Heute vor 80 Jahren: Der Tag, an dem Bremen vom Kriegsbeginn erfuhr

Sie waren kleine Kinder, doch erinnern sich noch genau an diesen unheilvollen 1. September 1939 – als sie aus dem Radio vom Ausbruch des zweiten Weltkriegs erfuhren.

Hakenkreuzbeflaggung auf dem Bahnhofsvorplatz
Hakenkreuzfahnen – wie hier auf dem Bahnhofsvorplatz – gehörten 1939 zum Bremer Stadtbild. Bild: Landesfilmarchiv Bremen

Es war ein Freitag am Ende eines sonnigen Sommers. In Bremen waren 19 Grad und leichter Regen vorhergesagt. Um 10 Uhr war in vielen Wohnungen und Betrieben der Volksempfänger aufgedreht. Vom "Großdeutschen Rundfunk" wurde die Propaganda-Reichstagsrede des Führers übertragen und verkündet, dass Polen den Krieg begonnen habe. Seit 5.45 Uhr würde zurückgeschossen, schrie Adolf Hitler durch die Radiogeräte, um so den gezielten Überfall auf Polen zu vertuschen.

Läöchelnde, weißhaarige Dame sitzt im Wohnzimmer mit Buch über 2.Weltkrieg
Käthe Brandt hat den Ausbruch des Weltkriegs als Neunjährige erlebt. Bild: Katharina Guleikoff

Vor einem Volksempfänger in Verden saß die neunjährige Käthe. Käthe Brandt war Anfang 1939 gerade mit ihren Eltern aus Bruchhausen-Vilsen in die Stadt südlich von Bremen gezogen. "Ich höre Hitlers Stimme noch. Es geht mir noch heute kalt den Rücken runter." Damals, sagt sie, habe auch sie daran geglaubt. Deutschland besiege die ganze Welt.

"Alle Wünsche und Pläne zerbrachen."

Einen Monat später hat ihr Vater schon nicht mehr ihren zehnten Geburtstag mitgefeiert. Der gelernte Friseur wurde sofort eingezogen, erzählt Käthe Brandt. Die inzwischen knapp 90-Jährige hat ihre Erinnerungen vom Krieg und von der Familiengeschichte vor vielen Jahren für die Enkelkinder aufgeschrieben. In dem Buch schreibt sie zum Kriegsbeginn: "Alle Wünsche und Pläne zerbrachen und ich wurde aus meiner behüteten Kindheit gerissen. Die Wohnung, die meine Eltern gemietet hatten, wurde von der NSDAP beschlagnahmt und wir hausten in einem kleinen möblierten Zimmer."

Eine antike Bremer Zeitung vom 11. August 1939.

Jahre ohne den Vater - so ergeht es den meisten Kindern in Bremen und umzu. Käthes Vater kehrt, bis auf vereinzelte Heimaturlaube, erst nach Ende des Krieges zurück. Deutschlandweit zog die Wehrmacht in den Kriegsjahren insgesamt über 17 Millionen Männer ein. Über 5 Millionen von ihnen wurden getötet.

Der Alltag veränderte sich nicht schlagartig

Bis auf den eingezogenen Vater blieb der Krieg für Käthe Brandt in Verden aber erst einmal weit weg. Mit dem zehnten Geburtstag kam sie zu den Jungmädchen und war begeisterte Hitleranhängerin. Das war auch Johanna Tiemeyer und glaubte zunächst, dass Hitler den Krieg gewinnen würde. Mit ihrer Familie wohnte sie in Hemelingen, bis sie zum Jahreswechsel 1940/41 ausgebombt wurden. 14 Jahre war Johanna Tiemeyer zu Kriegsbeginn alt und besuchte das Gymnasium Kleine Helle in der Bremer Innenstadt. Im Unterricht wurde der Kriegsbeginn in Polen und der weitere Krieg regelmäßig besprochen. Ihren Alltag bestimmte das Thema zunächst aber nicht.

Ich ging viermal die Woche zur Hitlerjugend und hatte Ballett- und Klavierunterricht. Und dann hatte man die Jungs im Kopf. Das war wichtiger als Krieg.

Weißhaarige Dame mit Brille sitzt in einem Wohnzimmer vor Bilderwand
Johanna Tiemeyer, Zeitzeugin aus Hemelingen

Johanna Tiemeyers Vater musste nicht in den Krieg. Er arbeitete in der Bremer Draht- und Seilindustrie und stellte kriegswichtige Güter her. In vielen Fabriken wurde schon in den Tagen vor dem Krieg die Produktion nach und nach auf Rüstungsgüter umgestellt und gleichzeitig die Produktion von Zivilgütern Stück für Stück gedrosselt, berichtet auch Jörn Brinkhus vom Staatsarchiv Bremen.

