Wie sich eine Bremerin auf den Tod vorbereitet

Was fühlt ein Mensch, der bald sterben wird? Und was denken Angehörige und Bekannte? Eine hochbetagte Frau, ihre Tochter und eine Begleiterin erzählen – und dabei gibt es viel zu lachen.

Drei Frauen nstehen auf einem Berg und betrachten den Sonnenuntergang (Montage)
Gertrud Thiry blickt ohne Angst auf den nahenden Tod. Ihre Tochter Agnes und ihre Begleiterin Inga Pohlmann unterstützen sie. (Symbolbild) Bild: Imago | Westend61/All Canada Photos

Inga Pohlmann und Gertrud Thiry erzählen sich fast alles. Dabei kennen sie sich erst seit vier Monaten. Aber sie haben keine Zeit zu verlieren. Denn Gertrud Thiry ist 94 und hat mehrere Krankheiten. Inga Pohlmann ist ihre Begleiterin. Sie arbeitet als Ehrenamtliche beim Hospizverein Bremen, der in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert.

Einmal in der Woche besucht sie Thiry in ihrer Wohnung in Schwachhausen. Über Thirys Bett hängt ein Druck von Pablo Picassos "Kind mit Taube". Das Mädchen auf dem Bild hält den Vogel mit beiden Händen, fest und gleichzeitig behutsam. Bei den Treffen ist manchmal auch Tochter Agnes Thiry dabei. Hier erzählen die drei Frauen, was sie über den Tod denken und die letzte Zeit, die bleibt.

Die Zeit ehrlich und liebevoll erleben

Inga Pohlmann, Sterbebegleiterin:
"Unser erstes Treffen war eine herzliche Begegnung, und es gab schnell eine Vertrautheit. Anfangs haben wir uns gesiezt, aber wir sind dann zum Du übergegangen. Ich hatte das Gefühl, dass es für mich ein Geschenk ist, jemanden der so alt ist, kennenzulernen, noch ein Stück an dessen Leben teilzuhaben und vieles aus diesem Leben zu erfahren. Gertrud ist ganz wach und interessiert und freut sich, etwas aus der Welt mitzukriegen.

Das, was ich mache, ist eine Lebensbegleitung für einen Zeitraum, von dem man noch nicht weiß, wie lang er ist. Mir ist es wichtig, dass man diese Zeit intensiv, ehrlich und liebevoll miteinander verbringt. Man kann ganz viel voneinander lernen. Ich empfinde das überhaupt nicht als einseitig, als ob nur ich gebe. Das ist ein Austausch. Eines meiner Motive, warum ich diese Schulung gemacht habe, ist meine Vorstellung, dass Menschen in dieser letzten Lebensphase keine Masken mehr tragen oder meinen, sie müssten den anderen beeindrucken, sondern dass sie sehr echt und sehr authentisch sind. Das mag ich generell sehr gerne, dass man ehrlich miteinander ist, und dass alles gesagt werden darf, dass es keine Tabus gibt. Tod und Sterben sind ja auch heikle Themen, vor denen viele Angst haben.

"Ich möchte, dass der Tod ein Teil vom Leben ist"

Ich würde nicht sagen, dass ich komplett angstfrei bin, aber ich habe das Gefühl, auch das darf sein. Ich war beim Tod meines Vaters dabei. Er ist 2004 sehr plötzlich und noch relativ jung gestorben. Aber ich bin total dankbar, dass ich das erleben durfte. Eigentlich war ich im Urlaub und zwar ohne Handy. Meine Schwester hat die Freundin angerufen, mit der ich unterwegs war, und ich bin sofort zurückgeflogen. Ich möchte davor nicht die Augen zumachen, sondern dass das auch Teil vom Leben ist.
Mich in Menschen einfühlen zu können, zuhören zu können und da zu sein, das ist – glaube ich – eine Fähigkeit, die ich habe. Ich finde es aber genauso wertvoll, bei jemandem zu sitzen und die Hand zu halten oder auch ein Lied zu singen. Ich sehe meine Aufgabe sehr darin zu erspüren, 'Was braucht dieser Mensch jetzt gerade?'.

Bücher liegen auf einem Tisch und werden vom Sonnenlicht angestrahlt
Gertrud Thiry liebt Gedichte, viele kann sie auswendig aufsagen, wie zum Beispiel "Das Wasser" von Christian Morgenstern. Bild: DPA | Maximilian Schönherr

In den Schulungen zum Sterbebegleiter geht es auch um die eigenen Erfahrungen mit dem Thema Tod und Sterben. Es gibt Wochenendseminare, Themenabende, man besucht ein Hospiz, dann eine Palliativstation. An einem Praxistag lernt man von einer Altenpflegerin zum Beispiel, wie man jemandem den Mund befeuchten kann. Ich habe das als sehr intensiv erlebt, und ich habe viel gelernt auf vielen Ebenen. Ich erinnere mich an eine Situation: Wir lagen alle, hatten einen Platz für uns in einem Raum, und man stellte sich vor, dass man das eigene Sterben durchlebt. Ich glaube, alle waren sehr beeindruckt davon und hatten das Gefühl, es ist richtig, 'Es ist gut, was ich hier mache'."

"Inga war offen und bereit, von sich zu erzählen"

Agnes Thiry, Tochter von Gertrud Thiry:
"Als vor 20 Jahren mein Vater gestorben ist, sind ein paar Leute aus dem entstehenden Hospizverein zu Besuch gekommen. Am Schluss haben sich die jungen Männer abgewechselt, so dass jeden Tag jemand da war. Da haben wir gemerkt, wie wertvoll das ist.

