Schreie und Verletzte: So lief die Anti-Terror-Übung am Hauptbahnhof

Die Geräusche, die aus dem Bremer Bahnhof dringen, lassen Schlimmes ahnen. Doch was nach Ernstfall klingt, ist die größte Polizeiübung seit Jahrzehnten.

Eine große Polizeiübung auf dem Bremer Hauptbahnhof stellt einen Terrorangriff nach
Eine große Polizeiüübung auf dem Bremer Hauptbahnhof stellt einen Terrorangriff nach Bild: Jochen Duwe

Ein ohrenbetäubender Knall. Die Menschenmenge in der Bahnhofshalle stobt aufgeschreckt auseinander. Rauch und Schreie erfüllen die Luft, Zivilisten rennen panisch vor drei um sich schießenden Männern weg. Einige der Fliehenden fallen. Bleiben regungslos auf den Fliesen liegen. Plötzlich ertönen Schüsse von links. Treffer. Die schwarzgekleideten Männer gehen zu Boden. Schwer bewaffnete Polizeikräfte schwärmen in schnellen Bewegungen über den Platz. Ihnen schlagen verzweifelte Hilferufe entgegen, zahlreiche Menschen sind verletzt. Die ersten werden evakuiert, bis ein Ruf von der Seite sie unterbricht. "Cut! Übung Ende!"

Die Schreie verstummen, die Zivilisten stehen auf, ebenso die Terroristen. Denn diese schlimme Situation ist nicht echt. Alle sind in Wahrheit Polizeikräfte; und Teil der größten Anschlags-Übung, die in Bremen seit Jahrzehnten stattgefunden hat.

Mäurer: Auf Alptraumszenarien vorbereitet sein

Dafür sind mehr als 1.200 Einsatzkräfte zum Bremer Hauptbahnhof gekommen; Polizisten aus Bremen, Bundespolizisten, Feuerwehrmänner, Spezialeinsatzkommandos. Ihr gemeinsames Ziel ist kein leichtes: Einen Terroranschlag auf den Bahnhof so realistisch darzustellen wie möglich. "Wir haben zwar keine konkrete Anschlagsgefahr in Bremen", betont Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) vor der Presse, "aber wir leben in einer Welt, in der Anschläge nicht weit sind", so Mäurer weiter. "Alptraumszenarien" nennt er das, was in Brüssel, Paris oder London passiert ist; "auf solche Situationen müssen wir vorbereitet sein."

Man erinnere sich an das Geiseldrama in Gladbeck. Wir haben gesehen, was passiert, wenn Polizeien nicht eingespielt sind. Wenn keine Zusammenarbeit und keine Kommunikation stattfindet. So was darf nie wieder passieren. Deswegen sind solche Übungen von so zentraler Bedeutung.

Ulrich Mäurer im Interview.
Ulrich Mäurer, Innensenator

Vorbereitet sein bedeutet laut Bremens Polizeipräsident Lutz Müller vor allem, die vorhandenen Konzepte auf Herz und Nieren zu prüfen. "Es reicht nicht, wenn die Sicherheitsbehörden nur auf dem Papier gut in der Zusammenarbeit funktionieren. Das muss auch in der Realität der Fall sein. Dafür ist diese Übung da", erklärt Müller. Ein wichtiger Bestandteil dieses Funktionierens: Es muss sich echt anfühlen. Die Teilnehmer sollen vor allem die Gelegenheit bekommen, die Situation greifbar und emotional zu erleben, so Müller. Die Krux: "Trotz der Panik der Menschen, trotz des hohen Adrenalinspiegels so zu agieren, dass Menschenleben gerettet und Terroristen ausgeschaltet werden können", ergänzt Polizeisprecher Nils Matthiesen.

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Einsatzkräfte müssen bis 4 Uhr morgens durchhalten

Damit das klappt, laufen die Vorbereitungen schon seit Monaten: Die Bahn hat für die Zeit der Übung etliche Züge auf andere Gleise verfrachtet, ein Teil der Bahnhofshalle ist durch Sichtschutzwände versperrt, auf der Bürgerweide stehen eigene Zelte für die hunderten Einsatzkräfte. Fahrgäste werden über regelmäßige Lautsprecheraussagen darüber informiert, dass es keinen Grund zur Panik gibt. Für die sollen während der Szenarios die Statisten sorgen. Etliche Polizeischüler aus Bremen und von der Bundespolizei-Akademie kriegen von einigen Bundeswehrkräften üble Verletzungen aufgeschminkt. Ihr Auftrag: Die panische Masse darstellen.

Das ist die Aufgabe: Trotz der Panik der Menschen, trotz des hohen Adrenalinspiegels so zu agieren, dass Menschenleben gerettet und die Terroristen ausgeschaltet werden können

Polizei-Pressesprecher Niels Matthiesen
Nils Matthiesen, Pressesprecher der Polizei Bremen

Diese zu retten und zu versorgen, lautet der schwere Auftrag von insgesamt 250 aktiv übenden Teilnehmern, die die Rolle der Einsatzkräfte vor Ort übernehmen. Im Zelt nebenan tauschen sie ihre echten Waffen gegen Geschütze mit Platz- und Farbpatronen aus. Vier verschiedene Szenarien gilt es für sie insgesamt zu bewältigen, jedes davon 30 bis 45 Minuten lang. Sie beinhalten taktische Vorgehen und dürfen daher von den Journalisten nicht gefilmt werden, unter anderem soll aber eine Schießerei in einem Zug nachgestellt werden. Frei von Strapazen ist die Mammut-Übung nicht; bis 4 Uhr morgens dauern die Szenarien. Entsprechend stehen für die Teilnehmer Sanitäter bereit, auch Seelsorger sind vor Ort.

"Für den Ernstfall emotional gewappnet sein"

"Für die allermeisten hier ist diese Übung ein erstes Mal, und das sind schon sehr starke Eindrücke, die da auf einen prasseln", erzählt Johann Beckmann nach einem kurzen ersten Übungslauf, der für die Presse durchgeführt wurde. Der Bremer Kommissar hat solche Szenarien ebenfalls noch nie vorher geprobt. "Grade deswegen sollte man aber versuchen, sich so gut darauf einzulassen wie´s geht, um für den Ernstfall emotional gewappnet zu sein."

Unser Streifenbeamter, der ganz normale Streifenbeamte, das ist der Erste, der vor Ort ankommt, der unter Einsatz seines Lebens an genau den Ort muss, vor dem alle fliehen.

Holger Juresczko, Sprecher der Bundespolizei Bremen

Denn der "Ernstfall", der sieht hart aus, sagt Holger Juresczko. "Unser Streifenbeamter, der ganz normale Streifenbeamte, das ist der Erste, der vor Ort ankommt, der unter Einsatz seines Lebens an genau den Ort muss, vor dem alle fliehen", so der Sprecher der Bremer Bundespolizei. Darum seien solche Übungen, wie sie in vergangenen Jahren bereits an anderen Bahnhöfen stattgefunden haben, so immens wichtig. Entsprechend lang dauere die Nachbereitung: Mehrere Monate dürften die Zuständigen beschäftigt sein, die Abläufe und Ergebnisse von Bremens größter Polizeiübung seit Jahrzehnten komplett auszuwerten.

Kurz vor der Terror-Übung am Bremer Hauptbahnhof

Bremer Hauptbahnhof.

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  • Jochen Duwe

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. September 2019, 19:30 Uhr