Schule zu Hause: Können Bremens Lehrer ihre Schüler überhaupt benoten?

Am Freitag gibt es Zeugnisse. Doch wie aussagekräftig sind die Noten, wenn der Unterricht wochenlang zu Hause stattfindet? buten un binnen hat Lehrkräfte gefragt.

Video vom 26. Januar 2021
Ein Lehrer, der mitten im Klassenraum steht mit einem Zettel in der Hand und zu den Schülern redet.
Bild: Radio Bremen

Aktiengesellschaft, GmbH, Kommanditgesellschaft: Im Unterricht von Bernd Ehlers geht es gerade um Unternehmen und ihre Rechtsformen. Ehlers unterrichtet kaufmännische Auszubildende an einer Berufsschule in Bremen und ist zweiter Vorsitzender des Bremer Philologenverbands. Am Ende der Unterrichtseinheit würde eigentlich eine Klausur anstehen. Eigentlich.

Doch weil Ehlers und seine Schülerinnen und Schüler schon seit Wochen im Distanzunterricht sind, hat sich der Lehrer etwas anderes überlegt: "Wir haben bei uns kleine Arbeitsgruppen gebildet und die verschiedenen Themen verteilt. Jede Gruppe hält dann per Videokonferenz ein Referat und am Ende müssen die Schüler dann digital Arbeitsblätter bearbeiten", erklärt Ehlers. Lernerfolgskontrolle nennt der Pädagoge das: Was in Nicht-Corona-Zeiten die Klausur wäre, ist jetzt der digitale Test.

Welche Leistung zählt im Distanzunterricht?

In der momentanen Situation müsse man neue Wege gehen, ist Ehlers überzeugt. Bei ihm funktioniere der Distanzunterricht gut, weil die Schülerinnen und Schüler schon älter seien, sich selbst organisieren könnten. Ihre Leistungen würden sie auch in digitaler Form erbringen, da sei die Bewertung und Notengebung nicht problematisch, so der Pädagoge. Als zweiter Vorsitzender des Philologenverbandes weiß er aber auch, dass das nicht die Regel ist: "In anderen Jahrgängen ist es nicht so leicht, Leistungsnachweise im Distanzunterricht zu erbringen."

In diesem Schulhalbjahr, das am Freitag in Bremen zu Ende geht, sei die Benotung kein Problem gewesen, sagt auch Claudia Dreyer, Schulleiterin am Gymnasium Hamburger Straße. "Die klausuren- und prüfungsrelevante Phase ist vor Weihnachten zu Ende gegangen und bis dahin waren die Schülerinnen und Schüler ja noch im Präsenzunterricht", so die Schulleiterin. Deshalb sei auch nicht schwer gewesen, die Zeugnisse auszustellen.

Bisher wird der Unterricht zu Hause nur positiv gewertet

Mittlerweile aber ist in Bremen die Präsenzpflicht an Schulen ausgesetzt, für viele Schülerinnen und Schüler findet der Unterricht digital von zu Hause aus statt. Schulleiterin Claudia Dreyer ist gerade dabei den Unterricht in Halbgruppen zu organisieren, der ab kommender Woche an ihrer Schule losgehen wird.

Und bei einem Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht stellt sich für Dreyer die Frage, wie der Unterricht zu Hause überhaupt bewertet werden darf: "Bislang darf der Distanzunterricht nur im positiven Sinne gewertet werden und sich nicht negativ auf die Note auswirken", so die Schulleiterin. Ob sich daran rechtlich etwas ändere, sei noch nicht klar. "Da fragen wir uns schon, wie das gehen soll. Wir sehen ja auch, dass sich Schülerinnen und Schüler zu Hause sehr anstrengen", sagt Dreyer.

Claudia Dreyer
Claudia Dreyer leitet das Gymnasium an der Hamburger Straße in der Östlichen Vorstadt. Bild: Claudia Dreyer

In Bremen gilt aktuell: Leistungen, die im Distanzunterricht erbracht werden, dürfen in die Bewertung nur dann einfließen, wenn dies für die notwendige Beurteilung in dem jeweiligen Fach oder Kurs zwingend erforderlich ist. So ist es im Bremischen Schulgesetz formuliert. "Dabei sind die individuellen häuslichen Lernbedingungen der Schülerinnen und Schüler besonders in den Blick zu nehmen und angemessen zu berücksichtigen", heißt es dort weiter. Bedeutet: Ungünstige Bedingungen zu Hause dürfen sich nicht negativ auf die Note auswirken.

Zeugnisse der Viertklässler besonders wichtig

Auch was unter "zwingend erforderlich" zu verstehen ist, wird im Gesetz festgelegt, zum Beispiel, "um in dem jeweiligen Fach oder Kurs oder Lernfeld überhaupt eine Note oder Lernstandseinschätzung generieren zu können" oder wenn die Note Voraussetzung ist, um einen Schüler zu versetzen oder ihn zu Prüfugen zuzulassen. Geregelt ist auch, dass einige Leistungsüberprüfungen weiterhin nur im Präsenzunterricht erfolgen: Abschluss-Jahrgänge müssen prüfungsrelevante Klausuren also weiterhin in der Schule schreiben.

An die Grundschulen habe man zudem einen ausführlichen Handlungsleitfaden zum Kompetenzraster verschickt, der auf den Hinweisen der Sprecher der Grundschulen basiere, heißt es von Seiten der Bildungsbehörde. Anders als an den weiterführenden Schulen gibt es auf dem Halbjahreszeugnis der vierten Klassen keine Noten: Die Schülerinnen und Schüler werden anhand einer zehnstufigen Skala, dem Kompetenzraster, bewertet. Die Halbjahreszeugnisse sind in der vierten Klassen besonders wichtig, weil sich die Schülerinnen und Schüler damit an den weiterführenden Schulen bewerben.

