2018 fast 200 Fälle von Kindesmissbrauch in Bremen angezeigt

Laut einer Studie werden bundesweit bis zu 30 Prozent der Minderjährigen sexuell missbraucht. Die Bremer Beratungsstellen wollen helfen, sind aber überlastet.

Ein Mädchen hält abwehrend die Hände ausgestreckt.
Sexueller Missbrauch an Kindern ist keine Seltenheit. Bild: Imago | Blickwinkel

Dass Kinder Opfer von sexuellen Übergriffen werden, ist leider keine Seltenheit: Einer Studie der Uni Regensburg zufolge werden 15 bis 30 Prozent der Mädchen und fünf bis 15 Prozent der Jungen sexuell belästigt oder missbraucht. Experten gehen allerdings davon aus, dass nur ein Bruchteil der Taten angezeigt wird.

Allein im Land Bremen hat die Polizei 2018 insgesamt 647 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung verfolgt, bei knapp einem Drittel waren die Betroffenen unter 18. Sie alle brauchen Hilfe. Doch ausgerechnet für Kinder und Jugendliche reicht das Personal in den Fachberatungsstellen nicht, sagen deren Mitarbeiter.

Es kann der Opa sein, der seine Enkelin streichelt, obwohl sie das nicht will. Oder der Trainer, der seinem Schüler in den Schritt greift. In den meisten Missbrauchsfällen sind es keine fremden Menschen, die Kinder belästigen oder missbrauchen, sondern Täter aus der Familie oder dem näheren Bekanntenkreis. Umso schwerer fällt es den Opfern, sich gegen diese Täter zu wehren. Sie schließen den Missbrauch tief in sich ein, manche sind ihr Leben lang traumatisiert.

"Viele entwickeln massive, lang anhaltende Schlafstörungen, können sich nicht konzentrieren und haben eine erhöhte Schreckhaftigkeit", sagt Karima Stadlinger von der Bremer Beratungsstelle Schattenriss.

Mädchen nutzen immer häufiger Online-Beratung

Schattenriss hat deshalb schon 2011 eine Online-Beratung eingerichtet – eine Anlaufstelle, an die sich Mädchen ganz einfach übers Smartphone wenden können. Niedrigschwellig, ohne viel Aufwand. Und der Bedarf sei groß, sagt Karima Stadlinger.

Am Anfang hatten wir 300 bis 400 Beratungen pro Jahr bei unserer Online-Beratung, jetzt sind es 700 bis 900.

Karima Stadlinger, Beratungsstelle Schattenriss

Mit ihren 4,7 Vollzeitstellen stößt die Beratungsstelle regelmäßig an ihre Grenzen: Zwar hätten sie bisher noch keine Mädchen abweisen müssen. Aber für Angehörige reichten die Kapazitäten nicht immer, sie müssten dann an andere Stellen weitergeleitet werden oder Wartezeiten in Kauf nehmen. Eine weitere Konsequenz aus dem personellen Engpass: "Weil der Verein nicht mehr Beratung schaffen kann, können wir nicht alle betroffenen Mädchen im Dunkelfeld erreichen", so Stadlinger. "Der Bedarf ist wesentlich höher. Wir bedauern sehr, dass wir unser Angebot nicht ausweiten können."

Fallzahlen im Jungenbüro seit 2010 fast verdoppelt

Volker Mörchen vom Bremer Jungenbüro kennt diese Problematik. Seine Kollegen und er betreuen Jungen und junge Männer bis 27, die Gewalt erfahren haben, nicht nur sexuelle. Seit 2010 – seit die Übergriffe im katholischen Canisius-Kolleg bekannt geworden sind – hätten sich die Fallzahlen im Jungenbüro fast verdoppelt.

Knapp 1.400 Beratungen hat das Bremer Jungenbüro im letzten Jahr durchgeführt, das waren Gespräche mit 312 Jungen und jungen Männern, die Gewalt erleben mussten. Doch sie würden gerne noch mehr tun: "Wir hätten zum Beispiel gerne eine höhere Präsenz an Schulen", sagt er. Es wäre auch gut, wenn es noch eine Anlaufstelle beispielsweise in Bremen-Nord gebe, um mehr Betroffene zu erreichen. Aktuell hat das Jungenbüro 3,92 Vollzeitstellen. Etwa drei Viertel der Kosten fördert die Sozialbehörde. Den Rest muss die Beratungsstelle selbst erwirtschaften, zum Beispiel über Spenden oder Fördertöpfe.Schattenriss muss mehr als ein Drittel der Kosten selber stemmen.

Wir würden uns mehr Unterstützung wünschen.

Volker Mörchen, Bremer Jungenbüro

Dann könnten seine Kollegen und er zum Beispiel auch Männern helfen, die als Jungen sexuelle Gewalt erlebt haben, die aber schon über 27 sind.

Trauma bleibt manchmal ein Leben lang

Denn Belästigung und Missbrauch verfolgten manche Opfer ein Leben lang, sagt der Experte. Vor allem, wenn niemand den Kindern glaube, was ihnen passiert ist. Wenn zum Beispiel die Familie ignoriere, dass der Onkel, die Mutter oder der Opa immer wieder übergriffig wird. Manche Jungen ritzten sich dann oder entwickelten Essstörungen, manche hätten auch später große Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen, so Mörchen. Gerade deshalb sei es so wichtig, den Kindern so früh wie möglich zu zeigen: Sie sind nicht alleine. "Dass wir dann manchmal nicht helfen können, ist schwer zu akzeptieren."

Autorin

  • Claudia Scholz

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 14. Januar 2020, 7:45 Uhr