Interview

Wie das Überseemuseum das Wohnzimmer der Gesellschaft werden will

Kinder an der Buckelwal Plastik im Übersee-Museum Bremen
Die Ozeanienausstellung im ersten Lichthof soll bis 2024 in Zusammenarbeit mit Experten aus Samoa umgebaut werden. Bild: Überseemuseum Bremen | Matthias Haase

Das Bremer Museum erhält knapp 4,6 Millionen Euro Förderung von Bund und Land. Direktorin Wiebke Ahrndt erklärt, warum das für Menschen aus Bremen und Samoa wichtig ist.

Das Bremer Übersee-Museum stellt sich für die Zukunft neu auf. Möglich wird dies, weil Bund und Bremer Senat eine Förderung von 4,57 Millionen Euro bewilligt haben. Museumsdirektorin Wiebke Ahrndt verrät, was bis Herbst 2024 mit dem Geld passieren soll.

Frau Ahrndt, was macht eine Museumsdirektorin, wenn man ihr 4,6 Millionen Euro in die Hand drückt?
Sich ausgesprochen freuen. Und es dann nutzen, um das Übersee-Museum fit zu machen für die 2020er-Jahre, Neues zu erproben, das Haus als etwas zu erhalten und auszubauen, das für Bremen und weit darüber hinaus von Relevanz ist.
Sorgen Sie sich denn um die Relevanz des Überseemuseums?
Nein. Wir sind nur der Überzeugung, dass wir stärker Haltung zeigen, Position beziehen müssen. Und wir möchten es weiterentwickeln als einen dritten Ort.
Porträt von Frau Dr. Ahrndt, Direktorin des Übersee-Museums Bremen
Direktorin Wiebke Ahrndt will Ausstellungen aus der Perspektive der betroffenen Menschen konzipieren. Bild: Überseemuseum Bremen | Volker Beinhorn
Ein dritter Ort?
Ja, wir möchten ein Haus werden, in das man kommt, weil es mehr ist als ein klassisches Museum. Ein Haus, in das man einerseits wegen der gesellschaftlichen Diskurse geht, die man zu unseren Themen bei uns führen kann. Aber auch, weil man sich dort einfach gerne aufhält, um zu arbeiten, um auch zu chillen, um sich zu erholen, um sich inspirieren zu lassen – zum Beispiel durch unsere Exponate.
Verabschieden Sie sich somit davon, ein klassisches Museum zu sein?
Nein. Das soll es auch weiterhin sein. Selbstverständlich sollen Sie in unseren Ausstellungen auch immer wieder Neues entdecken und auch Neues erfahren. Aber wir möchten die Chance, die unser Haus bietet, aufgrund seiner Lage am Bahnhof und der Atmosphäre mit diesen beiden Lichthöfen, nutzen. Mit unseren lebenden Pflanzen und lebenden Fischen sind wir ja auch eine Rarität. Wir haben ja bereits Menschen im Haus, die kommen, um bei uns in Ruhe zu arbeiten. Denen wollen wir noch mehr Möglichkeiten bieten. Bei uns sollen sich auch Freunde treffen können. Wir wollen, etwas salopp formuliert, das Wohnzimmer der Gesellschaft sein.

Wir wollen, etwas salopp formuliert, das Wohnzimmer der Gesellschaft sein.

