Für diese 3 Bremer sind ihre Geschwister etwas ganz besonderes

Liebe, Streit und alles dazwischen: Geschwister-Beziehungen sind oft kompliziert, weiß Psychologin Anne-Lina Mörsberger. Drei Geschichten zum Tag der Geschwister.

Montage aus drei Fotos mit verschiedenen Geschwistern.
Manche dieser Bremer Geschwister sehen sich täglich, andere besuchen sich nur sehr selten – doch alle teilen eine tiefe Verbundenheit miteinander. Bild: Michael Dohrmann, Jennifer Klinner, Rafael Schyska

Sie sind Spielkameraden und beste Freunde, Konkurrenten und Gegner, Ratgeber und Beschützer. Geschwister wissen Dinge, von denen Eltern vielleicht erst Jahre später erfahren. Doch wer Geheimnisse hütet, kann einen auch verraten, kann enttäuschen und verletzten. Die Bremer Psychotherapeutin Anne-Lina Mörsberger kennt die gesamte Bandbreite an unterschiedlichen Geschwister-Beziehungen und weiß, was sie so besonders macht.

"Im Regelfall sind Geschwister die längsten Weggefährten, die wir überhaupt haben", sagt die Familientherapeutin. Wie nah sich Geschwister sind, hänge vom Familiensystem, vom Umfeld und den jeweiligen Persönlichkeiten ab. In Deutschland gibt es laut Statistischem Bundesamt deutlich mehr Kinder und Jugendliche, die Geschwister haben, als Einzelkinder: 2019 lebten mehr als zwei Drittel der 19,1 Millionen Kinder in Deutschland mit Geschwistern zusammen in einem Haushalt.

Von Eifersucht und Nasenkriegen

Zwei Schwestern nebeneinander, mit einem Getränk in der Hand.
Jennifer Klinner (links) und ihre kleine Schwester Mareike gehen zusammen durch schöne aber auch schwere Zeiten. Bild: Jennifer Klinner

Jennifer Klinner, Michael Dohrmann und Rafael Schyska kennen sich zwar nicht persönlich, trotzdem verbinden sie mindestens zwei Dinge: Sie alle leben in Bremen und haben eine besondere Beziehung zu ihren Geschwistern. Auf dem buten-un-binnen-Facebook-Kanal teilt Jennifer Klinner ihre Gedanken zu ihrer kleinen Schwester Mareike.

Meine Schwester Maya ist das schönste Geschenk was meine Eltern mir machen konnten. Als sie damals geboren wurde (1 Tag vor meinem 6. Geburtstag), habe ich geheult weil ich dachte sie bekäme nun alle meine Geburtstagsgeschenke. Die Kindheit mit ihr war sehr turbulent, mal stritten wir, führten "Nasenkriege", kratzten und bissen uns, aber spielten auch viel zusammen und ich brachte ihr viel Gut- und Blödsinn bei😅
Jetzt als Erwachsene weiss ich es erst richtig zu schätzen, jemanden zu haben, der einen fast das ganze Leben kennt und versteht was und wie man denkt. Es gab Zeiten, da hatten wir kaum Kontakt, inzwischen vergeht kein Tag an dem die eine der anderen nicht schreibt oder Fotos schickt.
Die letzten zwei Jahre haben uns besonders zusammen geschweißt, als sie meinen Neffen bekam und mich zur stolzesten Tante der Welt machte. Wenige Monate später starb unser Papa und wir mussten plötzlich soo erwachsen sein und Entscheidungen treffen. Das war sehr hart, aber ich konnte mich jederzeit auf sie verlassen, sodass wir diese schwere Zeit gut gemeistert haben.
Ich könnte mir keine bessere Schwester vorstellen, auch wenn sie manchmal immer noch ein doofes Pupsgesicht ist. ❤

Jennifer Klinner - 7. April 2021, 18:12 Uhr.

Auch Familientherapeutin Mörsberger unterstreicht, welch großer Rückhalt Geschwister sein können. "In besonderen Lebensphasen, wie Schwangerschaft und Krankheit oder auch im höheren Alter, wenn es um die Fragen von Pflege und Fürsorge für die gemeinsamen Eltern geht, kann es sehr entlastend sein auf die Unterstützung von Geschwistern zurückgreifen zu können", sagt Mörsberger. In Zeiten von Corona versucht Jennifer Klinner ihre Schwester Mareike zumindest einmal im Monat zu sehen. "Sie lebt mit ihrem Sohn Felix bei Bremervörde, wo auch meine Mutter lebt, die leider Risikopatientin ist", sagt Klinner.

