Kommentar

Lieber in Luftfilter investieren als den erneuten Lockdown riskieren

Luftfilter für alle Bremer Klassenräume? Das kostet viel Geld. Bremen-Zwei-Moderator Martin Busch hält diese Investition aber für nötig. Sonst werde es noch viel teurer.

Die Fenster eines Schulgebäudes sind gekippt.
Die Klassenräume an Bremer Schulen müssen ab heute regelmäßig gelüftet werden. Da kann es schon einmal kalt werden. Luftfilter wären eine – wenn auch teure – Alternative. Bild: DPA | Sven Simon

Ich habe vor kurzem zufällig meine Jugendfreundin getroffen. Ewig nicht gesehen. Sie erzählte, dass sie mittlerweile Grundschullehrerin sei und dass sie glaubt, dass sich die Politik keinen zweiten Lockdown leisten kann. Die daraus entstehende wirtschaftliche Not wäre zu groß.

Also — meine ich – muss eine Wiederholung der Ereignisse vom Frühjahr unbedingt verhindert werden. Ein wichtiger Schritt dahin wären Luftfilter in den Klassenräumen. Die hätten sich die Kultusminister beziehungsweise Bildungssenatorinnen in den  Herbstferien leisten sollen. Untersuchungen haben ergeben, dass diese Geräte ein effektiver Schutz vor Viren sind, fast alles an Aerosolen absorbieren, was durch die Gegend schwebt. Selbst das Umweltbundesamt bestätigt die Wirksamkeit. Vier Bundesländer tun nun Geld raus für Luftfilter in Räumen, die nicht ausreichend gelüftet werden können. Laut Lehrerverband sind bundesweit 100.000 Räume betroffen. Bremen und Niedersachsen haben keine vergleichbaren Programme. Die Bremer Bildungsbehörde will allerdings für 13 Schulen Lüftungsgeräte anschaffen, die in Räumen zum Einsatz kommen sollen, in denen das Lüften schwierig ist. Immerhin.

Schülerinnen und Schüler werden in den Klassenräumen wohl frieren

Dennoch müssen wir aber davon ausgehen, dass unsere Kinder in den nächsten Wochen und Monaten in der Schule frieren werden, weil die Fenster wegen Corona regelmäßig komplett geöffnet werden müssen.

"Kann man sich gegen anziehen!", rufen jetzt Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan und Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne. "Zieh' drinnen nicht dasselbe an wie draußen!" hat meine Mutter früher immer gesagt. Wegen der unterschiedlichen Temperaturen. Das erhöhe die Gefahr, zu erkranken – es gibt ja auch noch andere körperliche Malaisen als Corona.

Lernen in der Kälte oder zu Hause

Die einen kriegen also Zug, andere vielleicht gar keinen Präsenz-Unterricht, weil ihre Räume zu denen gehören, in denen Stoßlüften nicht möglich ist, weil die Fenster überhaupt nicht oder nur spaltweise zu öffnen sind. Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, ist nachvollziehbar enttäuscht von der KMK, der Kultusministerkonferenz.

Ohne Luftfilter, dafür aber mit unpraktischen Fenstern, das bedeutet dann wieder  Fernbeschulung. Delmenhorst, das mittlerweile auch ein Epidemie-Hotspot ist, halbiert ab heute die Klassen: eine Gruppe in der Schule, die andere zu Hause. Es war ein Schulleiter aus Bremen-Huchting, der während des ersten Lockdowns erwähnte, dass ungefähr die Hälfte seiner Schüler nicht vom Homeschooling profitiert, weil die nötige Infrastruktur in den eigenen vier Wänden nicht vorhanden ist. Es bleibt ein suboptimales Szenario. Denn, liebe Politiker: Euer toller Digitalpakt hilft kein Stück, wenn das Kind zu Hause keinen Zugriff auf "It‘s learning" hat, geschweige denn jemanden, der ihm dabei über die Schulter schaut.

Traumziel: Ausreichend Ersatzräume und pädagogisches Personal

Wenn ich mir mal was wünschen darf für ein Land, das in Sachen Bildung ganz vorne mitspielen möchte: Ausreichend Ersatzräume und pädagogisches Personal, um Klassen im Falle einer Pandemie aufzuteilen. Das wäre richtig großes Kino! Dann klappt‘s vielleicht auch mit PISA.

Weil das aber in Deutschland utopisch zu sein scheint, zurück zum Luftfilter: Je nach Gerät reden wir pro Klassenzimmer wohl von 1.000 bis 3.000 Euro. Gar keine Frage: Viel Geld bei 42.000 Schulen im Land, von denen ohnehin viele sanierungsbedürftig sind. Aber lieber dieses Geld jetzt in die Hände nehmen und weiter dafür sorgen, dass alle schulpflichtigen Kinder eben auch dort unterrichtet werden, als einen zweiten Lockdown zu riskieren, der auf etwas viel kostspieligeres hinauslaufen würde: Die Sanierung eines ganzen Staates.

Wie geht es für Schüler, Lehrkräfte und Eltern nach den Ferien weiter?

Video vom 23. Oktober 2020
Grüe Stühle eines Klassenzimmers, die auf den Tischen aufgereiht sind.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Martin Busch Moderator

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 26. Oktober 2020, 8:36 Uhr