Interview

Bremer Virologe hält Maskenpflicht in der Öffentlichkeit für sinnvoll

Andreas Dotzauer ist Virusforscher an der Uni Bremen. Wie denkt er über den Einsatz von Schutzmasken? Und wann könnten die Kontaktbeschränkungen aufgehoben werden?

Video vom 1. April 2020
Tafel mit der Frage: Wie sinnvoll ist eine Maskenpflicht?
Einige Kommunen haben ähnlich wie in Österreich eine Maskenpflicht für das öffentliche Leben erlassen. Wie sinnvoll ist das?
Ich halte das durchaus für sinnvoll, auch wenn es immer heißt, es schütze nicht vor Infektionen. Aber letztendlich bestreitet niemand, dass es davor schützt, das Virus auf andere zu übertragen.
Inwiefern sind selbst gemachte Masken dafür geeignet?
Hier gilt: Irgendwas ist besser als gar nichts. Aber es ist entscheidend, aus welchem Stoff die Masken bestehen. Alte Stoffwindeln wären dafür sehr geeignet. Viele Leute haben da interessante Vorschläge gemacht. Etwa wollten Taxifahrer Damenbinden verwenden, aber auch aus Baby-Höschen könnte etwas gebastelt werden. All diese Lösungen bieten zwar nicht die gleiche Sicherheit wie die FFP2-Schutzmasken, die für das medizinische Personal vorgesehen sind, aber sie erfüllen auch ihren Zweck. Selbst ein altes T-Shirt würde sich eignen, wenn es regelmäßig gewaschen wird.
Müssten die Masken auch beim Arbeiten getragen werden?
Das kommt natürlich immer darauf an, wie viel Kontakt man zu anderen dabei hat. Wenn ich allein am Schreibtisch sitze, brauche ich das natürlich nicht. Dann besteht ja nicht die Gefahr.
Welche weiteren Maßnahmen würden Sinn machen? Überspitzt gefragt: Dürfen wir bald alle nur noch in kompletter Schutzkleidung raus?
Nein, soweit muss man nicht übertreiben, dass wir bald wie Raumfahrer rumlaufen. Die Maßnahmen, die jetzt allgemein bekannt sind, reichen aus wie Abstandsregelungen, Händewaschen oder Maskentragen sowie die Kontaktregeln. Das heißt, dass nur zwei Personen zusammentreffen und möglichst nur die, die sowieso ständig Kontakt haben. Da ist natürlich vorstellbar, dass diese Regeln noch verschärft werden könnten, aber in der jetzigen Situation wäre schon viel gewonnen, wenn die geltenden Regelungen von allen beachtet werden.
Ist es denn realistisch, dass in zwei oder drei Wochen diese ganzen Kontaktbeschränkungen aufgehoben werden?
Das weiß niemand, aber nach meiner Einschätzung wird das nicht passieren. Also Ostern sind wir damit noch nicht durch. Es wäre auch gefährlich, diese strikten Regelungen aufzuheben. Es ist definitiv so: Wenn man es zu früh macht, besteht die große Gefahr, dass dann die Infektionskurve, die jetzt gerade noch abflacht, wieder ansteigt.
Wir stehen tatsächlich noch am Anfang dieser Pandemie.
Auf welchen Zeitraum sollten wir uns Ihrer Einschätzung nach vorbereiten?
Da kann ich nur spekulieren. Ich denke, dass wir vier bis fünf Wochen abwarten müssen, wie sich die Situation entwickelt. Danach müssen entsprechend der Dynamik der Pandemie die Regeln angepasst werden.
Können Sie sich vorstellen, dass es für Nicht-Risiko-Gruppen Lockerungen gibt?
Da wäre es sehr schön, wenn auf Antikörper getestet werden würde. Ist dies der Fall, könnten wir anhand der vorhandenen Daten davon ausgehen, dass diese Personen schon infiziert waren und sich nicht erneut anstecken können. Hier wäre eine Lockerung sofort möglich. Das wäre für bestimmte Tätigkeiten sehr wichtig.
Im Internet werden auch viele kritische Stimmen immer lauter. Manche sagen, dass die strikten Eingriffe in die Grundrechte der Menschen nicht legitim seien. Halten Sie das für angemessen?
Für angemessen nicht, aber für legitim und auch überlegenswert. Natürlich greifen die Maßnahmen in persönliche Rechte ein. Hier muss darauf geachtet werden, dass, wenn sich die Situation ändert, diese Einschnitte wieder aufgehoben und nicht zum Dauerzustand werden. Aber anhand der Zahlen kann man sehen, dass es in der jetzigen Situation um Leben und Tod geht. Deshalb sollten wir diese Eingriffe derzeit in Kauf nehmen.
Der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte sprach davon, dass eine kontrollierte Ausbreitung das Ziel sei. Was meint er damit?
Ich nehme an, dass er genau das meint, was derzeit passiert. Die Infektion ist jetzt da und wir versuchen, die Infektionskette zu unterbrechen und zu minimieren, sodass der exponentielle Anstieg abgeschwächt wird. Damit würde sich die Krankheit etwas kontrollierter verbreiten. So können wir vermeiden, dass sich gleichzeitig sehr viele Menschen infizieren und das Gesundheitssystem dadurch überlastet wird.

Bremer Virologe erklärt, wie FFP2-Masken und auch Damenbinden schützen

Video vom 1. April 2020
Andreas Dotzauer

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 31. März 2020, 19:30 Uhr