Trauzeuge mit Sinn für Toleranz

Zwei Brüder vor dem Bremer Parkhotel.
Michael Dohrmann (links) konnte bei seiner Hochzeit auf einen ganz besonderen Trauzeugen zurückgreifen: Seinen kleinen Bruder Nicolas. Bild: Michael Dohrmann

Michael Dohrmann und seinen kleinen Bruder Nicolas trennen nicht viel mehr als neun Jahre Lebensweisheit und knapp zwei Kilometer Luftlinie: Michael wohnt mit seiner Familie in Bremen-Walle, nach Bremen-Findorff zu seinem Bruder Nicolas ist es nicht weit.

Der 39-Jährige mag an Nicolas, dass er weltoffen und tolerant ist. "Nationalität, Religion oder Herkunft spielen für ihn keine Rolle. Das schätze ich sehr an ihm".

Bruder, bester Freund und Trauzeuge 😎😘 Nicolas Dohrmann.

Michael Dohrmann - 7. April 2021, 16:23 Uhr.

Die beiden gebürtigen Bremer teilen nicht nur die Leidenschaft für Werder Bremen, sie sind auch außerhalb des Rasens in schlechten Zeiten füreinander da. "Mein Bruder ist für mich ein ganz besonderer Mensch weil er auch bei persönlichen Schicksalsschlägen immer zu mir gestanden hat und mich so gut unterstützt hat, wie er konnte", erinnert sich Michael Dohrmann. Familientherapeutin Mörsberger weiß, dass diese Harmonie nicht immer gegeben ist. "Konflikte entstehen dabei oft durch Rollenzuschreibungen, wie die "süße kleine Schwester" und der "ungehörige große Bruder", die sich oft über die Jahre hochschaukeln, wenn es nicht gelingt, dem entgegenzusteuern", sagt Mörsberger.

Ein unbeschwerter Wintertag

Zwei Frauen und ein Mann stehen am Bahnhof vor einem Zug.
Rafael Schyska liebt seine beiden Schwestern Alina (links) und Isabelle über alles – auch wenn sie mit Warschau und Berlin nicht gerade um die Ecke wohnen. Bild: Rafael Schyska

Rafael Schyska hat seine Schwestern auch schon vor der Corona-Pandemie nicht sehr häufig gesehen. Die 55-jährige Alina lebt in Warschau, die 48-jährige Isabelle in Berlin. Zum Glück gebe es Facetime, bei Videoanrufen gehe so die große Distanz verloren sagt Rafael, der jüngste der drei Geschwister.

Der Bremer weiß: Das Leben hat nicht nur Sonnenseiten, doch als Dreierteam können sie sich stets aufeinander verlassen. "Auch bei meinem Coming-Out haben sie mir zur Seite gestanden", sagt Schyska. Einen kalten Wintertag verbindet er ganz besonders mit seinen beiden Schwestern.

Es war im Winter kurz vor Weihnachten, es lag viel Schnee draußen. Wir haben unseren Schlitten genommen und sind in den Wald gegangen um Tannenzweige zu holen. Wir haben eine Schneeballschlacht gemacht, sind mit dem Schlitten den Hang runter gesaust. Ich war danach ziemlich fertig, meine Schwestern haben mich dann auf dem Schlitten nach Hause gezogen. Es war einer der unbeschwertesten Kindertage, ich muss 5 oder 6 Jahre alt gewesen sein.

Rafael Schyska

Freunde können wie Geschwister sein

Inwiefern es Unterschiede zwischen Einzelkindern und Menschen, die Geschwister haben gibt, lässt sich laut Anne-Lina Mörsberger pauschal nicht beantworten. Trotzdem könne es sich durchaus lohnen, sich mit der eigenen Geschwisterreihenposition zu beschäftigen. "Wie ging es mir als Einzelkind, als Erstgeborene oder Erstgeborener, Sandwichkind oder Nesthäkchen?", sagt Mörsberger.

Klar ist laut der Psychologin, dass das geschwisterliche Miteinander ein wichtiges Übungsfeld für soziale Fähigkeiten ist – aber eben auch kein Garant. Auch wenn Einzelkinder keine leiblichen Geschwister haben, können sie sich im Leben auf so etwas wie Geschwister verlassen. "Auch Freunde können sehr geschwisterliche Qualitäten haben und uns sehr prägen und intensiv im Leben begleiten", sagt Mörsberger.

Geschwisterliebe bei Zwillingen: Sie gibt´s nur im Dopppelpack

Video vom 14. Oktober 2020
Die Zwillinge Armin und Ingo Flügel sitzen gleich angezogen auf einer Bank.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 9. April 2021, 23:25 Uhr