Wie eine Facebook-Sabbelgruppe Bremerhavens Nebenöffentlichkeit wurde

Fast jeder zehnte Bremerhavener ist rechnerisch in der "Sabbelgruppe": Wer schnell etwas erfahren will, ist hier meist richtig. Doch dahinter steckt gerade in der Corona-Zeit auch viel Arbeit.

Audio vom 14. Mai 2021
Eine Frau vor einem Laptop am Tisch
Kerstin Wolff-Pantzer, eine der Administratorinnen der Bremerhavener Sabbelgruppe Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann
Bild: Radio Bremen | Catharina Spethmann

Wer in Bremerhaven auf dem Laufenden bleiben will, kann sich mehrerer Medien bedienen: die Lokalzeitung und auch Radio Bremen berichten viel, aber das reicht vielen nicht. Denn vieles, was passiert, kommt bei den Medien gar nicht erst – oder nur sehr verspätet – an: "Hat jemand den Knall gehört? Wo ist das Sonntagsjournal? Was ist in der und der Straße passiert?" Das sind Fragen, die die knapp 10.000 Mitglieder der "Bremerhavener Sabbelgruppe (Das Original)" auf Facebook beschäftigen.

Kerstin Wolff-Pantzer war 2012 Sabbelgruppen-Mitglied Nummer zwei, sie hat das Forum immer weiter wachsen sehen und gehört seit Langem zum Admin-Team. Mittlerweile ist die Gruppe eine echte Nebenöffentlichkeit der kleinen Großstadt geworden: Immerhin macht die Mitgliederzahl rechnerisch zehn Prozent der Bevölkerung aus. Und die Gruppe ist vital. 1.300 Beiträge gab es allein im April 2021, über Gott und die Welt haben die Mitglieder sich ausgetauscht. Dabei geht es um die lokale Gerüchteküche, um Einkaufstipps, um Bremerhavener Life-Hacks, aber auch um alles rund um Corona oder Lokalpolitik. Und es gibt kaum einen mit Rang und Namen, der hier nicht Mitglied ist: Viele Lokalpolitiker, Vertreter von Institutionen oder Journalisten tummeln sich in der Sabbelgruppe – besser, man hat das Ohr an den Leuten.

Huhuuu mal ganz blöd gefragt, haben wir eigentlich noch Ausgangssperre?

N. R. in der Bremerhavener Sabbelgruppe

Die erste Gruppen-Moderation mit dem Morgenkaffee

Doch das "Hat jemand den Knall gehört?" sei tatsächlich so etwas wie "ein Ur-Ding überhaupt, das ist wirklich schon ein Running Gag in der Sabbelgruppe", erzählt Gründerin Kerstin Wolff-Pantzer. Meist knallen Überschall-Flugzeuge – sie sind ja auch wirklich so laut, dass manchmal die Scheiben zittern. Wolff-Pantzer sitzt in ihrer Küche, vor ihr auf dem Tisch der aufgeklappte Laptop. Schon mit dem ersten Morgenkaffee ist sie jeden Tag dabei: "Hobby – was ist das? Andere Hobbys? Nee, seit neun Jahren eigentlich nicht." Seitdem sei eben die Sabbelgruppe ihr Hobby. Und eigentlich sogar mehr als das: "Die Sabbelgruppe ist mein persönliches virtuelles großes Baby", bekennt Wolff-Pantzer.

Moinsen Kinners ... und wieder wurden wir von FB informiert das gegen die FB-Gemeinschaftsstandards verstoßen wurde innerhalb unserer Gruppe. Bitte achtet darauf (auch bei Comic-Bildchen) das man KEINE Geschlechtsteile (Brüste, Scheiden, Penisse) sehen kann. Oder wenns dann unbedingt sein muss, schwärzt diese!

Kerstin Wolff-Pantzer in der Bremerhavener Sabbelgruppe

Sie erinnert sich, wie die Gruppe als offenes Forum gegründet worden sei, als Möglichkeit für den freien Meinungsaustausch. Auch heute noch verböten sie und drei weitere Administratoren niemandem den Mund. Als Administratorin gibt sie die Beiträge frei, moderiert, greift nur ein, wenn die Regeln verletzt werden – selbst gesetzte und natürlich die von Facebook.

Kopfschütteln über Facebooks Regeln

Über die kann sie manchmal nur den Kopf schütteln: "Auf der Plattform kursierten ungehindert Videos voller Gewalt, aber die Sabbelgruppe habe neulich schon einen leicht anzüglichen Comic löschen müssen", erzählt Wolff-Pantzer. Ihre Mit-Administratorin Corinna Wiedorn: "Wir lassen den Mitgliedern eine sehr große Freiheit – was sie fragen, welche Beiträge sie posten. Von ganz lustig bis ganz kritisch, von links nach rechts, da ist ja wirklich alles vertreten." Das Team sei wirklich bemüht, da "eine große Fläche" zu lassen – anders als in anderen Gruppen, die ganz klar ihre Richtung einschränken würden. Da sei sich das Administratoren-Team einig – auch wenn alle sonst ziemlich unterschiedlich seien.

Waren gerade bei real. Hatte irgendwie das Gefühl, als würde der auch bald schließen. Was sagt denn die Gerüchteküche dazu?

M. D. in der Bremerhavener Sabbelgruppe

Trotzdem habe sich in den Jahren seit der Gründung viel geändert. Vor allem: "Am Anfang war mehr Leichtigkeit", sagt Kerstin Wolff-Pantzer, man habe mehr zusammen gelacht. Jetzt sei man distanzierter – vielleicht erwachsener? "Die Menschen haben sich extrem verändert, seit Corona auch in der Sabbelgruppe ein Thema ist." Viele seien auch viel aggressiver geworden. "Und dieses Corona-Thema ist bei uns ein ganz aktuelles Thema, dazu hat ja fast jeder immer eine Meinung."

Die Sabbelgruppe hat deswegen sozusagen die Reißleine gezogen und sich und den Mitgliedern zwei coronafreie Tage pro Woche verordnet. Im echten Leben ist das leider nicht so einfach. Doch Kerstin Wolff-Pantzer unterscheidet klar zwischen ihrem realen und ihrem virtuellen Leben: "Ich lebe auch nicht in der Sabbelgruppe. Aber es ist mein persönliches, virtuelles Wohnzimmer" – das sie eben manchmal mit anderen Menschen teilt. Auch wenn es fast zehntausend sind.

Autoren

  • Catharina Spethmann
  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Mittag, 14. Mai 2021, 12.40 Uhr