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Unverpackt-Läden in Bremen: kurzlebiger Hype oder Einkauf der Zukunft?

Ein neuer Unverpackt-Laden entsteht in Bremen. Die Gründerinnen haben über 20.000 Euro per Crowdfunding gesammelt. Kann sich das verpackungsfreie Einkaufen durchsetzen?

Eine Frau füllt sich Müsli in ein mitgebrachtes Glas in einem "Unverpackt"-Laden.
Wer einen Unverpackt-Laden aufmachen will, steht vor besonderen Herausforderungen. Bild: DPA | Jan Woitas

Genau 20.128 Euro haben 308 Menschen für einen neuen Unverpackt-Laden in Bremen-Findorff gespendet. Stand: 12. Dezember 2019, Beginn der Crowdfunding-Aktion: 8. November 2019. In etwa einem Monat haben die drei Gründerinnen Nora Osler, Nele-Marie Leemhuis und Carolin Güldner ihr ursprünglich geplantes Ziel von 12.000 Euro fast verdoppelt. Die Sammelaktion ist jetzt abgeschlossen. Die künftige Inhaberin Nora Osler zeigt sich zufrieden, die Vorbereitungen in den Räumen an der Borgfelder Straße laufen. Im Februar 2020, wenn alles gut läuft, soll das neue Geschäft eröffnen.

Die drei jungen Frauen sind nicht allein mit ihrem Vorhaben: Immer mehr Geschäfte in Bremen und Bremerhaven bieten verpackungsfreie Produkte an. Selbst, wenn sie keine Unverpackt-Läden im engsten Sinn sind. Sogar Supermärkte und Discounter werben mit Unverpackt-Theken für Müsli und Nudeln oder waschbaren Mehrwegnetzen für Obst und Gemüse. Ist der Einkauf der Zukunft verpackungsfrei?

Diese Unverpackt-Läden gibt es schon in Bremen

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Wie sich das Verhalten der Konsumenten in Zukunft ändern wird, kann auch die Wissenschaft nicht mit Sicherheit vorhersagen. Das schiebt Georg Müller-Christ, Professor für nachhaltiges Management an der Universität Bremen, schon mal vorweg. "Doch Unverpackt-Läden sind auf jeden Fall eine faszinierende Option und sie werden etwas bewegen. Es ist schon eine bewusstseinsbildende Maßnahme", fügt er hinzu. Es sei denkbar, dass die Konkurrenz für die kleineren Läden in Zukunft zunehme und die größeren Supermärkte mit einsteigen. Denn das Verpackungsproblem müssten alle lösen. "Zum Mainstream wird das am Ende nur, wenn alle mitmachen."

Welchen Sinn und Zweck erfüllen Verpackungen? Natürlich Waren zu transportieren. Aber das größte Problem gerade im Lebensmittelbereich ist die Hygiene. Durch Verpackungen erhalten wir reine Produkte, die nicht bakteriell verseucht sind.

Georg Müller-Christ, Professor für nachhaltiges Management an der Universität Bremen

Für neue Lösungen seien aber nicht vornehmlich die Kunden verantwortlich, sondern eher die Industrie. Momentan müssten die Konsumenten einen höheren Aufwand in Kauf nehmen, wenn sie unverpackt einkaufen wollen. Zudem gebe es schnell verderbliche Frischwaren, bei denen das Risiko der Lebensmittelverschwendung hoch sei. "Da kann es sein, dass man sie unverpackt anbietet, aber gleichzeitig hinter der Theke mehr Abfall erzeugt, weil man sie wegwerfen muss", sagt er.

Problem von Plastikverpackungen kann nicht weggeredet werden

Doch das Problem von Plastikverpackungen sei nicht mehr wegzureden. "Die Unternehmen, die diese Verpackungen herstellen, werden viel mehr in die Forschung investieren müssen. Der Handel wird das massiv einfordern", führt Müller-Christ aus. Auch im Transportbereich müssten neue Lösungen gefunden werden, damit man nicht zu viel Müll erzeuge – eventuell mit wiederverwendbaren Materialien.

Ich glaube, es wird ein komplexes System, mit dem man an allen Enden, an allen Hebeln und Lösungen gleichzeitig gearbeitet werden muss.

Georg Müller-Christ, Professor für nachhaltiges Management an der Universität Bremen

Diese Unverpackt-Läden gibt es schon in Bremerhaven

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Inhaberin: "Der Markt wächst"

Es gibt tatsächlich einige Faktoren, die den Unverpackt-Läden das Leben erschweren. Myriam Carneva, Inhaberin von "L'epicerie" in der Bremer Neustadt, hat vor knapp zwei Jahren ihr Geschäft gegründet. Bislang sei sie zufrieden, sagt sie. "Der Markt wächst. Mehr und mehr Menschen möchten ihren Verpackungsmüll reduzieren." Doch sie sagt auch, es sei ein langer Prozess. Kunden müssten zum Beispiel den Einkauf im Vorfeld planen, um die Behälter mitbringen zu können.