Mit Inga gab es vom ersten Moment an keine Probleme. Wir haben uns ganz kurz beschnuppert und für gut befunden (lacht). Ich bin relativ unkompliziert, aber die Mama nicht. Das merken wir auch bei dem Pflegedienst. Da muss die Chemie stimmen. Es gibt Personen, bei denen ich absagen muss, weil es nicht funktioniert. Inga war von Anfang an bereit, von sich aus zu erzählen über ihr Leben, über ihre Familie. Sie ist offen, ebenso wie meine Mutter und auch ich. Mit meiner Mutter kann man ja stundenlang reden.

"Den ersten Toten habe ich mit sieben Jahren gesehen"

Wir kommen aus einer Kultur (Rumänien), in der man zu Hause stirbt. Mein Großvater ist zu Hause gestorben. Wir haben mit meinen Großeltern zusammengewohnt. Schon als kleines Kind wurde ich mitgenommen zur Beerdigung von Nachbarn. Damals war es Sitte, die Toten aufzubahren. Meinen ersten Toten habe ich mit sieben Jahren gesehen. Das war ein relativ junger Mann mit schwarzem Bart, er sah aus wie Christus. Für uns war das etwas Normales. Der Tod gehörte zum Leben dazu und hatte auch nichts Furchterregendes.

Meinen Vater habe ich in Bremen sterben sehen, habe seine Hand gehalten, gefühlt, wie sie in meiner Hand erkaltet. Das gehört mit dazu. Ich finde, da ist nichts, was Angst macht. Es ist ein Übergang. Man begibt sich ans andere Ufer. Das ist alles. Damit bricht auch nichts ab, auch keine Verbindung. Ich weiß, dass der, der geht, nicht für immer geht, solange wir leben und uns erinnern. Ich glaube nicht daran, dass ich einmal auf Wolke sieben sitzen werde und mit den Beinen baumele. Aber ich glaube schon, dass etwas weitergeht und vor allem, dass die Verbindung nicht abreißt. Man spricht weiter mit den Personen und weiß ganz genau, was sie antworten würden (lacht). Und Angst vor dem eigenen Tod, das ist mir noch nie eingefallen. In dem Punkt bin ich furchtlos. Die Mama sagt dann, 'Du hast keine Phantasie' (Alle drei lachen). Das ist der Ton zwischen uns.

Meine Mutter weiß genau, wie sie ihr Alter für sich einsetzen kann. Wenn jemand anruft und ihr zum Beispiel etwas verkaufen will und sie möchte nicht darauf eingehen, dann sagt sie, 'Wissen Sie, ich bin 94'."

"Sie hat so viel Herz, das spüre ich"

Gertrud Thiry, 94 Jahre:
"Ich freue mich immer auf den Tag, an dem sie mich besucht. Manche Leute mögen es nicht, wenn man so viel fragt, wenn sie von ihrer Vergangenheit erzählen sollen. Ich mag es, weil es doch eine Hilfe ist. Aber es muss auch jemand sein, der zuhören kann. Das ist das Schöne, dass Inga kommt und dass sie so viel Herz hat.

Ein fallendes, buntes Blatt vor Himmel und unscharfen Bäumen in der Ferne
In ihrer letzten Lebensphase denkt Gertrud Thiry viel über die Vergangenheit nach. Bild: Imago | Blickwinkel

Ich kann mir vorstellen, dass es mir einmal viel ausmachen würde, wenn ich soweit bin, dass jemand nur dasitzt und mir die Hand hält, ohne zu sprechen. Das ist auch eine Phase. Das Herz ist das Ausschlaggebende, die Liebe, glaube ich. Das ist mein Credo: Dass alles mit Liebe gemacht wird. Ich finde es wunderbar, dass ich so jemanden wie Inga gefunden habe. Ich kann ihr Dinge sagen, die ich noch niemandem erzählt habe, nicht meiner Mutter, nicht meiner Tochter. Man kann nicht mit jedem so sein. Das ist das Wunderbare, dass sie im Hospizverein wissen, wer zusammenpasst.

"Ich habe vorher mit niemandem meine Kindheit besprochen"

Wir reden zum Beispiel über meine Kindheit, die ich eigentlich noch mit niemandem besprochen habe. Das habe ich mit ihr ganz lange analysiert und das hat mir wohlgetan. Mir hat man als Kind gesagt: 'Nicht petzen. Wenn du was hast, erledigst du das alleine, und wenn du es nicht kannst, weil die anderen stärker sind, dann lauf weg'. Daran habe ich mich gehalten. In der ersten Klasse hat meine Lehrerin mich geschlagen, und das habe ich niemandem erzählt. Mit Inga habe ich das aber besprechen können. Sie versteht und das ist viel, viel wert.

Ich bin eigentlich ein apolitischer Mensch. Ich kann das überhaupt nicht erklären und das interessiert mich auch nicht. Immer schreie ich, 'Ausmachen den Fernseher'. Wir besprechen andere Sachen, solche, die man mit anderen Leuten noch nicht besprochen hat und die einen beschäftigen. Es sind gerade die Dinge, die man nicht loswerden konnte, die einen beschäftigen.

Seit einiger Zeit bin ich blind. Früher habe ich den Menschen immer sehr gerne in die Augen gesehen, um sie einzuschätzen. Das fehlt mir. Manche Leute fragen mich: 'Wieso beklagst du dich, dass du nichts siehst? Du bist doch so klar im Kopf'. Als hätte das Eine etwas mit dem Anderen zu tun. Ich habe keine Angst, ich will nur nicht, dass ich anderen zu sehr zur Last falle. Auch vor dem Tod habe ich keine Angst.

  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 2nach1, 31. August 2017, 13:02 Uhr