Interview

Bauernregeln im Klimawandel: Wie viel sind die Weisheiten noch wert?

Blick durch Weizen auf die Sonne.
Bild: Imago | localpic
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Die Bremerhavener Meteorologin Annika Brieber erklärt, warum Bauernregeln kein Irrsinn sind und verrät, warum heute gar nicht der echte Siebenschläfer-Tag ist.

"Das Wetter am Siebenschläfer-Tag noch sieben Wochen bleiben mag. Wenn's am Siebenschläfer gießt, sieben Wochen Regen fließt. Scheint am Siebenschläfer Sonne, gibt es sieben Wochen Wonne" – an diesem Sonntag ist offizieller Siebenschläfer-Tag: So wie es heute ist, soll das Wetter die nächsten sieben Wochen bleiben. Jedenfalls sagt das die alte Bauernregel. Annika Brieber, Meteorologin im Bremerhavener Klimahaus, erklärt, ob das wirklich so ist und warum der Klimawandel die Bauernregeln durcheinanderbringt.

Meteorologin Annika Brieber steht in einem Raum mit Monitoren
Meteorologin Annika Brieber arbeitet im Klimahaus in Bremerhaven. Bild: Radio Bremen
Frau Brieber, was ist von Bauernregeln zu halten?
Damals hatten die Bauern nichts anderes, um das Wetter vorherzusagen. Man hatte damals nicht nur keine Wetter-App, sondern auch kaum Messdaten. Es gab ja noch kein so ausgefeiltes Messnetz, wie wir es heute haben. Das heißt, man hat versucht, anhand von Naturbeobachtungen zu schauen, wie sich das in Zukunft auswirken könnte. Mittlerweile können sie eben auch in ihre Wetter-App schauen und das ist dann doch meistens ein bisschen besser als die Reime, die es da gibt.
Aber Irrsinn sind die Regeln nicht?
Nein, bei einigen Regeln kann man sagen, dass das in vielen Jahren zutrifft, aber nicht in jedem Jahr.
Wie hoch ist die Trefferquote?
Bei den meisten Regeln ist es so, dass es eine bessere Chance ist als 50:50. Wir liegen dann so bei 60, 70, 80 Prozent, je nachdem, wo wir in Deutschland sind, dass das dann zutrifft. Und dann kann es eben auch Jahre geben, in denen das überhaupt nicht hinhaut. Man muss aber auch beachten, dass die teilweise schon ein bisschen überholt sind. Wir hatten eine Kalenderreform, da haben sich einfach die Tage im Jahr verschoben und die Bauernregeln, auf die sich die Tage beziehen, passen nicht mehr. Und manche beziehen sich auch nur auf bestimmte Regionen. Wenn sich Bauern in den Alpen etwas ausgedacht haben, dann kann man das zum Beispiel nicht einfach für die Nordsee übernehmen. Von diesen ganz kurzfristigen Vorhersagen passt aber recht viel.
Haben Sie ein Beispiel?
Dieses typische "Abendrot – Schönwetterbot" – wenn man nur aus dem Abendhimmel für den nächsten Tag was ableiten will, dann passt das meistens schon ganz gut. Wenn die Sonne am Abend untergeht und im Westen noch keine Wolken zu sehen sind, dann zieht von da auch wohl kein schlechtes Wetter mehr auf.
Der Klimawandel beeinflusst unser Wetter ja merklich. Geraten die Bauernregeln da auch stärker ins Wanken?
Ja, genau. Das ist neben der Kalenderreform ein weiterer Grund. In Deutschland sind wir mittlerweile bei einer Erwärmung von zwei Grad gegenüber diesen Zeiten, wo die Bauern diese Regeln erstellt haben. Was auch noch hinzukommt: Die meisten dieser Regeln beziehen sich auf die Pflanzen oder auf die Naturbeobachtungen und auch da verschiebt sich ja einiges. Wenn zum Beispiel das Frühjahr schon sehr viel früher im Jahr beginnt und die Pflanzen schon sehr viel früher anfangen zu blühen, dann passt auch da natürlich einiges nicht mehr.
Und was heißt das für den Siebenschläfer-Tag?
Es ist so, dass sich in dieser Zeit des Jahres die Großwetterlage langsam eingependelt hat. Man hat nicht mehr dieses Hin und Her wie im Frühling, sondern diese ungleichen Temperaturen im Norden und Süden haben sich so langsam angeglichen. Das kommt ein bisschen zur Ruhe und bleibt auch für mehrere Wochen so. Man kann das nicht auf den Tag fest datieren, denn da haben wir wieder das Problem, dass der Siebenschläfer-Tag durch die Veränderung des Kalenders jetzt eigentlich der 7. Juli ist. Wenn jetzt rund um den 7. Juli, dem echten Siebenschläfer-Tag, der Wind aus dem Süden kommt und es ist heiß und die Luft ist sehr trocken, dann wirkt sich das auf unser Wetter eher als Hitzeperiode aus. Oder aber wir bekommen so eine typische Westlage, da kommt die Luft dann eher vom Atlantik und ist nass und feucht und eher kühl. Dann ist das eben eher eine durchwachsene Wetterlage, die dann auch länger anhalten kann und uns auch mehr Regen und eher kühlere Temperaturen bringt.
Also sollte man am 7. Juli auf das Wetter achten?
Das Wetter hält sich nicht an Kalendertage. Man nimmt am besten so die letzte Juniwoche/erste Juliwoche, guckt sich den kompletten Zeitraum an und kann dann mal ein bisschen in die Zukunft schauen. Es ist dann recht wahrscheinlich, dass es für die nächsten Wochen auch so bleibt. Man sollte sich aber nicht drauf verlassen.

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Autoren

  • Catharina Spethmann
  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Bremen Eins am Sonntagvormittag, 27. Juni 2021, 9:40 Uhr