Ein großes Hindernis sind laut Carneva die Regelungen, die den Verkauf bestimmter Produkte ohne Verpackung verhindern. Das sei oft bei Kosmetik der Fall. Andere Waren seien unverpackt in Deutschland schwer erhältlich. "Es ist eine große Herausforderung, die Produkte zu finden", sagt sie. Für andere seien größere Investitionen oder eine breite Kundschaft notwendig. Etwa bei Milch, die einer besonderen Maschine bedarf, oder Wein, der in 10-Liter-Boxen erhältlich wäre, doch schnell unverkäuflich werde. "Ich habe gerade nicht genug Kunden, die Wein trinken, und sollte dann viel zu viel davon wegwerfen. Das wäre eine große Verschwendung." Also muss sie solche Produkte weiterhin in Glasbehältern anbieten – eine weniger umweltschädliche Lösung als Plastik.

Einige Produkte sind besonders aufwendig

Ähnlich klingt die Erfahrung von Ulf Sawatzki, Inhaber von "Füllkorn" in der Neustadt. "Einige Produktgruppen unterliegen höheren Hygienevorschriften. Etwa Milch, Käse, Fleisch. Das ist in der Praxis weiterhin sehr schwierig bis unmöglich", sagt er. Deshalb habe er sich in einigen Fällen für Behälter aus Glas oder Mehrwegplastik entschieden.

Theoretisch wäre es möglich, alles unverpackt anzubieten. Aber dafür braucht man sehr viele Spender, Maschinen. Sie sind teuer und sehr aufwendig.

Ulf Sawatzki, Inhaber von "Füllkorn"

Solche Schwierigkeiten kennt auch Claudia Schreiber, Inhaberin der Seifenmanufaktur Martha's Corner in Findorff. Auch sie möchte ihre Produkte ohne Ummantelung anbieten. Doch zum einen müssten Kosmetik-Produkte Hinweise auf die Komponenten tragen, wegen des Allergie-Risikos. Zum anderen sagt sie, es sei sehr schwierig, nachhaltige Verpackungsmaterialien für Unternehmen in kleiner Menge zu kaufen. Oft liege der Mindestbestellwert bei 3.000 bis 5.000 Stücken. Ihre Lösung besteht in einem Papierband für die Seifen, wiederbefüllbaren Metalldosen für Cremes sowie Papierbehältern für Lippenbalsam und Pulver. Flüssigseifen bietet die Firma gerade nicht mehr, bis eine nachhaltige Verpackung gefunden wird.

Supermarkt: schwierig, komplett umzusteigen

Einige Supermärkte und Läden bieten lediglich einen Teil des Sortiments verpackungsfrei an. So können Kunden in der Rewe-Filiale auf der Hohwisch schon seit einiger Zeit Müsli, Nudeln, Reis und Hülsenfrüchte in Mehrwegbehältern erwerben. Diese müssen jedoch vor Ort gekauft werden. Filiale-Inhaber Hakan Özgüc findet die Resonanz ebenfalls positiv und möchte in Zukunft das verpackungsfreie Sortiment erweitern. Doch ganz aufs Unverpackte umzusteigen, könne er sich nicht vorstellen. "Ganzheitlich wird man den Kunden damit nicht bedienen können, denke ich. Aber das Angebot wird größer."

Der Verkauf ist bisher sehr gut gelaufen. Wir haben sogar Probleme gehabt, die Behälter – Mehrwegnetze, -gläser – nachzubekommen. Es ist schon ein großes Thema.

Hakan Özgüc, Filiale-Inhaber Rewe auf der Hohwisch

Ihm pflichtet Hannes Mönkeberg, Aleco-Nachhaltigkeitsbeauftragter, bei: "Es ist eine schöne Tendenz, aber die ganze Infrastruktur erschwert das. Ich würde eher darauf setzen, dass die Verpackungen umweltfreundlicher werden – und wir sehen bei unseren Herstellerpartnern auch starke Fortschritte in diesem Bereich." Initiativen dazu fehlen sicherlich nicht: von Zellulose-Folien über Stoffe aus Algen oder auf Pflanzenbasis bis hin zu recycelten Abfällen. Die Möglichkeit, Backwaren, Käse und Getränke in mitgebrachte Behälter zu füllen, hat die Supermarkt-Kette bislang nur in Bremen angeboten. "Die Zahl dieser Kunden nimmt aber auf jeden Fall zu – selbst wenn sie noch nicht so hoch ist, wie wir uns wünschen würden", sagt Mönkeberg.

Kunden kaufen gezielt ein

Dass es jedoch mit dem unverpackten Verkauf nicht immer wie gewünscht klappt, weiß Sasha Mühlenbeck aus eigener Erfahrung. Er ist Inhaber des Geschäfts Holtorfs Heimathaven im Viertel. "Wir haben es lange versucht, aber die Leute kaufen bei uns nicht lose", sagt er. "Viele kaufen hier mittlerweile Geschenke. Sie erwarten das bei uns nicht mehr." Immer wieder gebe es zwar langjährige Kunden, die offene Gewürze kaufen möchten, doch finanziell sei das nicht tragbar. "Als Unverpackt-Laden würde ich uns jetzt nicht mehr bezeichnen", sagt er.

Insgesamt zeigen sich die Inhaber jedoch zuversichtlich. "Es kommen mehr Kunden, als wegfallen. Vor allem junge Familienversorger, Studenten und ältere Menschen", sagt Füllkorn-Inhaber Sawatzki. Wie sich der Trend in den kommenden Jahren entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 10. Januar 2020, 23:30 Uhr