Machen Bremens Schulabgänger die wertvollsten Abschlüsse seit langem?

Wer in diesen Wochen die Schule abschließt, macht das unter den Bedingungen der Pandemie. Doch sind die Abschlüsse deshalb weniger wert? Von wegen, sagen Bremer Arbeitgeber.

Video vom 23. April 2021
Eine Abschlussklasse ist im Präsenzunterricht im Klassenraum anwesend. Alle tragen Masken und haben ihre Tablets bei sich.
Bild: Radio Bremen

Zuletzt war es der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Wie viele Politikerinnen und Politiker vor ihm, darunter Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), erklärte er die Abitur-Prüfungen trotz Corona für nahezu unverzichtbar. Sein Argument: Die Schülerinnen und Schüler sollten am Ende dieses Schuljahrs sagen können, dass es für sie genauso anstrengend und hart gewesen sei, den Abschluss zu machen, wie für die Schüler in den Jahren zuvor. Nur dann würde ihr Abschluss als ebenso hochwertig angesehen.

Fragt sich, wer den Wert der diesjährigen Schulabschlüsse – Prüfungen hin oder her – jemals angezweifelt hat. Zumindest Bremer Unternehmen und Arbeitgebervertretungen tun es offenbar nicht. Bei ihnen scheint eher die gegenteilige Auffassung vorzuherrschen: die, dass die in der Pandemie erarbeiteten Abschlüsse besonders hoch einzuschätzen seien. Sowohl für die mittleren als auch für die höheren Schulabschlüsse stehen im Mai und im Juni Prüfungen im Land Bremen an. In Niedersachsen sind sie bereits in vollem Gange.

"Sehen nicht die Gefahr, dass Absolventen weniger mitbringen"

Die Unternehmensverbände im Land Bremen haben zwar keine Daten zum Ansehen der diesjährigen Abschlüsse erhoben. Allerdings habe man im Gespräch mit den Firmen viele Eindrücke gesammelt, berichtet Ricarda Kneiser, Referentin für Bildungspolitik bei den Unternehmensverbänden.

Wir sehen nicht die Gefahr, dass die Absolventen weniger Fachwissen mitbringen als sonst.

Ricarda Kneiser von den Unternehmensverbänden im Land Bremen

Stattdessen schreiben einige Betriebe den diesjährigen Schulabgängern überdurchschnittlich große Fähigkeiten zu. Denn diese Schülerinnen und Schüler hätten sich durch den Distanzunterricht notgedrungen digitale Kompetenzen und auch solche in der Selbstorganisation angeeignet, die den Jahrgängen vor ihnen nicht abverlangt worden seien – und das unabhängig von der Frage, wer wann welche Prüfung mit welchem Ergebnis macht.

"Wir verunsichern die jungen Leute total"

Das sieht auch Bettina Elsner so. Sie ist verantwortlich für die kaufmännische Ausbildung bei der Heino Ilsemann GmbH, einem Bremer Unternehmen, das sich auf den Bau von Maschinen für Verpackungssysteme spezialisiert hat. Elsner ärgert sich über die aus ihrer Sicht in den Medien ausufernde Debatte rund um die diesjährigen Abschlüsse. "Wir verunsichern die jungen Leute damit total, nehmen ihnen den Mut", kritisiert sie.

Elsner findet, dass die Gesellschaft Druck von den Schülerinnen und Schülern nehmen sollte. Noch wichtiger als gute Zeugnisse oder Prüfungsergebnisse seien persönliche Eindrücke, die Bewerberinnen oder Bewerber hinterließen, zumindest aus ihrer Sicht.

Allein steht Elsner mit ihrer Betrachtungsweise keinesfalls. Auch Claudia Penning, Personalreferentin bei dem Bremer Unternehmen Kaefer Isoliertechnik, findet, dass der Wert der Prüfungen oft überschätzt werde. Ohnehin unterzeichneten viele Azubis, zumal in den kaufmännischen Berufen, ihre Ausbildungsverträge bereits im Herbst oder Winter, also bevor sie ein Abschlusszeugnis in den Händen halten.

Besondere soziale Kompetenzen

Ein Ausbilder zeigt einem Lehrling die Arbeit mit der Kappsäge in der Werkstatt.
Viele Handwerksbetriebe entscheiden aufgrund von Praktika, wen sie ausbilden. Schulzeugnisse spielen eine eher untergeordnete Rolle. Bild: DPA | Zoonar | Robert Kneschke

"Wir gucken uns die Zeugnisse dann eher dahingehend an, wie es in den letzten ein/zwei Jahren gelaufen ist", sagt Penning. Dass die Schulabgänger in der Corona-Pandemie ihre Leistungen zum Teil unter deutlich erschwerten Bedingungen erbracht hätten, habe sie dabei im Hinterkopf: "Da haben ja einige, während sie online unterrichtet worden sind, auch noch auf ihre kleinen Geschwister aufgepasst. Damit haben sie soziale Kompetenzen bewiesen, die man ihnen als Unternehmen hoch anrechnen sollte."

Ähnlich sieht es Elke Stute, Leiterin des Bereichs "Personal und Recht" am Klinikum Bremerhaven: "Dass wir durch die Pandemie vieles dazu lernen, stellen wir an uns selbst fest: Flexibilität, Zeitmanagement, neue Kommunikationswege – all diese Dinge bekommen eine neue Bedeutung", sagt sie und fügt hinzu: "Wir denken schon, dass Schüler dieser Abschlussjahrgänge in diesen Bereichen ebenfalls besondere Stärken mitbringen."

Handwerk freut sich auf alle Azubis

Inwiefern die Schulabsolventinnen und -absolventen des laufenden Abschlussjahrgangs besser oder schlechter sind als jene anderer Jahrgänge – das ist eine Frage, die sich für die meisten Handwerksbetriebe gar nicht erst stellt, teilt die Handwerkskammer Bremen mit. Denn im Handwerk herrsche seit Jahren ein Mangel an Fachkräften. Daher seien alle Jahrgänge willkommen.

"Wir glauben, dass der Bedarf an Arbeitskräften im Handwerk in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen wird", sagt Oliver Brandt, Sprecher der Handwerkskammer Bremen. Daher setze das Handwerk auch in Corona-Zeiten auf die Ausbildung. Aktuell stünden etwa 250 freie Ausbildungs- und 160 Praktikumsplätze in der Ausbildungsbörse der Handwerkskammer.

Gut absolvierte Praktika sind im Handwerk der übliche Weg, um sich für eine Lehre zu empfehlen. "Wie sich jemand bei der Arbeit anstellt, der persönliche Eindruck, den jemand in der Praxis hinterlässt, das ist den Betrieben besonders wichtig", erklärt Brandt. Zumindest daran habe noch nicht einmal die Corona-Pandemie etwas geändert.

So funktioniert die Ausbildungsvermittlung per Telefon

Video vom 23. März 2021
Ein Mitarbeiter der Agentur für Arbeit sitzt mit einem Headset an seinem Schreibtisch.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. April, 19.30 Uhr