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Seenotretter – eine eingeschworene Gemeinschaft für Sicherheit auf See

Sie sind zwei Wochen am Stück auf See, essen mehr Fleisch als Fisch, weiblich ist bei ihnen nur der Schiffsname. Zum Tag der Seenotretter unterwegs in Cuxhaven und Bremen.

Ein Boot der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger auf der Nordsee.
Seenotretter sein bedeutet, 14 Tage am Stück auf See zu verbringen. (Symbolbild) Bild: dpa | Mohssen Assanimoghaddam

Ein zwölf Meter langes Segelboot ist vor der Ostseeinsel Hiddensee liegengeblieben: Olaf Salzbrunn sieht es auf einer der digitalen Seekarten auf den Bildschirmen in der Seenotleitung in Bremen. Per Funk ist er in Kontakt mit den ehrenamtlichen Seenotrettern der Freiwilligen-Station Vitte auf Hiddensee – der Kollege dort wartet noch auf Unterstützung, bevor sie ablegen können.

Es ist ein Routine-Einsatz und einer der häufigsten Rettungseinsätze der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). "Das Schiff hat sich nicht genau an den Tonnenstrich gehalten, kommt aus eigener Kraft nicht wieder raus und jetzt haben wir das Rettungsboot alarmiert. Die fahren da gleich hin, ziehen ihn von der Untiefe runter, damit er wieder ins freie Fahrwasser kommt", sagt Salzbrunn.

Seenotretter haben Nachwuchsprobleme

Hier in Bremen laufen alle Fäden zusammen. Die Seenotleitung ist rund um die Uhr mit vier Personen besetzt, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. Es gibt einen medizinischen Arbeitsplatz, der mit einem ausgebildeten Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter besetzt ist. An zwei Plätzen werden alle Einsätze auf Nord- und Ostsee und die dazugehörigen 55 Stationen der DGzRS koordiniert. An dem vierten Platz laufen sämtliche Notfrequenzen über UKW-Sprechfunk und digitale Alarmierung ein und die Kollegin dort hält Kontakt zu Schiffen in Not, erklärt Dirk Hinners-Stommel, Leiter der Seenotleitung Bremen. Gut 10.000 Funksprüche und Notrufe sind es jährlich, jeder fünfte führt zu einem Einsatz.

Ein Schiff der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ist unterwegs auf der Nordsee.
Für den Job des Seenotretters ist maritime Erfahrung eine Voraussetzung.

Wer bei der DGzRS arbeitet, hat immer irgendeine maritime Vorerfahrung. Viele sind Kapitäne, haben bei der Marine gearbeitet, in der Frachtschifffahrt oder als Fischer. Ein nautisches oder technisches Patent ist Voraussetzung. Das ist die staatliche Bescheinigung, ein Schiff bestimmter Größe als Leiter der Maschinenanlage, als Wachoffizier oder als Kapitän führen zu dürfen. Doch genau solches Personal zu finden, wird langsam schwierig – es werden einfach immer weniger deutsche Seemänner und -frauen ausgebildet. Noch reicht das Personal, um alle Schichten zu besetzen, aber Nachwuchsprobleme zeichnen sich bereits ab.

Seemännische Ausbildung in Deutschland geht runter bis hin zu kaum noch vorhanden. Also müssen die Seenotretter anfangen selber auszubilden.

Dirk Hinners-Stommel, Leiter der Seenotleitung Bremen

Gegründet wurde deshalb eine Seenotretter-Akademie, wo Rettungsleute eine zweijährige Ausbildung durchlaufen. Dazu gehören eine theoretische und eine praktische Ausbildung. So kann der Bedarf gedeckt werden. Nach wie vor bleiben die Seenotretter überwiegend männlich. Bei den festangestellten Seenotrettern gibt es noch keine Frau, bei den rund 800 Freiwilligen sind es etwa 30.

Bis zu 90 Rettungseinsätze pro Jahr

Ortswechsel – 100 Kilometer weiter nördlich, an Bord der "Anneliese Kramer", dem 4.000 PS-starken Seenotrettungskreuzer der Station Cuxhaven. Auch hier sind nur Männer beschäftigt. Bei strahlendem Sonnenschein begrüßt der zweite Vormann Hanno Renner eine Besuchergruppe aus drei Familien auf dem 28 Meter langen und erst zwei Jahre alten Schiff. Auch das ist Alltag der insgesamt 180 festangestellten Seenotretter: Öffentlichkeitsarbeit. Jeder, der will, kann sich zur kostenlosen einstündigen Führung anmelden. Während hier über Motorleistung, die unterschiedlichsten Einsätze und das Bordkrankenhaus gesprochen wird, sind die drei anderen Besatzungsmitglieder mit dem Schiff beschäftigt. Die Klimaanlage ist defekt, zwei externe Monteure versuchen sie wieder in Gang zu bekommen, das dauert Stunden.

