorfeld der jüngsten Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels hätten sich die Kultusminister auf ein verbindliches Stufen-Modell mit Distanzunterricht und Wechselgruppen geeinigt, das in ganz Deutschland gelten sollte. "Dieses Modell war nicht gewollt, wir hätten das gerne umgesetzt", sagt Bogedan. Man halte sich mit der Aufhebung der Präsenzpflicht weiterhin an die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz.

2 Warum Schule trotz Lockdown und Kontaktbeschränkungen?

"Es wird über Ausgangssperren diskutiert, aber die Kinder sollen zur Schule gehen?" heißt es in einem Kommentar. In einem anderen: "Wie erkläre ich meinen Kindern, dass sie in der Schule komplett Kontakt zu Ihren Freunden haben, sich aber privat nicht mit mehreren treffen dürfen?". Besonders deutlich wird der Punkt in der Beschreibung von Stefanie Dreyer.

Ob Frau Bogedan klar ist, dass wir als dreiköpfige Familie allein durch Schule und Arbeit (in der Kita) täglich um die 100 Kontakte haben? In der Kita, in der ich arbeite, flitzen zur Zeit 38 von 40 Kinder durch den Elementarbereich + Erzieherinnen. Alle ohne Maske und Abstand. Mein Grundschulkind ist seit dieser Woche wieder mit 23 Kindern bei normalem Stundenplan (also z.b. auch Sportunterricht) im Klassenraum - auch ohne Maske und Abstand. Großes Kind mit Alltagsmaske aber in wechselnder Gruppenkonstellation in der Schule unterwegs. Und ich kann es mir eben nicht aussuchen, ob ich uns diesem Risiko aussetzen will, weil ich nämlich leider bis jetzt nicht im Home-Office arbeiten kann.

Stefanie Dreyer - 19. Januar 2021, 08:32 Uhr.

"Mir ist klar, dass es sehr schwierige Konstellationen in Familien gibt und nicht alles aufzulösen ist", so Bogedan. "Ich bin aber froh, dass es trotz aller Widrigkeiten in Bremen bisher gut gelungen ist, den Inzidenzwert zu drücken. Das ist der Vernunft der Bremerinnen und Bremern zu verdanken, die sich an Regeln halten. Wir Erwachsenen müssen uns einschränken, damit Kinder und Jugendliche Bildung und Teilhabe bekommen können. Das ist für mich kein Neben- sondern ein Füreinander. Wir Erwachsenen müssen dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche zu ihren Rechten kommen."

3 Ist Corona als Dienstunfall einkalkuliert?

Andrea Silvia macht sich – wie viele andere auch – Sorgen um die Gesundheit des Personals.

Ich würde gern wissen, warum mit der Gesundheit des Schulpersonals so leichtsinnig umgegangen wird. In den Grundschulen tragen die Kinder keine Masken und einigen gelingt es in diesem Alter noch nicht, die Abstandsregeln einzuhalten. Viele Lehrer und pädagogische Mitarbeiter leben täglich mit der Angst vor einer Ansteckung. Inwiefern übernimmt Frau Bogedan denn die Verantwortung, wenn es zu Erkrankungen mit schwerwiegenden Folgen kommt? (...)

Andrea Silvia - 19. Januar 2021, 07:25 Uhr.
Die Bildungssenatorin Claudia Bogedan im Interview bei buten un binnen.
Am Donnerstag ist Claudia Bogedan zu Gast im Studio von buten un binnen. Bild: Radio Bremen

"Es wird mit der Gesundheit des Schulpersonals nicht leichtsinnig umgegangen, denn wir sehen, dass die Ängste groß sind. Die nehmen wir ernst", so Bogedan. Gegen das Masketragen in Grundschulen sprächen der Spracherwerb sowie dessen Förderung, der mit Maske schwierig sei. "Die Belastungen, denen die Kinder in der Pandemie ohnehin ausgesetzt sind, wären noch größer." Das Tragen von Masken sei aber auch in Grundschulen erlaubt – und eine Pflicht, wie sie aktuell nur für ältere Jahrgänge gilt, sei künftig nicht auszuschließen. In Bezug auf den Schutz der Lehrkräfte und anderem Schulpersonal verweist die Bildungssenatorin auf verschiedene Maßnahmen: So würden an Schulen der Stadt Bremen FFP2-Masken für Lehrkräfte gestellt, hinzu kämen Spuckschutze, Faceshields und CO2-Messgeräte. 100.000 Euro seien in Luftfiltergeräte für Klassenräume geflossen. Bogedan verweist zudem auf die Möglichkeit für Beschäftigte in Schulen und Kitas, sich testen zu lassen. Auch im Kitabereich seien diverse Schutzvorrichtungen angeschafft worden, gerade im Krippenbereich sei die Einhaltung von Infektionsschutzmaßnahmen aber schwierig. Sie übernehme die Verantwortung für das Recht auf Bildung und den Arbeitsschutz für Beschäftigte im Sinne derartiger Schutzmaßnahmen. "Die Abwägung zwischen dem Infektionsschutz von allen Kindern, Jugendlichen und Beschäftigten sowie dem Recht auf Bildung, dem Kindeswohl und Kinderrechten ist schwierig, der Spagat sehr groß", so Bogedan. Die Entscheidungen des Senats und des Bildungsressort seien stets Ergebnis eines Abwägungsprozesses. "Wir ringen um einen Weg, der Kindern und Jugendlichen unter Pandemiebedingungen möglichst viel Teilhabe und Bildung sichert."

