Zeugnistag: Welche Note bekommt das Bremer Pandemie-Schuljahr?

Wie haben Bremens Schüler den Unterricht im Corona-Jahr erlebt?

Video vom 21. Juli 2021
Eine Schülerin steht mit Schutzmaske vor einer Tafel und löst eine Rechenaufgabe (Archivbild)
Bild: DPA | Guido Kirchner
Bild: DPA | Guido Kirchner

Am Donnerstag beginnen in Bremen die Sommerferien. Zeit für ein Resümee über das vergangene Schuljahr. Harte Kritik kommt von Schülern wie vom Lehrerverband.

Wie war das das Schuljahr 2020/2021? Fragt man Schüler, hört man immer wieder Aussagen wie "sehr anstrengend" oder "sehr frustrierend". Meret (19) von der Oberschule Leipnizplatz hält es geradezu für verlorene Lebenszeit: "Also im Endeffekt ist das fast wie ein verpasstes Schuljahr, wie ein vergeudetes Schuljahr." Trotz bestandenen Abiturs gibt es für sie nichts zu beschönigen: "Es war nicht gut, es war nicht schön, es war einfach nur Scheiße. Leider."

Ein Abiturzeugnis, das von einer Abiturientin gehalten wird.
Lernen und Prüfungen unter Coronabedingungen: Das Schuljahr war für viele eine echte Belastung. Bild: Radio Bremen

Es habe sich nicht angefühlt wie Schule, ergänzt Angelina (22) vom Schulzentrum Walle und auch Amir (16) aus der Gesamtschule Bremen Mitte fand "nichts Gutes" am Schuljahr, erlebte es als "schlimm". Tim (16) vom Lloyd Gymnasium Bremerhaven fand es eine Zumutung, dass vieles "improvisiert" wurde und er beispielsweise bis in die Nacht hinein Nachrichten von der Schule bekam. Es fehlte vielfach an Orientierung, an Unterstützung, an planvollem Handeln. Stattdessen: planlose Lehrer, Verunsicherung, Überforderung. Unterm Strich: mangelhaft bis ungenügend.

Setzen, sechs?

Distanzunterricht sei gerade einmal so effektiv wie die Sommerferien, hieß es in einer Bildungsstudie der Frankfurter Goethe-Universität. Das kann Aygün Kilincsoy, Sprecher der Senatorin für Kinder und Bildung, so nicht bestätigen. "Mittels eines Hybrid-Unterrichts kann durchaus ein Bildungsangebot realisiert werden, das – trotz der pandemiebedingten Einschränkungen – dem Bildungsauftrag prinzipiell gerecht wird."

Im Gegensatz zur Phase des ersten Lockdowns ist nach den Rückmeldungen, die uns erreicht haben, im Frühjahr 2021 der Wechsel- und Distanzunterricht deutlich besser gelaufen.

Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes
Heinz-Peter Meidinger, Sprecher Deutscher Lehrerverband

Nach aktuellem Stand seien in diesem Jahr weder mehr Förderanträge gestellt worden noch wollten mehr Schülerinnen und Schüler freiwillig wiederholen. Die Auswertung der Noten werde aufgrund der Verschiebung der Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss (MSA) und des zusätzlich eingerichteten Abiturtermins erst in den Sommerferien erfolgen.

Kinder aus ökonomisch schwachen Familien leiden am meisten unter Corona

"Vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien haben immer mehr den Anschluss in der Schule verloren, weil die technischen Voraussetzungen oftmals nicht gegeben waren und Eltern während des Homeschoolings nicht weiterhelfen konnten", so Denise Kirchberger, Sprecherin des Nachhilfe-Anbieters Schülerhilfe: Mangelnde Selbstorganisation, Konzentrationsschwierigkeiten aufgrund der langen Lernzeit am PC sowie die geringe Lernzeit der Schülerinnen und Schüler seien Ursachen für Kompetenzeinbußen. Deswegen sieht sie die Präsenznachhilfe als besten Weg, Lerndefizite bei Schülern schnell und nachhaltig zu beheben.

Knapp jedes zehnte Kind hatte sogar weniger als eine Stunde pro Tag mit Schulaufgaben zu tun.

Denise Kirchberger, Sprecherin der Schülerhilfe

"Seit der Präsenzunterricht an den öffentlichen Schulen wieder möglich ist und die Corona-Einschränkungen entfallen sind, verspüren wir eine verstärkte Nachfrage zum Vorjahr. Daher raten wir Eltern sich frühzeitig einen Nachhilfeplatz zu sichern", erklärt sie.

