5 Bremer Reaktionen auf die Lockdown-Verlängerung

Ab Montag kommen neue Pandemie-Regeln auf uns zu. Wie gehen Bremer und Bremerhavener damit um? Hier sind fünf sehr persönliche Momentaufnahmen zur aktuellen Situation.

Eine Mensch läuft mit Maske vor einem Metalltor vorbei
Die Lockdown-Verlängerung trifft viele Bremer hart, doch sie bleiben optimistisch. Bild: Imago | Ralph Peters

Die Schüler und Schülerinnen müssen nicht in die Schulen, können aber. Lehrerinnen und Lehrer stehen wieder vor der Herausforderung, sowohl Distanz- als auch Präsenzunterricht anzubieten. Und Bars und Kneipen bleiben geschlossen, genau wie Friseursalons und Tattoo-Studios. Wie gehen die Bürgerinnen und Bürger damit um? Jeder ist davon betroffen und die Reaktionen auf die Entscheidung fallen sehr unterschiedlich aus.

1 Schülerin: "Ich bekomme 85 Prozent des Unterrichts digital mit"

Abiturientin Maret Göhring ist erleichtert über die Lockdown-Verlängerung bis Ende Januar. Vor allem, dass es keine Präsenzpflicht gibt, findet die Schülerin der Oberschule am Leibnitzplatz gut. "Für mich kommt das aber zu spät. Man hätte schon im Herbst und Winter die Schulen konsequent schließen müssen", sagt sie. "Dieses Hinauszögern führt zu großem Stress und Chaos bei Lehrern und Schülern", beschreibt sie ihre Situation. Für die Abiturientin fällt nun ein weiterer Monat Präsenzunterricht weg. Schwierig für die Abivorbereitungen, sagt sie: "Wir müssen jetzt schon über die Abitur-Rahmenbedingungen sprechen, unter diesen Umständen können wir nicht am regulären Abi festhalten."

Am 22. Dezember hat mein Jahrgang noch iPads bekommen. Das heißt, ich kann zu 85 Prozent verlässlich am Unterricht teilnehmen, ab und zu fällt allerdings das WLAN aus.

Meret Göhring, Bremer Abiturientin

Nächste Woche wird die Schülerin wahrscheinlich täglich mehrere Online-Meetings mit ihren Lehrern haben und nur am iPad sitzen. Sie hofft, dass sie dem Unterricht so gut wie möglich folgen kann. Für sie und ihre Mitschüler wird das wohl extrem anstrengend.

Manche Freunde hat die 18-Jährige schon seit Monaten nicht mehr persönlich gesehen oder nur kurz in der Schule: "Privat ist der Lockdown natürlich scheiße, es ist nicht schön und das macht mich traurig." Ihr ist klar, dass weiterhin auch viele Veranstaltungen wie Geburtstage oder Partys wegfallen werden, das hat für sie aber keine Priorität. "Ich verstehe, dass man das als junger Mensch will, aber das geht nicht auf Kosten anderer. Auch ich habe Freunde, die in der Risikogruppe sind."

2 Friseurmeisterin: Jetzt zusammenreißen und im Februar wieder öffnen

Eine Frau mit Maske frisiert eine andere Frau.
Kalt erwischt: Jasmin Herrler macte sich mit dem Lockdown selbstständig. Bild: Markus Paetsch | Markus Paetsch

Schon vor Corona wollte sich Jasmin Herrler selbstständig machen. Seit zwölf Jahren ist die 32-Jährige Friseurmeisterin. "Leider ist meine Eröffnung von "Hairler" in Walle genau in den Lockdown-Light im November gefallen", erzählt sie. Deshalb hat sie schon damit geplant. So wurde sie nicht ganz kalt erwischt, beschreibt sie ihre aktuelle Situation.

Uns war eigentlich klar, dass der Lockdown höchstwahrscheinlich verlängert wird.

Jasmin Herrler, selbstständige Friseurmeisterin

Gerade zehrt die Selbstständige von ihren Reserven. Mit Online-Angeboten versucht sie eine paar Kosten zu decken: In Videos gibt sie ihren Kunden Frisurtipps. Jeden Tag steht sie im leeren Laden und arbeitet an einem Frisierkopf. Sie glaubt: "Wenn sich jetzt alle zusammenreißen, hoffen wir, im Februar wieder öffnen zu können."

3 Gaststättenbeteiber: "Ich fühle mich antriebslos und habe Angst, vergessen zu werden"

Ein Mann mit Bart sitzt vor zwei Dartscheiben.
Bei Gastronomen wie Marvin Gray macht sich Hilflosigkeit breit. Bild: Marvin Gray

Marvin Gray betreibt in Bremen zwei Gaststätten. Seit insgesamt acht Jahren in er selbstständig in der Grastobranche tätig. Dass er Mitte Januar wieder öffnen kann, daran hat er nicht geglaubt. "Solange meine Läden geschlossen sind, muss ich in Vorkasse gehen. Und das ohne Geld zu verdienen", sagt er. Für den Januar allein sind das nochmal um die 5.500 Euro Fixkosten, rechnet er vor – dazu kommen die Kosten der letzten Monate.

