"G20-Einsatz prägt eine ganze Polizisten-Generation"

"Hass und sinnlose Gewalt" sei den Polizisten aus ganz Deutschland bei den G20-Krawallen entgegengeschlagen, sagt Bremens Polizeipräsident Lutz Müller. Das müsse aufgearbeitet werden. Auch Anti-G20-Demonstranten aus Bremen verurteilen die Ausschreitungen. Sie sehen aber auch Fehler bei der Polizei.

Polizisten ruhen sich nach G20-Einsatz aus
Polizisten ruhen sich nach G20-Einsatz aus. Bild: DPA | Sebastian Willnow

Junge Kräfte in den ersten Reihen

In Spitzenzeiten waren laut Polizeipräsident Müller 330 Bremer Polizisten, darunter 28 aus Bremerhaven, eingesetzt: Zum Schutz von US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzlerin Angela Merkel, zur Absicherung der Elbphilharmonie, Taucher, Hundeführer, und auch Kräfte, die am Freitag das Schanzenviertel räumten, wo es die schwersten Ausschreitungen gab. Viele Kollegen dort hätten erst vor ein, zwei Jahren ihre Ausbildung beendet, so Müller. Besonders diese Generation werde durch die Ereignisse geprägt.

Weil ihnen ein Hass entgegengebracht worden ist, diese auch sinnlose Gewalt, da fragt man sich als Polizeibeamter: 'In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich, ist das etwas, worauf wir uns regelmäßig einstellen müssen'.

Lutz Müller, Polizeipräsident Bremen
Bremens Polizeipräsident Lutz Müller sitzt an einem Schreibtisch
Die Gewalt in Hamburg war laut Bremens Polizeipräsident Lutz Müller "besonders".

Insgesamt seien 19 Bremer Polizisten verletzt worden, zwei von ihnen schwer. Ein Beamter musste wegen eines Glassplitters im Auge operiert werden. Ein anderer bekam einen Pflasterstein an den Kopf und erlitt trotz Schutzhelm ein Schädelhirntrauma. Beide sind wieder bei ihren Familien.

Zigtausende Überstunden

Den Angaben zufolge haben die Bremer Kräfte durch den G20-Gipfel 30.000 Überstunden angehäuft. Ganz genau werde man es erst später sagen können, so Müller weiter. Darin enthalten seien aber auch Schutzmaßnahmen, für die Beamte schon im Juni nach Hamburg abgestellt worden waren. Auch hätten Polizisten in Bremen verstärkt arbeiten müssen, um die Abwesenheit der Kollegen während des Gipfels aufzufangen. Die Hauptlast sei aber in der vergangenen Woche in Hamburg entstanden.

Sie hatten Einsatzzeiten von 24 Stunden im Dienst, 2 Stunden Pause, dann 20 Stunden im Dienst – und wenn sie Pause hatten, waren sie in Bereitschaft, sie mussten ihre Klamotten anlassen und sich sofort wieder auf einen Einsatz einstellen.

Lutz Müller, Polizeipräsident Bremen

Für die erwartbaren Überstunden hat der Senat "vorgesorgt", wie Müller sagte. Mindestens 250.000 Euro stünden zur Verfügung, um die Mehrarbeit zu bezahlen. Abfeiern, das ist ausgeschlossen: "Wir brauchen jeden Beamten und sind darauf angewiesen, dass sich die Kollegen das auszahlen lassen." Das ginge zwar auf die Knochen, aber nur so müssen man nicht 'Land unter' melden. Schon am Dienstag oder Mittwoch werde wieder Normalbetrieb herrschen.

Mit den Ereignissen in Hamburg und den Folgen will Polizeipräsident Müller offenbar nicht allein gelassen werden: "Das muss aufgearbeitet werden", sagte er. "Alle gesellschaftlichen Gruppen müssen sich von der Gewalt auch distanzieren."

Genau das fehlte Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD), er kritisierte, die friedlichen Demonstranten hätten sich nicht eindeutig genug von den Gewalttätern abgegrenzt.

