Interview

Jugendliche und Corona: "Außerhalb der Schule bricht gerade alles weg"

Sport, Partys, Freunde treffen: Jungen Menschen fehle der Ausgleich neben der Schule, sagt der Bremer Kinder- und Jugendpsychiater Frank Forstreuter. Das sei belastend.

Ein Schüler sitzt über seinen Schularbeiten (Symbolfoto)
Junge Menschen sollten auch jetzt Dinge unternehmen, die nichts mit Schule zu tun haben, rät der Kinder- und Jugendpsychiater Frank Forstreuter. Bild: DPA | Eibner-Pressefoto/Fleig
Herr Forstreuter, die erste Party, der erste Kuss, die erste große Reise: Viele Dinge, die normalerweise zur Jugend dazu gehören, sind jetzt nicht möglich. Was macht das mit der aktuellen Generation von jungen Menschen?
Das stimmt. Vieles können junge Menschen gerade nicht erleben und zum Teil sind das auch Dinge, die man nicht nachholen kann. Das ist auf jeden Fall eine Belastung. Aber auch keine, von der man sich nicht erholen kann. Gerade wenn man das mit den Belastungen vergleicht, die Kinder und Jugendliche in anderen Ländern erleben. Hinzu kommt: Junge Menschen sind sehr anpassungsfähig und können viel wegstecken. Da bin ich, als Erwachsener, immer wieder überrascht.
Welche Bedeutung haben denn Freizeitaktivitäten für junge Menschen?
Neben der Schule sind Formen des Ausgleichs wichtig, auch um gut lernen zu können. Dieser Ausgleich ist aber gerade nicht möglich. Zudem geht es ja bei Jugendlichen in der Freizeit auch darum, mit anderen zusammen zu sein, sich mit der sogenannten "Peer-Group" auszutauschen. Das stärkt den Selbstwert. Außerhalb der Schule bricht das gerade alles weg. Zwar trifft man sich weiterhin in der Schule. Das hat aber nicht die gleiche Qualität, würde ich sagen.
Neben der fehlenden Freizeitgestaltung kommt hinzu, dass sich viele Schülerinnen und Schüler Sorgen um ihre Zukunft machen. Das betrifft vor allem diejenigen, die jetzt bald ihr Abitur machen und sich die Frage stellen, inwieweit das unter Corona-Bedingungen erfolgreich gelingen kann. Ist der Druck da größer geworden?
Ich erkenne da eine subjektive Angst bei diesen Jugendlichen. Das ist die Angst, nicht auf dem gleichen Niveau zu sein wie die Jahrgänge vor ihnen. Hier sind auch Gesellschaft und Politik gefragt, nämlich in dem Sinne, dass den jungen Menschen klar gemacht werden muss, dass die Ansprüche an sie andere sind als bei den Jahrgängen davor. Das passiert nach meiner Ansicht aber zum Teil auch schon.
Nehmen Sie als Kinder- und Jugendpsychiater denn wahr, dass die psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen während der Corona-Pandemie zugenommen haben?
Corona ist nicht der Auslöser für psychische Krankheiten. Was ich allerdings beobachte, ist, dass sich bei denjenigen, die vorher schon psychisch erkrankt waren, die Krankheit verstärkt. Es kommen zum Beispiel mehr Patientinnen und Patienten mit schweren Depressionen zu uns. Eine Kausalität will ich da jetzt nicht herstellen. Erst einmal gibt es nur den zeitlichen Zusammenhang. Aber diese Beobachtung ist für mich schon ein Warnsignal.
Was raten Sie jungen Menschen, um gut durch diese Krise zu kommen?
Sich nicht zu viel Lerndruck zu machen. Daran denken, dass es genug ist, was man gerade weiß, und dass man nicht mehr leisten kann als sein normales Pensum. Wichtig ist auch, zwischendurch mal rauszugehen, einen Freund zu treffen und Dinge zu unternehmen, die nichts mit Schule zu tun haben. Vielleicht entdeckt man in diesen Zeiten ja auch die Familie neu und holt das Gesellschaftsspiel heraus, das man früher immer so gerne zusammen gespielt hat. Generell gilt: Für junge Menschen kann die aktuelle Situation auch eine Lernerfahrung sein: Wie gehe ich mit einer Krise, wie gehe ich mit Belastung um? Und rückblickend, in zwei oder drei Jahren, erkennt man dann vielleicht, was man gelernt hat.

Die "andere" Jugend-Generation: Wie sich Jugendliche heute sehen

Video vom 30. November 2020
Zwei Mädchen machen zusammen ein Selfie.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 30. November 2020, 19:30 Uhr