Nahrung wurde mit Lebensmittelkarten rationalisiert

Geplant hatten die Nationalsozialisten auch die Versorgung der Bevölkerung, erzählt er weiter. Ab Anfang September konnten Lebensmittel nicht mehr frei eingekauft, sondern nur mit Lebensmittelkarten bezogen werden - ein bürokratisches, aber funktionierendes Rationierungssystem. So war für die Bevölkerung erst genug zu essen vorhanden, man hatte aus dem Ersten Weltkrieg gelernt.

Bremen unterm Hakenkreuz: Alltag in der Vorkriegszeit

Polizisten vor dem Hotel Columbus
Bild: Landesfilmarchiv Bremen

Daran erinnert sich auch Helmut Koch, besonders, dass es auf einmal keine Schokolade mehr beim Bäcker gegenüber gab. Seine Eltern hatten in Bremen-Gröpelingen eine Fleischerei, in der er gerne aushalf. Auch als Ausrede, weil er keine Lust auf die Hitlerjugend hatte. Das war für den zu Kriegsbeginn Zehnjährigen nicht das richtige. Er wäre lieber Tänzer geworden. Ganz anders als sein 18-jähriger Bruder, der sich gegen den Willen der Eltern freiwillig zur Wehrmacht meldete. Helmut Koch erinnert sich auch noch an eine weitere sofortige Auswirkung des Krieges: strenge Verdunklungsmaßnahmen. Schon in den nächsten Tagen fuhren Sirenenwagen durch die Straßen Bremens und meldeten Fliegeralarm.

Die Bürger waren ja hysterisch. Wenn da nur ein Funken Licht aus dem Fenster rauskam, dachte man, das sieht gleich ein englischer Bomber und wirft genau darauf eine Bombe.

Wißhaariger Rentren sitz in Sessel und blickt in die Ferne
Helmut Koch, Zeitzeuge aus Gröpelingen

"Wir hatten überhaupt keine Jugend.“

An die immer wieder kehrenden Alarme erinnert sich auch Wilma Schneider aus Walle. In der Schule hat sie sofort gelernt, wie sie sich bei Fliegeralarm verhalten muss. "Wir haben dann sofort gelernt, wie man gezielt in Keller geht. Wir hatten da ja noch keine Bunker." Wilma Schneiders Familie hatte in der Baumstraße ein Fuhrunternehmen, dass Waren aus dem Hafen transportierte. Ihre Eltern hörten heimlich britisches Radio, was strengstens verboten war. Ganz bewusst ist der Krieg zu ihr aber erst 1940 gekommen, als die erste Bombe hinter das Geschäft der Eltern flog und einen Birnbaum traf – im Laufe des Krieges wurde das Geschäft ganz vernichtet.

Die Kindheit war schlagartig vorbei

Fliegeralarm vom ersten Kriegstag an kennt auch Werner Stasch. Der Delmenhorster ist in Wilhelmshaven, Deutschlands größtem Kriegshafen, aufgewachsen. Dort begann der Krieg ab dem ersten Tag mit Fliegerangriffen, erinnert sich der damals Zehnjährige, während ihm dabei Tränen in die Augen steigen. Er beschreibt, wie seine Mutter ihn damals zu beruhigen versuchte: "Keine Sorge, bis du groß bist, ist der Krieg wieder zu Ende." Sie sollte sich irren, Werner Staschs Kindheit war schlagartig vorbei.

Wir hatten kaum das Wort Krieg gehört, dann mussten wir in die Bunker.

Weißhaariger Rentner mit Brille sitzt in Wohnzimmer und lächelt in die Kamera
Werner Stasch, Zeitzeuge aus Delmenhorst

Am Ende des Krieges war die innere Stadt von Wilhelmshaven ein Trümmerfeld, genau wie Bremen. Hier waren 60 Prozent der Stadt zerstört, alle Brücken, Industrie und Häfen zertrümmert, tausende Menschen haben ihr Leben gelassen. Sechs Jahre hat der Zweite Weltkrieg gewütet, fast 60 Millionen Tote hat er gefordert.

  • Katharina Guleikoff

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. August 2019, 19:30 Uhr