Lehren aus dem Bildungscheck: Was Bremen für arme Schüler tun müsste

Mehr Geld für die Bildung, mehr Personal an den Schulen, kleinere Lerngruppen: Nach dem buten un binnen-Bildungscheck fordern Fachleute Konsequenzen. Und zwar diese.

Schulkinder im Klassenzimmer.
Im Rahmen der ARD-Themenwoche haben wir einen buten un binnen-Bildungscheck durchgeführt. Bild: Imago | Photothek

Die Chancen auf gute Bildung sind im Land Bremen eng an die soziale Herkunft gekoppelt. Sprich: Je ärmer ein Stadtteil in Bremen und Bremerhaven ist, desto mehr Schulabbrecher und desto weniger Abiturienten bringt er hervor. Das ist das zentrale Ergebnis des buten un binnen-Bildungschecks.

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Die kleinste Abiturienten- und die höchste Schulabbrecher-Quote im Bremer Stadtgebiet hatte 2018 Gröpelingen zu verzeichnen. Etwa zwei Drittel der Kinder haben dort zudem Probleme mit der deutschen Sprache. Genau da setzt Sabine Jacobsen an, ehemals Leiterin der Neuen Oberschule Gröpelingen. Sie spricht zwar von einem "multiplen Förderbedarf" vieler Schüler, stellt aber klar:

An erster Stelle steht die Sprache.

Frau in Straßenbahn spricht in Mikrophon
Sabine Jacobsen, ehemalige Leiterin der Neuen Oberschule Gröpelingen

Um hier Abhilfe zu schaffen, müsse die Politik für eine bessere Durchmischung der Stadtteile sorgen, sagt die Pädagogin. Jacobsen findet etwa, dass Übergangswohnheime für Geflüchtete in reichen Stadtteilen wie Borgfeld oder Oberneuland besser aufgehoben wären als in Gröpelingen, wo ohnehin schon viele Menschen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch leben.

Auch Günter Warsewa, Sozialforscher am Institut Arbeit und Wirtschaft der Uni Bremen, führt das schlechte Abschneiden der Schüler armer Stadtteile beim Bildungscheck nicht allein auf die Schulzeit der Kinder zurück. Er sagt:

Die Probleme entstehen schon vor der Schule.

Günter Warsewa, Sozialforscher am Institut Arbeit und Wirtschaft

Daher sei es sinnvoll, so früh wie möglich einzugreifen, nicht nur bei der Sprachförderung. Eine besondere Rolle könne dabei den Kindertagesstätten zufallen. Denn dort finde noch "am ehesten" ein Austausch unter den sozialen Schichten statt, sagt Warsewa. In seiner Studie "Armutspolitik in Bremen" fordert der Wissenschaftler daher "an lokale Bedarfe angepasste Kooperationen von Kita, Schule und weiteren sozialen Dienstleistungen". Er denkt dabei an die Jugendhilfe, an die Schulden- und die Erziehungsberatung, an Gesundheitsdienste sowie an die Sozialarbeit in den Schulen.

Grauhaariger Mann mit Bart spricht in Straßenbahn in ein Mikrophon
Glaubt an eine Schlüsselrolle der Kitas bei der Integration: Sozialforscher Günter Warsewa.

Dort aber mangelt es nicht nur an Sozialarbeitern, sondern erst recht an Lehrern. "Zwei Lehrkräfte in jeder Lerngruppe wären das Mindeste, das die Lehrkräfte brauchen, damit sie nicht in Arbeit ersticken", formuliert Ex-Schulleiterin Sabine Jacobsen mit Blick auf Gröpelingen einen frommen Wunsch.

Tatsächlich beschäftigt der Mangel an Lehrern Bremens Schulen bereits seit Jahren. "Es gibt praktisch keinen überregionalen Stellenmarkt mehr", sagt Bremerhavens Schulstadtrat Michael Frost dazu. Für den stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden und langjährigen Wirtschaftssenator Martin Günthner gibt es nur eine Möglichkeit, um für mehr Pädagogen zu sorgen: "Die Ausbildungszahlen müssen erhöht, erhöht und nochmal erhöht werden. Es muss weiter in Bildung investiert werden", sagt er und fügt hinzu: "Wo die Probleme am größten sind, muss auch besonders finanziell interveniert werden."

Förderprogramm des Bildungsressorts

Wie Günthner möchte auch Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) "Ungleiches ungleich behandeln", wie sie gern mit Hinblick auf die Bremer Schulen sagt. Aufgrund eines Sozialindikators erhalten daher derzeit 15 Grundschulen und vier Oberschulen gesonderte Zuwendungen aus dem Bildungsressort.

Die Schulen könnten das Geld beispielsweise nutzen, um Zollstöcke, Uhren und Waagen für den Mathematikunterricht anzuschaffen, erklärt Carsten Dohrmann, Leiter der Grundschule an der Stichnathstraße in Bremen-Huchting. Sie könnten das Geld beispielsweise aber auch einsetzen, um für einige Wochenstunden Sozialpädagogen zu beschäftigen. Auf diese Weise würden die Lehrer ein wenig entlastet und Zeit für Gespräche mit den Eltern, erklärt der Schulleiter gewinnen.

Älterer Herr in Straßenbahn spricht in ein Mikrophon
Fordert mehr Geld für Bremens Schulen: Carsten Dohrmann, Leiter der Grundschule an der Stichnathstraße.

Auch Isolde Mörk, Leiterin der Grundschule an der Andernacher Straße in Tenever, sieht im Förderpaket des Bildungsressorts einen "Schritt in die richtige Richtung". Christian Gloede von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft allerdings bezeichnet das Paket als "unzureichend". Er fordert zudem ein Qualifizierungs- und Seiteneinstiegsprogramm für Erzieher und Sozialpädagogen, da es zu wenige von ihnen in Bremen gebe.

Das sieht die Opposition nicht anders: "Wir haben allenthalben zu wenig Personal in den Schulen", sagt Yvonne Averwerser, bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. Um ein "ganzheitlich stützendes System" zu entwickeln, müssten zudem Bildungs- und Sozialbehörde besser Hand in Hand arbeiten, die Stadtteile als Ganzes stärken, sagt Averswerser.

Vor dem Hintergrund all dieser Verbesserungsvorschläge ist es Schulleiter Carsten Dohrmann wichtig, klar auszusprechen, worin in seinen Augen immer noch das größte aller Probleme an Bremens Schulen liegt: "Woran es fehlt, ist schlicht Geld", sagt er.

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. November, 19.30 Uhr