Interview

Bremer Psychologe: Diese Gefahren gehen von Sportwetten aus

Das Geschäft mit Sportwetten boomt. Fast neun Milliarden Euro sind damit im vergangenen Jahr umgesetzt worden. Tendenz steigend. Suchtexperten schlagen daher Alarm.

Eine Frau sitzt am Laptop und schaut auf eine Sportwetten-Seite.
Jederzeit verfügbar: Auch Sportwetten im Internet verführen zur Glücksspielsucht. Bild: DPA | Jochen Tack
Was sind die Probleme bei Sportwetten?
Sportwetten sind Glücksspiele, auch wenn der eine oder andere das nicht wahrhaben will. Es geht hier nicht um Sachverstand oder darum, Wissen in einfacher Weise zu Geld machen zu können – sondern es sind und bleiben Glücksspiele. Damit einher geht die Gefahr der Glücksspielsucht.
Tobias Hayer vom Institut für Psychologie und Kognitionsforschung der Universität Bremen
Diplom-Psychologe Tobias Hayer von der Universität Bremen ist Glücksspielexperte. Bild: DPA | Marijan Murat
Wie weit kann das gehen?
Die negativen Folgen einer Glückspiel- und damit auch Sportwetten-Sucht sind identisch. Es kann tatsächlich zu Privatinsolvenzen kommen. Eine Besonderheit beim Sportwetten ist natürlich quasi der Einstieg. Warum platziert man Wetten? Weil man sportbegeistert ist. Das ist die Triebfeder des Sportwettens. Es muss schon eine gewisse Sportbegeisterung vorherrschen und natürlich auch der Irrglaube, sein Wissen in einfacher Weise zu Geld machen zu können. Wir glauben alle, wir sind kleine Bundestrainer – wissen alles besser. Und meinen dann auch, dieses vermeintliche Fachwissen zu Geld machen zu können. Das ist ein Trugschluss.
Welche Rolle spielen denn Bundesligavereine, wenn sie für Sportwetten Werbung machen – oder auch prominente Sportler?
Wenn sie Olli Kahn nehmen mit "Ihre Wette in sicheren Händen", dann wirkt das natürlich bei den Leuten, dann rücken die Sportwetten in die Mitte der Gesellschaft. Sie werden aus meiner Sicht ein Stück weit verharmlost. Die Gefahren werden bagatellisiert und ich muss schon kritisch hinterfragen, warum Oliver Kahn und andere Größen sich als Werbeträger dafür hergeben. Aus Sicht des Anbieters ist das genial. Oliver Kahn ist bekannt, ist ein Testimonial in breiten Bevölkerungsschichten und wenn der für so ein Produkt wirbt, dann glauben wir doch als Empfänger der Werbung: "Oh, es ist seriös, es ist alles in Ordnung, das ist völlig harmlos". Das Gegenteil ist der Fall.

 

Sollten Sportvereine mit Anbietern von Sportwetten also gar nicht zusammenarbeiten?
Na ja, schauen Sie in die Historie: Der erste Trikotsponsor in der Fußball-Bundesliga war Jägermeister in Braunschweig, damals Ende der 1970er Jahre. Mittlerweile haben Politik und auch Gesellschaft erkannt: Das ist vielleicht nicht gut, mit solchen Werbeträgern zu operieren. Man ist zurückgerudert. Es gibt Werbeverbote für Spirituosen. Im sportlichen Bereich sind wir ganz am Anfang dieser Entwicklung. Bwin war der erste Sponsor bei Werder Bremen auf dem Trikot vor zehn Jahren. Das alles ist gut für die Vereine. Die verdienen viel Geld. Ich glaube aber, das macht was mit der Bevölkerung und die Risiken, die mit diesem Produkt einhergehen, werden zunehmend verharmlost. Sportwetten rücken in die Mitte der Gesellschaft und das macht natürlich Suchtprävention umso schwieriger.
Der Markt ist jetzt aber da. Es fließt dadurch viel Geld in die Bundesliga. Glauben Sie, dass sich das Rad überhaupt nochmal zurückdrehen lässt?
Ich bin immer optimistisch. Wenn ich ein Blick auf England werfe, dann scheint dort der Zenit erreicht zu sein und es findet gerade ein Umdenken statt. England war immer in Europa die Nummer eins. Da gibt es ein Wettbüro an jeder Straßenecke und die Engländer haben gewettet noch und nöcher – auf die Farbe des Hutes der Queen beim Pferderennen, auf den nächsten Namen des königlichen Nachwuchses. Auf alles wurden Wetten platziert. In der Premier League haben etwa zehn von 20 Fußballvereinen aktuell auch Wettanbieter auf dem Trikot. Spätestens als sich die ersten oder noch aktuellen Profifußballer geoutet haben als spielsüchtig, als wettsüchtig, hat man die Problemlage erkannt und rudert jetzt ein Stück weit zurück. Diese Entwicklung sehe ich auch in Deutschland.
Was wünschen Sie sich von der Politik? Wo sehen Sie genau Handlungsbedarf?
Zunächst einmal wünsche ich mir, dass man sensibler mit dem Produkt Sportwette umgeht. Auch, dass man vor den Suchtgefahren, die mit diesem Produkt einhergehen, warnt. Und dann wünsche ich mir, dass der Spielerschutz grundsätzlich gestärkt wird. Wir brauchen nicht alle Produkte, die möglich sind auf dem Markt. Hier gilt es, mit Augenmaß zu entscheiden, wie Wetten ausgestaltet werden sollen – was noch möglich ist und was nicht mehr sozial verantwortungsbewusst ist. Jugendliche dürften überhaupt nicht am Spiel teilnehmen. All das sind Maßnahmen, wo die Anbieter in erster Linie, aber auch die Politik verantwortlich ist.

Mehr zum Thema:

 

Autor

  • Daniel Haselbach

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Vier beginnt, 9. Oktober 2019