"Anders, aber nicht ohne Leistung"

Für Gerald Dolejs, Schulleiter an der Grundschule Fischerhuder Straße, sind die aktuellen Halbjahreszeugnisse genauso aussagekräftig wie die der vergangenen Jahre. "Das liegt daran, dass der Unterricht in diesem Halbjahr ja zum Großteil stattgefunden hat", so Dolejs. Dementsprechend wurden die Leistungen, etwa in Form von Tests, auch wie üblich geprüft. Zudem werde generell an den Grundschulen, anders als an den weiterführenden Schulen, nicht benotet. Insofern sehe er da auch kein Problem für den Distanzunterricht, so der Schulleiter. Aber er weiß auch:

Jede Stunde, die nicht in Präsenz stattfindet, fehlt irgendwo.

Gerald Dolejs, Schulleiter Grundschule Fischerhuder Straße

"Unsere Lehrkräfte und die Menschen im Ressort haben sich viel überlegt, um die Zeugnisse vergleichbar zu halten", heißt es aus der Bremer Bildungsbehörde. Die Notwendigkeit der Neuregelungen und flexiblere Handhabung des Kompetenzrasters im Grundschulbereich zeige aber ja schon, dass die Leistungsbewertung anders sei. "Anders, aber nicht ohne Leistung", so die Behörde.

Dass sich die Bewertung verändert, davon ist auch Christine Fiebig, Leiterin der Neuen Oberschule Lehe in Bremerhaven überzeugt. "Und das finde ich gut", sagt die Schulleiterin. Mit Blick auf das neue Halbjahr würden sie und ihre Kolleginnen und Kollegen sich die Frage stellen, wie man Leistung bewertet, wenn die Schülerinnen und Schüler online lernen.

Drei Klassenarbeiten im Halbjahr zu schreiben, so wie früher, das funktioniert jetzt nicht mehr.

Christine Fiebig, Neue Oberschule Lehe, Bremerhaven

Und Fiebig und ihre Kollegen haben auch schon Ideen, wie man die Klausuren in Zeiten von Distanzunterricht ersetzen kann: "Die Schüler können online eine Präsentation halten oder ein Produkt erstellen, zum Beispiel ein Poster, da gibt es mittlerweile tolle Apps", erzählt die Schulleiterin. Auch Erklärvideos hätten die Schülerinnen und Schüler schon selber produziert. "Zum Teil können sich die Schüler die Inhalte so viel besser merken als bei einer Klausur, wo sie eine Woche vorher alles lernen und es danach wieder schnell vergessen." Diese neue Art der Leistungsbewertung sei eine Chance, auch für die Zeit nach Corona, so die Schulleiterin.

Jan-Eric Ströh, Landesvorstandssprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Bremen und selbst Lehrer an einer Oberschule, ist zwar nicht ganz so optimistisch wie Schulleiterin Fiebig, Sorgen macht er sich mit Blick auf die anstehenden Halbjahreszeugnisse aber nicht: "Ich habe schon das Gefühl, man kann Noten nachvollziehbar machen", sagt er. Bis vor Weihnachten habe viel Präsenzunterricht stattgefunden, Klausuren und Klassenarbeiten seien geschrieben worden.

Die Herausforderung sieht Ströh in den kommenden Wochen: Jetzt kommt der Unterricht in Halbgruppen, die Präsenzpflicht ist aber weiterhin ausgesetzt. Da könnte es schon sein, dass einige Schülerinnen und Schüler dann nicht in die Schule kommen werden", so Ströh. Und dann stelle sich eben auch die Frage nach der Bewertung: "Wie oft müssen die Schüler zum Beispiel anwesend sein, um ihnen eine Note geben zu können?"

Digitaler Unterricht als Ergänzung – nicht als Ersatz

Ströh fordert aber auch, umzudenken, eben weil gerade viel in den Kinderzimmern der Schüler unterrichtet wird: "Das fehlt, das ist schlecht: Wir müssen von diesem defizitorientieren Blick wegkommen. Stattdessen sollten wir bei den Schülerinnen und Schülern lieber schauen, was da ist, was gerade funktioniert." Dabei gehe es auch darum, die Bereitschaft der Schüler, sich digital am Unterricht zu beteiligen, ihr technisches Wissen, positiv zu bewerten. "Die Online-Ergebnisse sind eher eine Ergänzung zum Präsenzunterricht, kein Ersatz", sagt Ströh. Deshalb favorisiere er auch den Unterricht in Halbgruppen, der nächste Woche an Bremens Schulen in Kraft tritt.

Ähnlich sieht es auch Schulleiterin Claudia Dreyer vom Gymnasium Hamburger Straße: "Beim Halbgruppen-Unterricht sehen wir die Schülerinnen und Schüler vor Ort, sie können ihre Aufgaben, die sie zu Hause im Distanzunterricht erledigt haben, mitbringen und besprechen." Das mache dann auch die Benotung leichter, so die Schulleiterin. Und trotzdem wird auch das neue Halbjahr wieder herausfordernd werden: "Gerade müssen wir jeden Tag Schule neu erfinden", sagt Schulleiterin Dreyer.

Schule in Bremen: Zwischen Präsenzunterricht und Homeschooling

Video vom 21. Januar 2021
Ein junges Mädchen sitzt an einem Tisch zu Hause und macht Hausaufgaben, vor ihr steht ein Laptop.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. Januar 2021, 19:30 Uhr