Thomas Momotow, Pressesprecher des Nachhilfeunternehmens Studienkreis, weist darauf hin, dass es für Empfänger von Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Kindergeldzuschlag sowie Wohngeld das Programm "Bildung und Teilhabe" gebe, über das kostenlose Nachhilfe angeboten wird. Darüber hinaus plane Bremen eine Strategie mit dem Titel "Bremens Schüler*innen stärken – Maßnahmen zur Kompensation von Bildungsverlusten".

"Mehr Ruhe" für das neue Schuljahr

Sandra S., Mutter von sieben Kindern, hat ganz unterschiedliche Erfahrungen während der Pandemie gesammelt: "Es kommt speziell auf das Kind auf. Die Neuntklässlerin fand den Distanz-Unterricht total toll und ist damit sehr gut klargekommen, ohne dass man hinterher sein musste." Bei ihrem Sohn, der die siebte Klasse besucht, musste sie hingegen viel kontrollieren, ob die Aufgaben erledigt wurden. "Seit meine Kinder die Ipads vom Land zur Verfügung gestellt bekommen haben, habe ich da ehrlich gesagt etwas den Überblick verloren", gesteht sie.

Unter den gegebenen Umständen bin ich glücklich, was erreicht worden ist. Die Zeugnisse sind ähnlich ausgefallen wie in den Vorjahren.

Sandra S., Mutter von sieben Kindern

Sicherlich sei etwas Stoff ausgefallen, dafür hätten ihre Kinder aber andere Kompetenzen entwickelt. In internen Vergleichsarbeiten der Schule hätten die Jahrgänge nicht schlechter abgeschnitten als in den Jahren zuvor. "Allerdings wünsche ich mir, dass nächstes Schuljahr mehr Ruhe einkehrt. Meine Kinder haben den Wechsel zwischen Distanzunterricht, Halbgruppen bis hin zu Präsenz als sehr anstrengend empfunden", erzählt sie.

Lehrerverband kritisiert fehlende Vergleichsarbeiten

Heinz-Peter Meidinger, Sprecher des Deutschen Lehrerverbandes, sieht die Einschätzung, wie nachteilig die Pandemie für die Schulbildung war, kritisch: "Jetzt macht sich nachteilig bemerkbar, dass Bremen zusammen mit Brandenburg und Niedersachsen 2020 aus den in der Kultusministerkonferenz ursprünglich für alle Bundesländer vereinbarten Vera-Vergleichstests in verschiedenen Jahrgangsstufen ausgestiegen ist." Damit fehle ein wichtiges Instrument, das andere Bundesländer jetzt für Lernstandserhebungen nutzen könnten.

Ohne differenzierte Lernstandserhebungen in den Kernfächern tue man sich enorm schwer, den jeweiligen Förderbedarf von Schülerinnen und Schülern festzustellen. Denn für eine erfolgreiche Aufholförderung sei die Analyse der Ausgangslage enorm wichtig.

Bremen will Lernlücken mit digitalen Kursen schließen

Dennoch versucht Bremen Lernlücken zu schließen. Dafür arbeitet das Land seit kurzem mit dem Verein Chancenwerk zusammen. Dieser soll Abschlussjahrgänge mittels digitaler Kurse auf ihre Prüfungen vorbereiten. Über 750 Jugendliche haben laut dem Verein an 109 Kursen teilgenommen. Es habe insbesondere einen hohen Bedarf an Prüfungsvorbereitung in den Fächern Mathematik und Biologie gegeben, teilt der Verein mit. "Die Angebote sind jedoch seit letztem Jahr deutlich ausgeweitet worden. Die Anmeldezahlen für alle Ferienangebote sind sehr gut."

Trotzdem gehöre zur Wahrheit, dass Präsenzunterricht immer deutlich effektiver und erfolgreicher sei als Distanzunterricht, stellt Meidinger klar. "Deshalb haben wir beim Deutschen Lehrerverband auch große Zweifel daran, ob ausgerechnet über digitale Nachhilfeangebote im Zuge des Aufholförderprogramms der Bundesregierung die Lücken geschlossen werden können, die bei sozial benachteiligten Familien während der Distanzunterrichtsphasen entstanden sind."

Nach seiner Überzeugung wendet das Bundesland Bremen zu wenig eigene Mittel zur Aufholförderung auf. Hessen gebe genauso viel Geld aus dem eigenen Haushalt in die Aufholförderung wie auf das Bundesland Bundesmittel entfallen. "Das sieht in Bremen leider ganz anders aus. Angesichts der Tatsache, dass eigentlich die Länder für Bildung originär zuständig sind, ist das traurig."

Wie geht es nach den Ferien an Bremer Schulen weiter?

Video vom 20. Juli 2021
Schulkinder im Unterricht.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Johanna Ewald Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Die Vier am Morgen, 21. Juli 2021, 7:20 Uhr