Fehler der Polizei?

Gegen die Politik der G-20-Staaten haben in Hamburg unter anderem Mitglieder des Bremer Friedensforums demonstriert. Sie gingen am Samstag auf die Straße, ein friedlicher Tag, so Barbara Heller. "Krawalle habe ich überhaupt nicht mitgekriegt, nein, nichts davon."

Barbara Heller sitzt auf einem Stuhl in einem Wintergarten
Barbara Heller kann "nachvollziehen", wieso vor allem junge Menschen gewalttätig werden.

Sie habe ihre politischen Botschaften ohne Störungen verbreitet. Demonstriert habe sie "nicht gegen das Format G20, sondern gegen die G7" - die mächtigsten Staaten der Welt. "Unser Protest richtet sich gegen die Kriegspolitik derer, die dort auch mit versammelt waren."

Heller spricht sich klar gegen die Ausschreitungen in Hamburg aus, aber unter anderem bei der ersten Demonstration am Freitag, als die Polizei den Protestzug nach wenigen Metern stoppte und versuchte, Vermummte von anderen Teilnehmern zu trennen, sei die Polizei zu früh zu hart vorgegangen.

Als Friedensbewegung sind wir gegen Gewalt. Das ist ganz klar und eindeutig. Aber soweit ich das von hier aus beobachten konnte, hat die Polizei in den ersten Tagen eskaliert und nicht deeskaliert.

Barbara Heller, G20-Demonstrantin
Hartmut Drewes sitzt an einem Tisch in einer antik eingerichteten Wohnung
Der ehemalige Pastor Hartmut Drewes war in Hamburg, um gegen die G20-Politik zu demonstrieren.

Durch "ungünstige Polizeieinsätze" sei die Gewalt mit ausgelöst worden, meint auch der ehemalige Bremer Pastor Hartmut Drewes. Er findet es schade, dass die politischen Inhalte durch die Eskalation "an die Seite gedrängt" wurden. Es seien ja auch Tausende Menschen friedlich für die gleichen Ziele eingetreten wie "Kampf gegen Atomwaffen". Das sei beim Gipfel gar nicht besprochen worden. Auch das Problem der Armut in der Welt werde von den G20-Staaten nicht gelöst.

Es war überragend. Dieser Riesenstrom, dicht gedrängt die Menschen. Das konnte ich von einer Brücke beobachten. Das war eigentlich überragend.

Hartmut Drewes; G20-Demonstrant

Bremer Polizisten feiern mit Demonstranten

Angesichts der Gewalt-Exzesse rückte noch mehr in den Hintergrund: Viele friedliche und freundschaftliche Momente zwischen Polizisten und Demonstranten. Bilder davon verbreiteten sich im Netz. Darunter auch ein Video mit Bremer Polizisten – die machten für Demonstranten "die Welle".

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Twitter anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Die Ereignisse rund um den G20-Gipfel werden Deutschland und auch Bremen wohl noch länger beschäftigen. Es muss unter anderem die Frage geklärt werden, wie verhältnismäßig das Vorgehen der Polizei gewesen ist. Polizeipräsident Lutz Müller will Gespräche mit Bremer Einsatzkräften führen. Auch, um psychische Traumatisierungen zu verhindern. Entschlossen zeigte sich inzwischen Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD). "Eine Niederlage für den Rechtsstaat" nannte er die Ausschreitungen. Dafür sind ihm seine Polizeibeamten offenbar zu schade. Der "Hannoveschen Allgemeinen Zeitung" sagt Pistorius, er wolle nun prüfen, ob niedersächsische Kräfte überhaupt noch an andere Einsatzorte abgestellt werden.

Bremer ziehen Bilanz nach G20-Gipfel

große friedliche Demonstration gegen den G20-Gipfel in Hamburg
  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Hörfunknachrichten von Radio Bremen: 8. Juli 2017, 15 Uhr