Man hat ein Gefühl von Hilflosigkeit. Diese Unsicherheit macht mich mürbe. Ich bin antriebslos und ich weiß nicht, was ich noch ändern kann.

Marvin Gray, Gaststättenbetreiber

Regelmäßig besucht der 37-Jährige seine Läden im Schnoor und in der Neustadt und schaut, was es zu tun gibt. Und das ist nicht viel. Seinen Mitarbeitern ginge es auch nicht gut, sagt er: "Die wissen auch nicht, wie es weiter geht und machen sich Sorgen um ihre Arbeit". Manchmal fließen am Telefon auch die Tränen. Für den Gastronomen geht diese Situation auf die Psyche. Obwohl er gerade Zeit hat, kann er diese nicht nutzen, das tut ihm nicht gut.

Noch immer weiß er nicht, wann und wie es mit seiner Branche weiter geht. Das Geld reicht auch nur noch bis Ende Januar. Die Finanz- und Überbrückungshilfen ließen auf sich warten. Bisher hat er nur Geld für den November bekommen. Doch er bleibt optimistisch und hofft, das Gastronomen nicht vergessen werden.

4 Tätowiererin: Von der Chefin zu Hartz IV

Junge Frau mit Piercings steht vor einem Regal mit Comics, lacht und macht mir ihrer rechten Hand das Peace-Zeichen.
Gute Mine zu Hartz IV: Raphaela Nehmer lässt sich nicht schrecken. Bild: Radio Bremen | Janina Kück

Raphaela Nehmer aus Bremerhaven führt das Tattoo-Studio "Nautilus Ink" und den Comicladen "OMA – Otaku Merch & Anime" in Bremerhaven-Mitte. Nun musste sie jedoch Hartz IV beantragen. Der Tattoo-Laden der 32-Jährigen war schon im vergangenen Jahr von den Schließungen betroffen, seit dem 16. Dezember ist auch der Comicladen zu. Dabei hatte die Mutter gerade für das Weihnachtsgeschäft ordentlich Ware geordert, die natürlich bezahlt werden muss.

Aktuell gehen vereinzelt Online-Bestellungen ein, mit dem normalen Geschäft sei das aber nicht zu vergleichen. Die Zeit nach den Weihnachtsfeiertagen sei normalerweise am umsatzstärksten. Mithilfe ihres Steuerberaters hat sie Coronahilfen beantragt, Teilzahlungen seien auch schon eingegangen.

Ich verstehe das ganze Gemecker und Gejammer auf hohem Niveau nicht. Die Leute sind so egoistisch. Wir tun das für unser Land, um uns und andere zu schützen. Da müssen wir jetzt mal die Pobacken zusammenkneifen, um die Zahlen runterzukriegen.

Raphaela Nehmer, Inhaberin eines Tattoo-Studios und eines Comic-Ladens

Raphaela Nehmer verliert dennoch kein schlechtes Wort über die Beschränkungen. Die Kritik an der Politik und an den Maßnahmen kann sie nicht nachvollziehen. "In Deutschland geht es uns gut. Wir haben so ein gutes System. Niemand muss hungern“, sagt sie. Es sei nun wichtig, dass alle an einem Strang ziehen, um sich und die Mitmenschen zu schützen. Sie hofft vor allem für ihre drei Söhne, dass sie bald wieder Freunde treffen können.

5 Lehrerin und Mutter: "Wir müssen uns immer wieder neu organisieren"

Für Grundschullehrerin Julia Kette sind die neuen Lockdown-Regeln doppelt belastend. Als Lehrerin ist sie systemrelevant, als Mutter mit zwei Kindern im Kita-Alter muss sie entscheiden, ob sie diese betreuen lässt oder nicht. "Das kam für uns wieder sehr kurzfristig, aber das ist nicht neu."

Wieder muss sie mit ihrem Mann alles neu organisieren. Gleichzeitig weiß sie nicht, wie viele Kinder übernächste Woche in die Schule kommen. "Es ist total kompliziert, wenn man Präsenz- und Distanzunterricht vereinbaren muss, das geht in Doppelbesetzung ganz gut, ansonsten macht man den Job zweimal", beschreibt sie ihren Arbeitsalltag.

Ich als Mutter würde meine Kinder am Liebsten auch zu Hause behalten. Das kann ich aber nicht, denn würde ich meine Kinder zu Hause betreuen, würden andere Kinder in der Schule nicht betreut.

Ein Portraitbild einer jungen Frau mit brauen Haaren.
Julia Kette, Grundschullehrerin

An die Politik hat 38-Jährige nur eine Bitte: Klare Ansagen und eine Entscheidung, die nicht allein bei den Eltern liegt. Zum Beispiel bei der Erweiterung des Kinderkrankengeldes: "Ich weiß als Mutter nicht, was das heißt: Soll ich mein Kind zu Hause lassen oder sind diese Tage für den Notfall?"

Wie bewerten Bremerinnen und Bremer die Corona-Entscheidungen?

Video vom 6. Januar 2021
Ein Kiosk-Besitzer mit Hut und Bart im Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Marike Deitschun Autorin
  • Sonja Harbers Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 6. Januar 2021, 19.30 Uhr