Interview

Bremerin in Großbritannien: Hitler-Schnauzer auf Privatfoto

Der Brexit ändert die Stimmung auf der Insel. Die Bremerin Mara Quante bekommt dies auch persönlich zu spüren. "Der Ton ist rauer geworden." Sie möchte trotzdem bleiben.

Auf einer Europa-Fahne steht das englische Wort "out" und daneben liegt eine durchgerissene britische Fahne.
Bild: Imago | Christian Ohde

Mara Quante, ehemals Schülerin des Bremer Kippenberg-Gymnasiums, lebt seit 23 Jahren in England. Die Pathologin arbeitet seit 15 Jahren als Oberärztin am Royal Sussex County Hospital in Brighton. Den möglichen Brexit bezeichnet sie als "Horror-Szenario" – und erklärt, wie sich England seit dem Referendum im Juni 2016 verändert hat.

Viele Briten, die in Bremen leben, beantragen gerade die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie wollen auch im Falle des Brexits Bürger der Europäischen Union bleiben. Wie bereiten Sie sich auf den Brexit vor?
Auch in Großbritannien beantragen gerade viele Leute die doppelte Staatsbürgerschaft. Ich kenne einen Italiener, der das macht, einen Österreicher und eine Französin. Aber ich werde es nicht machen. Der britische Pass kostet etwa 1.400 Pfund. Das sehe ich nicht ein. Auch möchte ich keinen Eid auf die Königin ablegen.

Allerdings habe ich einen deutschen Pass für meinen Sohn Leon beantragt. Ich möchte, dass er Bürger der EU bleibt. Für mich werde ich vorsichtshalber wohl den so genannten Settled-Status beantragen. Auf diese Weise kann ich sicherstellen, dass ich auch nach einem Brexit in England leben darf.
Portrait der Bremer Pathologin Mara Quante, die in Brighton lebt.
Möchte auch im Falle eines Brexits weiterhin in Großbritannien leben: die Bremerin Mara Quante. Bild: Mara Quante | privat
Fürchten Sie nicht, dass Ihr Leben nach einem Brexit als Nicht-Britin in Großbritannien kompliziert werden könnte?
Das mag schon sein. Andererseits lebe ich schon seit 23 Jahren als Nicht-Britin in England. Meine Söhne gehen hier zur Schule, beziehungsweise zur Uni. Außerdem arbeite ich als voll qualifizierte Pathologin in einem Beruf, in dem landesweit großer Mangel herrscht. Daher kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Brexit für mich persönlich ernsthafte berufliche Konsequenzen hätte.
Wissen Sie, wie es anderen Nicht-Briten in Großbritannien geht?
Ich habe den Eindruck, dass sich viele Ausländer in England sehr unsicher fühlen, gerade diejenigen, die beruflich nicht so fest im Sattel sitzen. Noch größere Sorgen machen sich wahrscheinlich diejenigen, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Sie alle befürchten, dass sich ihre Lage durch einen Brexit drastisch verschlechtern würde. Das glauben allerdings auch etliche Engländer! Viele suchen angestrengt nach irischen oder schottischen Großeltern, um einen EU-Pass beantragen zu können.
Was hat sich außerdem seit dem Referendum verändert?
Der Ton ist rauer geworden. Ausländerfeindliche Tendenzen in der Gesellschaft treten jetzt viel öfter offen zu Tage als vor dem Votum. Das bekomme ich auch persönlich zu spüren.

Ich werde seit dem Brexit viel öfter auf meinen deutschen Akzent angesprochen. Auf eines meiner privaten Fotos in meinem Arbeitszimmer hat irgendwer einen Hitler-Schnauzer gemalt. Das hat mich ganz schön erschüttert! Auch meine französischen und italienischen Kollegen fühlen sich seit dem Referendum viel stärker als Ausländer als davor.
Worin äußert sich diese latente Ausländerfeindlichkeit außerdem?
Das läuft meist eher unterschwellig. Dazu muss man wissen, dass die Deutschen schon vor dem Referendum nicht gerade die Lieblinge der Engländer gewesen sind.

Aber inzwischen, so mein subjektiver Eindruck, werde ich beispielsweise im Small Talk noch zuverlässiger auf den Krieg angesprochen als früher. Auch fällt schnell mal ein Satz wie: "Wenn Dir das hier alles nicht passt, geh‘ doch zurück nach Deutschland!" Das ist schon ganz schön bitter. Und dennoch: Die Franzosen sind hier noch unbeliebter als wir.
  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 10. April 2019, 6 Uhr