Andreas Bovenschulte ist heißester Kandidat für Sieling-Nachfolge

Andreas Bovenschulte gilt als aussichtsreichster Kandidat, Carsten Sieling als Bürgermeister Bremens nachzufolgen. Ein Porträt des Juristen in Lauerstellung.

SPD-Politiker Andreas Bovenschulte.

Die Bremer SPD sucht einen Nachfolger für Bürgermeister Carsten Sieling, der nicht wieder für den Senat kandidieren will. Der SPD-Landesvorstand hat am Montagabend die Parteivorsitzende Sascha Aulepp beauftragt, Gespräche mit potentiellen Bewerbern zu führen.

Am Sonnabend soll ein Landesparteitag der SPD über den Koalitionsvertrag und die SPD-Kandidaten für den neuen Senat abstimmen. SPD-Fraktionschef Andreas Bovenschulte gilt für die Nachfolge von Carsten Sieling im Rathaus als heißester Kandidat. Er selbst wollte sich zu Personalspekulationen bislang nicht äußern, hat aber auch nicht dementiert, dass er Interesse am Amt des Bremer Regierungschefs hat. Zu buten un binnen sagte er: "Jetzt ist der Ball im Feld des SPD-Landesvorstands. Ich gehe davon aus, dass er die neue Situation beraten und dann eine Entscheidung treffen wird, wie mit dieser Situation umzugehen ist. Das ist in einer Partei wie der SPD der richtige und der geordnete Weg, und ich gehe davon aus, dass der Landesvorstand ein vernünftiges Verfahren beschließen wird."

Ob es neben Bovenschulte, der vor ein paar Jahren schon einmal als Kronprinz der Bremer SPD galt, andere Bewerber gibt, ist unklar. Der Landesvorstand tagt am Donnerstag erneut, um einen Personalvorschlag zu beraten. Viel Zeit für die Suche nach einem Sieling-Nachfolger bleibt nicht. Am Sonnabend wird ein Landesparteitag der Bremer SPD über den mit Grünen und Linken ausgehandelten Koalitionsvertrag abstimmen. Außerdem sollen dort die Kandidaten der SPD für den neuen Senat nominiert werden.

So lief Bovenschultes Karriere

Kaum ist er an dem einen Schreibtisch angekommen, zieht es ihn somit womöglich schon wieder an den nächsten. Denn Carsten Sieling will nicht mehr. Nach dem erfolgreichen Ende der Koalitionsverhandlungen mit den Grünen und der Linken, ließ Sieling Genossen und Öffentlichkeit wissen: Guter Vertrag, nur umsetzen muss ihn jemand anders. Er tritt nicht zur Wiederwahl als Präsident des Senats an.

Wenn Bovenschulte zum Präsidenten des Bremer Senats gewählt werden sollte, verließe er sein jetziges Amt mit einem Rekord. So kurz war noch niemand Fraktionsvorsitzender der Bremer SPD. Am 24. Juni erst war er – als Neuling in der Fraktion – gewählt worden. Kandidat, Parlaments-Novize, Fraktionschef, Regierungschef – das wäre eine steile Karriere binnen zwölf Monaten.

Vor ziemlich genau einem Jahr wurde Bovenschulte von Sieling als SPD-Kandidat für die Bürgerschaftswahl am 26. Mai diesen Jahres präsentiert und sagte über sich selbst: "Mein Ziel ist es, im Team Sieling zu spielen und dazu beizutragen, dass die SPD die dominierende politische Kraft im Land Bremen bleibt und die Wahl gewinnt."

Direkt mehrere Etagen höher

Beides kam anders. Weder gewann die SPD die Wahl, noch wird Bovenschulte im Team Sieling mitspielen. Stattdessen: Ohne über Los zu gehen, könnte er direkt mehrere Etagen höher einsteigen, vom Teamspieler zum Teamchef. Vom Bürgermeister zum Bürgermeister. Nur eben ist der eine – Bovenschulte bis zur Wahl – Bürgermeister von Weyhe. Und der andere – Bovenschulte nach der Wahl – eventuell Ministerpräsident eines Bundeslandes.

Andreas Bovenschulte und Sigmar Gabriel
Andreas Bovenschulte gemeinsam mit Sigmar Gabriel. Bild: DPA | Ingo Wagner

Bovenschultes Verhältnis zu Koalitionen ist pragmatisch. Zur Bildung der Großen Koalition auf Bundesebene 2013 sagte er: "Wir werden nicht alles besser machen können, wie werden auch nicht das Meiste besser machen können. Aber wir werden etwas besser machen können. Und wenn wir dem Koalitionsvertrag nicht zustimmen, werden wir gar nichts besser machen können."

Mutmaßlich denkt er über die rot-grün-rote Koalitionsvereinbarung in Bremen identisch. Die Alternative wäre die Oppositionsbank gewesen.

Bovenschulte gilt als linker Sozialdemokrat

Den bisher für undenkbar gehaltenen Absturz der SPD in Bremen hinter die CDU hat Bovenschulte schon erahnt. Im Wahlkampf sagte er: "Ganz ehrlich: Wenn welt- und europaweit die Sozialdemokratie in der Krise ist, ist es unwahrscheinlich, dass es nur hausgemachte Probleme in Deutschland und Bremen sind."

Bovenschulte gilt als linker Sozialdemokrat. Bei Twitter etwa schrieb er jüngst zum Thema Mieten: "Die Preissteigerungen für Häuser haben die reichsten 10 Prozent der Deutschen seit 2011 um 1,5 Billionen Euro reicher gemacht. Die ärmeren 50 Prozent dagegen haben vom Immobilienboom vermögensmäßig praktisch nichts gehabt. Sie leiden unter ständig steigenden Mieten."

Befürworter staatlicher Infrastruktur

Er liebäugelt damit, die Schuldenbremse zu lockern, um für öffentliche Investitionen wieder Kredite aufnehmen zu dürfen. Vor allem aber ist er ein glühender Befürworter von Infrastrukturen in Staatshand. Er trat im Wahlkampf rigoros gegen Privatisierungen ein. Und als SPD-Landeschef in Bremen von 2010 bis 2013 initiierte er die Rekommunalisierung des Bremer Strom-Netzes.

Ob er über die Rolle der Partei im Machtgefüge als Regierungschef allerdings noch genauso denkt, wie seinerzeit, als er Kandidat für den SPD-Landesvorsitz in Bremen war, wird sich erst zeigen müssen: "Die SPD muss eine eigenständige Rolle neben Fraktion und Senat spielen."

Promovierter Jurist

Der promovierte Jurist stand während seines Parteivorsitzes bereits im Ruf, das Bürgermeister-Büro im Bremer Rathaus fest im Blick zu haben und sich dafür warm zu laufen. Doch als klar war, dass der damalige Amtsinhaber Jens Böhrnsen bei der Bürgerschaftswahl 2015 wieder antreten würde, entschied sich "Bovi", wie er allgemein nur genannt wird, für das namensgleiche Büro in Weyhe.

Dabei hätte er längst Regierungschef an der Weser sein können. Denn die Wahl 2015 zog angesichts des für damalige Verhältnisse miesen Abschneidens der SPD den Rücktritt Böhrnsens nach sich. Sieling wurde sein Nachfolger, nicht Bovenschulte. Womöglich war es nur eine Warteschleife.

  • Karl-Henry Lahmann

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. Juli 2019, 19:30 Uhr