Ersatz-Baby oder Hobby? Eine Puppen-Mutter lebt den "Reborn"-Trend

Die Nachfrage nach menschlichen Puppen wächst – auch wegen der Einsamkeit im Lockdown. Eine Sammlerin aus Loxstedt lebt den Trend schon länger. Psychologen sehen das Hobby kritisch.

Audio vom 17. Januar 2021
Eine Frau bemalt einen Puppenkopf.
Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck

"Der hat einen richtigen Herzschlag – du musst mal auf den Bauch fassen." Jasmin Karl ist begeistert von dem neuen Puppenmodell, an dem sie mit ihrer 11-jährigen Tochter bastelt. "Wahnsinn, total irre!" Die sogenannte "Reborn"-Puppe lässt mithilfe einer Batterie im Bauch sogar einen Herzschlag spüren. "Reborn" bedeutet wiedergeboren. Im Internet haben Mutter und Tochter den Bausatz bestellt. Zuhause in Loxstedt im Landkreis Cuxhaven angekommen, brauchen die beiden eine gute Woche, damit daraus eine täuschend echte Puppe wird. Auch auf den zweiten und dritten Blick sieht das Ergebnis nahezu lebendig aus. Laut Herstellern wird die Nachfrage nach "Reborn"-Puppen in Europa immer größer. Das liege auch am Lockdown. Denn wenn andere Hobbys wegfallen und die Einsamkeit wächst, könne eine Puppe gut tun.

Muttergefühle zum Zusammenbauen

Eine Baby-Puppe mit Schnuller liegt in einem Arm.
Eine "Reborn"-Puppe aus Jasmin Karls Sammlung. Baby-Bausätze sind ab etwa 100 Euro zu haben. Bild: Jasmin Karl

Für noch mehr Baby-Gefühl gibt es sogar einen Duft, damit die Puppe auch nach Baby riecht. "Wie Babypuder", beschreibt das Jasmin Karl. Mamas und Papas wüssten, was gemeint sei. "Nach Penaten-Creme", fügt sie hinzu. "Das macht das Ganze nochmal realistischer." Seit drei Jahren sammeln die beiden "Reborn"-Puppen. Über 20 Stück haben sie mittlerweile selbst zusammengebaut. Im ganzen Wohnzimmer sind sie aufgestellt. Helle, dunkle, lachende, weinende, dicke, dünne, gesunde, kranke oder welche mit Beeinträchtigung. Die Liste ist fast endlos.

Wenn eine Vermenschlichung von Material einsetzt und genau das nicht mehr gemerkt wird, dann wird es kritisch und grenzwertig.

Wolfgang Hantel-Quitmann, Psychologe

"Man hat Muttergefühle", sagt Jasmin Karl. "Man nimmt es, ganz vorsichtig und behandelt es wie ein echtes Baby." Der Trend mit den "Reborn"-Puppen ist in den letzten Jahren aus den USA nach Deutschland herüber geschwappt. Vor allem in sozialen Medien werden die Gruppen mit begeisterten Sammelnden – den "Rebornern" – immer größer. Solange ihnen bewusst ist, dass es sich bei den Puppen um Puppen handelt, ist alles gut, sagt Psychologe Prof. Dr. Wolfgang Hantel-Quitmann. Aber: Es gebe einen Punkt, ab dem es problematisch werden könne: "Wenn eine Vermenschlichung von Material einsetzt und genau das nicht mehr gemerkt wird, dann wird es kritisch und grenzwertig."

Psychologe empfiehlt Puppen nicht zur Trauerbewältigung

Ein Mann mit Sakko lehnt an einer Wand.
Für Psychologe Wolfgang Hantel-Quitmann sollte die Grenze zur Vermenschlichung bei den "Reborn"-Puppen nicht überschritten werden. Bild: Wolfgang Hantel-Quitmann

Das werde es auch dann, wenn sich "Reborner" eine Puppe zulegen, um mit der Trauer um einen nahestehenden Menschen besser klarzukommen. Ein verbreitetes Phänomen, sagt Wolfgang Hantel-Quitmann. Die Puppe werde dann oft so gestaltet, dass sie fast genauso aussieht wie der Verstorbene als Kind. Laut dem Psychologen keine gute Idee: "Es tut kurzfristig gut, aber verhindert langfristig einen Trauerprozess. Weil das Ziel der Trauer ein Abschied ist und nicht ein 'so tun als ob irgendein Wesen weiterlebt'."

Andere finden das verrückt. Wir finden das cool, uns macht das Spaß.

Jasmin Karl, "Rebornerin"
Eine Frau bemalt einen Puppenkopf.
20 "Reborn"-Puppen hat Jasmin Karl inzwischen zusammengebaut. Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck

Jasmin Karl und ihre Tochter wollen mit ihren Puppen keine Trauer verarbeiten. Für sie sei es ein einfaches Hobby. Am allerbesten seien die Reaktionen, wenn sie draußen mit den Puppen im Kinderwagen spazieren gingen. "Oh wie süß, wie alt ist es denn?", werde dann gefragt, erzählt Jasmin Karl. "Joar, weiß nicht – ist eine Puppe", sei die Antwort. "Da rasten alle natürlich immer aus", sagt sie lachend. Doch das ganze hat auch seinen Preis. Ab etwa 100 Euro sind solche Baby-Bausätze zu haben. "Andere finden das verrückt", ist sich Jasmin Karl bewusst. "Wir finden das cool, uns macht das Spaß." Neben den 20 Puppen gibt es im Hause Karl übrigens auch sechs richtige Kinder.

Autoren

  • Leonard Steinbeck
  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Sonntag aus dem Studio Bremerhaven, 17. Januar 2021, 13:40 Uhr