Diese Fakten rund um die Seenotrettung sollten Sie kennen

Grafische Darstellung einer Rettungsinsel mit Blick auf das Meer. Die vorbeiziehenden Wolken sind klickbar und mit Infokacheln versehen. 2 3 1 350 Menschen bei 2.100 Einsätzen haben die Seenotretter 2018 gerettet. Der Aufwand für Seenotrettungen 2017: 39 Millionen Euro Ein Einsatz kostet maximal 400 Euro pro Stunde. Rettungen bei akuter Seenot kosten den Geretteten nichts. 1.000 Menschen arbeiten auf den Booten – 800 von ihnen ehrenamtlich

Währenddessen läuft ständig der Funkverkehr im Hintergrund. Kommt es zum Ernstfall, ist die Mannschaft innerhalb von drei Minuten startklar. 70 bis 90 Einsätze haben sie pro Jahr, meistens helfen sie liegen gebliebenen Freizeitskippern. Wegen des schönen Wetters ist gerade Hochsaison, viele Motorboote und Segler sind auf Elbe und Nordsee unterwegs. In dieser Woche sind die Seenotretter schon zu drei Einsätzen ausgerückt, diesmal bleibt es aber ruhig. Einen festgelegten Alltag haben sie so nicht, sagt Hanno Renner. Der Alltag ist Wartung und Reinigung des Schiffes. Arbeit und Freizeit, Schlafen und Essen – alles passiert an Bord, es herrscht Anwesenheitspflicht. 14 Tage am Stück rund um die Uhr, dann wechselt die Mannschaft wieder und es geht nach Hause zur Familie.

Natürlich haben wir auch mal Zickenalarm, aber das Wesentliche ist: Die Leute müssen konfliktfähig sein und sich verstehen. Wenn mal der Haussegen schief hängt, muss man das beiseite drücken und alle an einem Strang ziehen.

Hanno Renner, zweiter Vormann der "Anneliese Kramer"

Privatsphäre nur in einer Kammer unter Deck

Ein Schiff der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ist unterwegs auf der Nordsee.
Zwei Wochen am Stück verbringen die Retter an Bord der "Anneliese Kramer".

Die Männer sind eine eingeschworene Gemeinschaft, sonst würde das enge Leben an Bord nicht funktionieren. Trotz der wenigen Privatsphäre, die es nur in der eigenen kleinen Kammer unter Deck gibt, lieben sie alle ihren Job. Gegessen wird zusammen in der Messe. Für die Versorgung sind die Männer selbst verantwortlich. Es kocht, wer Lust hat in der kompakten silbernen Küche. An diesem Tag ist es Arne Fröse. Er ist Fischer in der siebten Generation von der Insel Fehmarn. Bevor er bei der DGzRS angefangen hat, war er schon ehrenamtlich für sie tätig. Das Helfen gefällt ihm, das Kochen auch. Weil klar war, dass viel zu tun ist, hat er das Essen vorbereitet. Den Nudelsalat holt er aus dem Kühlschrank, die Würstchen wärmt er auf dem Herd schnell auf.  

Ich koche alles, was die Jungs haben wollen. Fleisch, viel Fleisch, es muss immer Fleisch dabei sein. Einen vegetarischen Tag gibt es bei uns nicht.

Arne Fröse, Seenotretter

Eigentlich steht um Punkt 12 Uhr das Mittagessen auf dem Tisch, danach ist Mittagspause, das sogenannte nautische Viertelstündchen, das drei Stunden dauert. Diesmal wird es halb drei. Da die Maschinisten mit der defekten Klimaanlage beschäftigt sind, verzögert sich alles. Gegessen wird erst, wenn alle aus dem vierköpfigen Team Zeit haben, auch wenn der Magen knurrt.

Retter werden im Hafen zur Touristenattraktion

Am Nachmittag geht es auf Kontrollfahrt mit dem Tochterboot "Mathias", das am Heck des Schiffes angebracht ist. Wenn die Mannschaft eine Runde dreht, dann schaut sie, ob sich Sandbänke verschoben haben oder bei welchem Wasserstand Priele noch passierbar sind. Heute drehen sie einfach eine Runde durch den Hafen und werden ständig von Touristen an Land dabei fotografiert. "Wir leben ja nun von Spenden, es ist wichtig, dass man uns sieht", sagt Arne Fröse.

Bald ist für alle vier Schichtwechsel und es geht nach Hause zu den Frauen und Kindern. Ihr Boot, die "Anneliese Kramer", ist erst zwei Wochen später wieder ihr Zuhause.

Autorin

  • Katharina Guleikoff

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Juli 2019, 19:30 Uhr