4 Sind Arbeitsschutzrichtlinien außer Kraft gesetzt?

Regina Kleingrothe arbeitet als pädagogische Kraft in einer Gröpelinger Grundschule und fühlt sich nicht geschützt. Weshalb sie anregt, dass zu der Entscheidung zum Präsenzunterricht auch gehört, die Betroffenen vorrangig zu impfen. Karen Fritzsch erinnert auch daran, das Arbeitsschutzrichtlinien für Schulbeschäftigte gelten.

(...) Warum gelten für Schulbeschäftigte nicht die gleichen Arbeitsschutzrichtlinien bezüglich Corona wie für andere Arbeitnehmer? (...)

Karen Fritzsch - 19. Januar 2021, 07:56 Uhr.

"Natürlich gilt das Arbeitsschutzgesetz auch für in Schulen Beschäftigte", entgegnet Bogedan. Sämtliche Maßnahmen dienten dem Gesundheitsschutz der Gesellschaft , den Kindern und Jugendlichen in Kitas und Schulen sowie den Beschäftigten. Bei der Erarbeitung des Hygienekonzeptes für Schulen seien Vertreter des Arbeitsschutzes beteiligt gewesen. Zudem sei man kontinuierlich in Abstimmung mit dem Zentrum für gesunde Arbeit bei den für den öffentlichen Dienst zuständigen Vertretern im Finanzressort. Bogedan weist außerdem darauf hin, dass Beschäftigte in Kitas und Schulen zu der Gruppe gehören, die mit einer erhöhten Priorität geimpft werden sollen.

5 Wo bleibt ein didaktisches Gesamtkonzept?

In vielen Kommentaren klingt an, dass ein nachvollziehbares, praktikables didaktisches Konzept in Bremen fehle und zu viel Verantwortung auf das Personal und die Eltern abgewälzt wird.

(...) Ich erwarte ein langfristiges Konzept für Schulen. Eine individuelle je nach Notwendigkeit und Schulsituation erarbeitete Strategie, die sowohl die Lehrer und Schulleiter und alle Sozialpädagogisch arbeitenden, als auch die Eltern und vor allem auch die Kinder mitnimmt. Warum bildet Frau Bogedan aus allen diesen Bereichen und aus den Bereichen der Medizin, Soziologie und Psychologie nicht ein Krisenkabinett und versucht einen konstruktiven Weg, der mal zumindest glauben lässt, dass da jemand weiter denkt, als nur bis zur nächsten Ministerkonferenz? (...)

Julietta Wind - 19. Januar 2021, 11:05 Uhr.

Auch Bogedan wünscht sich ein langfristiges Konzept. Aber: "Das ist das vertrackte an der Pandemie. Alles das, was wir normalerweise rückkoppeln würden, kann häufig nicht so stattfinden, wie auch ich mir das wünsche." Die Entscheidungen müssten in der Regel extrem schnell gefällt werden. Im Bildungsressort werde allerdings "sehr intensiv an Konzepten gearbeitet". Dazu zähle auch die didaktische Entwicklung des Distanz- und Hybridunterrichts. "Unsere Experten des Zentrums für Medien erarbeiten untere anderem Handreichungen, Fortbildungen und Workshops für Lehrkräfte", so Bogedan. "Ich würde mich auch gerne wieder ausschließlich auf die bildungspolitischen Fragen und Antworten konzentrieren, die notwendig sind. Im Pandemiegeschehen ist das schon aufgrund der nicht vorhandenen Zeit schwer."

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Autoren

  • Greta Block Redakteurin und Autorin
  • Eva Linke Redakteurin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21. Januar 2021, 19:30 Uhr