Vor 25 Jahren wurde Jan Philipp Reemtsma entführt

Fast fünf Wochen lang bleibt der Hamburger Millionär in Garlstedt gefangen. Die Kidnapper werden letztlich alle gefasst. Aber vom Lösegeld fehlt bis heute jede Spur.

Audio vom 25. März 2021
Das von der Polizei geblendete Polaroid-Foto zeigt Jan Philipp Reemtsma bei den Entführern mit einer Ausgabe der Bild-Zeitung vom 26.3.1996. (Archivbild)
Bild: DPA | DB

Als Jan Philipp Reemtsma abends seine Villa im Hamburger Stadtteil Blankenese verlässt, fangen ihn die Täter ab. Sie schlagen den Sohn eines Zigarettenfabrikanten nieder und verschleppen den 43-Jährigen in ein Versteck in Garlstedt nördlich von Bremen gelegen.

Sprechblasen mit Grüßen und daneben notiert das Datum, wann sie erschienen sind.
Mit "Grußadressen" in der Rubrik Hamburger Grußpost der Tageszeitung "Hamburger Morgenpost" wendeten sich Polizei und Familie an die Entführer von Jan-Phillip Reemtsma. Bild: DPA | Carsten Rehder

Für Reemtsmas Ehefrau Ann Kathrin hinterlassen sie einen Erpresserbrief, den sie mit einer Handgranate beschweren. Über Zeitungsanzeigen nimmt die eingeschaltete Polizei Kontakt mit den Entführern auf: "Alles Gute, Ann Kathrin. Melde Dich mal persönlich." Oder: "Ich brauche ein Zeichen. Ich bin fertig. Ich schaffe es nicht. Gerhard macht alles für mich. Er kann auch früher. Melde Dich mal. Wir beide machen alles, was Du willst."

Endlich, neun Tage nach der Entführung, soll es zur Geldübergabe kommen. Zunächst verlangen die Täter 20, später dann 30 Millionen D-Mark. Per Anruf vereinbaren die Entführer die Übergabe. Doch die ersten beiden Versuche scheitern. Derweil sitzt Jan Philipp Reemtsma angekettet in einem kleinen Kellerverlies. Bis zu seiner Freilassung soll es quälend lange 33 Tage dauern.

Was permanent vorhanden war, war Angst und Verzweiflung. Und die ist dauernd da. Füllt diesen Raum.

Jan Philipp Reemtsma

Am 24. April 1996 klappt endlich die Geldübergabe, dieses Mal ohne Wissen der Polizei. Zwei Tage später wird Reemtsma in einem Wald südlich von Hamburg freigelassen. Bei der Fahndung nach den Tätern erhofft sich die Sonderkommission Hinweise insbesondere zu einem der Bücher, die die Entführer für ihre Geisel besorgt hatten: "Hüben und drüben" von Karl Krauss. Weil dieses Buch nicht gerade ein Bestseller war, gehen die Ermittler davon aus, dass es dafür eine Bestellung gegeben haben muss.

Ein Polizist bewacht den Hauseingang in Garlstedt.
Weit abgelegen im Landkreis Osterholz Scharmbeck wurde Jan-Philipp Reemtsma in einem Keller gefangen gehalten. Bild: DPA | Kay Nietfeld

Den Entführern auf die Spur kommen die Fahnder, als sie das Versteck in Garlstedt ausfindig machen. Einer der Männer hatte das einsam gelegene Haus angemietet. Drei Täter werden festgenommen und verurteilt. Der Drahtzieher der Entführung aber ist in Südamerika untergetaucht. Thomas Drach wird erst 1998 gefasst. Ein Lösegeld in nennenswerter Größenordnung ist bei der Festnahme in Buenos Aires nicht gefunden worden. In seinem Zimmer wurden nur 30.000 US-Dollar sichergestellt.

Drach muss für vierzehneinhalb Jahre ins Gefängnis. Der größte Teil des Lösegelds bleibt verschwunden. Und Jan Philipp Reemtsma? In dem Buch "Im Keller" hat der Literaturwissenschaftler die Entführung verarbeitet, die am 25. März 1996 ihren Anfang nahm.

Chronik einer Entführung (1996)

Video vom 24. Mai 1996
Skizze eines Raumes mit Bett, Tisch und WC
Jan Philipp Reemtsma fertigte diese Skizze seines Gefängnisses an in Zusammenarbeit mit Polizeiexperten. Bild: DPA | Reemtsma / Polizei

Autor

  • Michael Kruse Nachrichtenredakteur

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Die Chronik, 25. März 2021, 6:40 Uhr