Wiebke Ahrndt, Direktorin des Überseemuseums
Muss man dann noch Eintritt zahlen?
Ganz kostenlos, das wird nicht möglich sein, das ist finanziell nicht darstellbar. Wir werden aber im Zuge dieser Überlegungen auch unser Preissystem auf den Prüfstand stellen. Unsere Eintrittspreise sind aber ja auch jetzt schon moderat. Es gibt Jahreskarten, Mitgliedschaften. Da zahlt man einmal seinen Obolus und darf dann kommen so oft man möchte.
Ein Großteil des Geldes, das Sie jetzt erhalten, fließt in die Neugestaltung der Ozeanien-Ausstellung im ersten Lichthof. Was planen Sie?
Der gesamte erste Lichthof wird umgestaltet, also 1.950 Quadratmeter. Das ist mehr Fläche als manches Museum in der Stadt im Ganzen zur Verfügung hat. Es wird wieder eine Südpazifik-Ausstellung kommen. Denn der Südpazifik und Ozeanien, das ist für uns ein Brennglas von Entwicklungen, wie wir sie auch hier in Deutschland oder Europa erleben. Denken Sie nur mal an die großen Dürren und Feuer in Australien und die Dürren, die wir hier in den letzten Jahren und in Norddeutschland schon erleben konnten. Die Veränderungen, die ein steigender Meeresspiegel mit sich bringt, sehen wir in Ozeanien nur zu deutlich. Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, wieder den Südpazifik ins Zentrum zu stellen.
Wie wollen Sie Besucher für solche Themen sensibilisieren?
Wir haben uns dazu entschlossen, positiv an die Dinge heranzugehen. Wir wollen nicht darstellen, wogegen wir alles sind – ob Artensterben oder Klimawandel. Wir wollen darstellen, wofür wir sind und wofür es sich lohnt, auch bei uns Dinge zu verändern, damit die Artenvielfalt und die kulturelle Vielfalt nicht nur im Südpazifik erhalten wird. Und dazu wollen wir eine Ausstellung schaffen, die emotional berührt und beeindruckt – mit hängendem Garten, mit Wasserfall, mit fliegenden Fischen unter der Museumsdecke und imposanten Großobjekten.
Ein Ausstellungsstück im Überseemuseum.
95 Prozent der Ausstellungsstücke aus dem Südpazifik stammen aus den ehemaligen deutschen Kolonien, darunter Samoa. Bild: Radio Bremen
Der Co-Kurator der neuen Ausstellung, Mitiana Arbon, stammt aus Samoa. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Wir wollen die Neukonzeption unbedingt gemeinsam mit Menschen aus dem Südpazifik machen. Und wir werden sie auch aus ihrer Perspektive erzählen. Deshalb sind wir eine Kooperation eingegangen. Unsere Südpazifik-Sammlung stammt schließlich zu 95 Prozent aus den ehemaligen deutschen Kolonien Deutsch-Neuguinea, Samoa und Palau. Wir wollen gemeinsam mit den Menschen aus Samoa überlegen, wie wir mit unseren Sammlungsbeständen zukunftsweisend und auch positiv für alle Beteiligten umgehen können. Dazu arbeiten wir mit der National University of Samoa zusammen, stellen einen samoanischen Kurator ein und bekommen im Herbst noch eine wissenschaftliche Praktikantin. Die Ergebnisse werden 2024 nicht nur bei uns, sondern auch in Samoa gezeigt werden.
Sie planen auch eine virtuelle Ausstellung.
Ja, parallel arbeiten wir daran, eine rein virtuelle Ausstellung zu Ozeanien zu entwickeln, mit den Partnern in Samoa und mit Anderen. Also beispielsweise mit dem Te Papa-Museum in Neuseeland, dem wir 2017 menschliche Überreste zurückgegeben haben. Sie wollten unbedingt auch bei dem Projekt dabei sein. Das ist ein Novum, was es so in Deutschland auch noch nicht gegeben hat, dass man von Tag eins an Konzepte gemeinsam entwickelt, es aus der Perspektive der Menschen der Herkunftsländer erzählt und dann auch noch in den virtuellen Raum hineingeht, um es vielen Menschen verfügbar zu machen.
Wird es bald auch weitere Rückgaben geben?
Das Übersee-Museum hat ja bereits in den 1950er-Jahren angefangen, auch menschliche Überreste zu restituieren. Heute haben wir mehrere Forschungsprojekte bei uns im Haus, die sich auch mit der Frage menschlicher Überreste beschäftigen – teilweise auch mit einem offenen Ende. Ein Projekt betrifft menschliche Überreste aus ehemals Deutsch-Neuguinea. Die Ahnen sind jedoch so kraftvoll, dass da noch längst nicht entschieden ist, ob sie denn am Ende zurückgehen. Es könnte auch sein, dass wir uns eher auf Modalitäten verständigen, unter denen sie in Bremen bleiben können, weil nicht jeder im Herkunftsland sie überhaupt nur berühren dürfte. Auch mit unseren Kollegen in Hawaii arbeiten wir eng zusammen. Und da wird es auch zu einer Rückgabe kommen. Da bin ich mir sehr sicher.
Was ist mit Samoa?
Aus Samoa gibt es derzeit keine einzige Forderung nach Rückgabe. Stattdessen gibt es die klare Erwartungshaltung, dass wir die kolonialen Sammlungsbestände nutzen, um mit den Menschen aus Samoa hier in Bremen von ihnen zu erzählen.
Wie ist es eigentlich bei Ihnen – können Sie überhaupt noch ein Natur- oder Völkerkundemuseum besuchen, ohne gleich die gesamte Ausstellung zu hinterfragen?
(Sie lacht.) Ach ja, ich gehe inzwischen zweimal in solche Ausstellungen. Einmal mit dem kritischen Blick der Kollegin. Dann mache ich eine Pause. Und dann gehe ich einfach nochmal durch und genieße, was ich sehe.

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Das Bremer Überseemuseum von außen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 6. Juli 2021, 18 Uhr