Bremer Prozess gegen mutmaßlichen Schwulen-Stalker unterbrochen

Der Angeklagte soll mindestens vier Homosexuelle aus Bremen monatelang terrorisiert und verfolgt haben. Die Opfer leiden bis heute darunter.

Video vom 15. Januar 2020
Ein Angeklagter, der im Gerichtssaal neben seiner Anwältin sitzt und eine Rote Mappe vor sein Gesicht hält.

Vor dem Bremer Amtsgericht hat am Mittwoch der Prozess gegen einen mutmaßlichen Schwulenhasser begonnen. Nach der Aussage einer psychologischen Gutachterin wurde der Prozess unterbrochen. Der Gutachterin zufolge leidet der Angeklagte an einer psychologischen Störung. Die Richter wollen jetzt bis zum nächsten Montag beraten, ob sie sich dieser Einschätzung anschließen.

Der 31-jährige Mann soll 2016 mehrere Homosexuelle aus Bremen monatelang gestalkt und regelrecht terrorisiert haben. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft, weil er sich an der Homosexualität der Betroffenen gestört hat. Er soll sie deswegen gegen ihren Willen als schwul geoutet und sowohl im Internet als auch im realen Leben bedroht, geschädigt und verfolgt haben. Im Fall eines 17-jährigen Schülers wurden sogar Bilder des jungen Mannes in der Bremer Innenstadt mit dem Hinweis auf dessen Homosexualität aufgehängt. Weil es sich um Hasskriminalität handelt, wurde der Bremer Staatschutz in die Ermittlungen eingeschaltet.

Opfer wurden ausgespäht

Der Angeklagte im Gerichtssaal, neben seiner Anwältin. Wegen der Fotos hält er sich eine rote Mappe vor das Gesicht.
Der Angeklagte soll seine Opfer über soziale Netzwerke ausgespäht und diffamiert haben.

Der mutmaßliche Stalker hat die Opfer nach Ansicht der Staatsanwaltschaft über das Internet ausgekundschaftet. Demnach fälschte er Facebook-Konten der Opfer und zum Teil auch die von einigen ihrer Freunde. Darüber verbreitete er Falschmeldungen und Drohungen. Außerdem soll der Angeklagte Betrügereien im Namen seiner Opfer begangen haben. Diese sahen sich mit Rechnungen, Anzeigen und Inkasso-Schreiben konfrontiert.

Die Vorwürfe gegen den Angeklagten sind erheblich. Es geht neben der Nachstellung auch um Volksverhetzung, Bedrohung, versuchte räuberische Erpressung, Beleidigung und Nötigung. Der Mann selbst ist für die Justiz kein Unbekannter, sagt der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, Frank Passade.

Er ist strafrechtlich bereits erheblich in Erscheinung getreten, insbesondere wegen Betrugsdelikten.

Der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft Frank Passade.
Frank Passade, Sprecher Staatsanwaltschaft Bremen

Betroffene sind traumatisiert

Angeklagt sind vier Stalking-Fälle. Es könnte aber durchaus noch mehr Betroffene geben. Ursprünglich war von mindestens zehn Opfern die Rede. Die Ermittler befürchten, dass sich weitere Betroffene nicht getraut haben, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. In den jetzt verhandelten Fällen leiden die Opfer immer noch unter den Nachstellungen. "Die nervliche Belastung war für alle enorm", sagt ein mit dem Fall vertrauter Beamter. Einige Betroffene hätten um ihr Leben gefürchtet.

Schüler im Visier des Stalkers

Eines der Opfer ist der damals 17 Jahre alte Schüler Hannes Giebel (Name von der Redaktion geändert). Auch er wurde vermutlich im Internet ausgespäht. Er erhielt von einem Fremden Nachrichten im Internet oder über das Telefon – teilweise im Sekundentakt. Hannes' Facebook-Account wurde gehackt und Verleumdungen und Drohungen darüber verbreitet.

Zettel mit einem Bild und Schriftzug hängt an einem Baum als Aushang
Mit einem Aushang wurde ein Bremer Schüler öffentlich geoutet.

Der junge Mann schätzt, dass er 2016 innerhalb eines halben Jahres mindestens 5.000 Mal von dem Unbekannten kontaktiert wurde, unter anderem mit Facebook-Postings, Whatsapp-Nachrichten oder Anrufen. Außerdem verteilte der Täter Bilder des Bremer Schülers in der Bremer Innenstadt, auf denen "Ich bin schwul" stand. Außerdem gab der Unbekannte bei einer Tageszeitung eine Todesanzeige mit dem Namen des Schülers auf und an dessen Schule ging ein Trauerkranz – ebenfalls mit seinem Namen – ein.

Er hat mich eingeschränkt in meinem Leben. Weil man die ganze Zeit immer das Gefühl hatte, dass man beobachtet wird – und dass immer jemand da ist und dich kontrolliert und bewusst versucht, dich fertig zu machen.

Stalking-Opfer Hannes Giebel (Name von der Redaktion geändert)

Aufwändiges Verfahren

Auf das Bremer Amtsgericht kommt eine Menge Arbeit zu. Insgesamt zwölf Prozesstage sind zunächst angesetzt. Ob das ausreicht, muss sich zeigen. Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig. Ein halbes Jahr hatte es gedauert, bis festgestellt wurde, wer vermutlich hinter den Attacken steckt. Ein Privatdetektiv half damals, die Spuren im Internet zu verfolgen. Danach dauerte es aufgrund der langwierigen Ermittlungen noch einmal zwei Jahre, bis Anklage erhoben werden konnte.

In dem Verfahren wird auch Hannes zu Wort kommen. Er hofft, dass der Prozess ihm hilft, die Geschehnisse zu verarbeiten. Das hatte er bereits bei der Anklageerhebung im Sommer 2018 erklärt.

Es ist für mich zufriedenstellend. Es ist ein guter Anfang.

Stalking-Opfer Hannes Giebel (Name von der Redaktion geändert)

Autor

  • Daniel Hoffmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 15. Januar 2020, 9 Uhr