Interview

Freiwillig gefangen im Eis: "Wir sind in den Händen der Natur"

Das Bremerhavener Forschungsschiff "Polarstern" hat erfolgreich an einer Eisscholle angedockt. Der Leiter der Expedition spricht über dünnes Eis, Heimweh und die lange Polarnacht.

Zwei Eisbrecher liegen nebeneinander zwischen Eisschollen im Meer.
Das Forschungsschiff "Polarstern" (links) und ihr russisches Begleitschiff "Akademik Fedorov" auf der Suche nach einer geeigneten Eisscholle zum Andocken. Bild: Alfred-Wegener-Institut | Esther Horvath

Ende September ist das Forschungsschiff "Polarstern" ins Nordpolarmeer aufgebrochen, wo sich die internationale Crew für ein Jahr einfrieren und mit einer Eisscholle durch die Zentralarktis treiben lassen will. Der Leiter der "Mosaic"-Expedition, Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, spricht über die schwierige Suche nach einer geeigneten Scholle, Heimweh und die endlos scheinende Dunkelheit der Polarnacht.

Die ersten beiden Wochen der Mosaic-Expedition sind um, wie läuft es bisher?
Es läuft alles sehr gut. Wir sind nach mehreren Tagen Fahrt durch offenes Wasser und Eis angekommen. Wir haben hier dünnes Eis vorgefunden, wie es nach dem sehr warmen Sommer in diesem Jahr zu erwarten war. In der Arktis gab es eine große Hitzewelle. Das hat Spuren im Eis hinterlassen, es ist dünn und porös.
Ein Mann steht auf der Brücke des Forschungsschiffes "Polarstern".
Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven leitet die internationale "Mosaic"-Expedition auf der Polarstern.
Wie wurde die geeignete Eisscholle ausgewählt?
Wir haben uns in den letzten Tagen zusammen mit unserem russischen Begleitschiff "Akademik Fedorov" einen guten Überblick verschafft, welche Eisschollen hier im Moment existieren. Zu vielen dieser Schollen sind wir mit Helikoptern hingeflogen, um sie ganz genau in Augenschein zu nehmen. Die ausgewählte Scholle muss ganz viele Eigenschaften haben. Wir brauchen eine stabile Oberfläche, wo wir die "Polarstern" anbringen können, damit wir keine Bewegung zwischen Eis und Schiff haben – und außerdem für die Infrastruktur unserer kleinen Forschungsstadt, die wir errichten möchten. Die Scholle braucht viele verschiedene Eisbedingungen, damit wir die ganze Bandbreite der Forschung machen können. Und sie muss vor allem in die richtige Richtung driften, damit wir mit diesem Transpolardrift von Sibirien über den Nordpol nach einem Jahr zwischen Grönland und Spitzbergen wieder herauskommen. Das ist die wichtigste Entscheidung der Expedition. Danach sind wir in den Händen der Natur: Dann driften wir wohin uns Wind und Eis tragen.
Eine Karte des Nordpols
Eine Karte des AWI zeigt die aktuelle Position der "Polarstern". Bild: AWI
Wie ist die Stimmung an Bord, merkt man schon ein bisschen Heimweh bei dem ein oder anderen?
Die Stimmung ist enthusiastisch und ausgezeichnet. Wir freuen uns natürlich alle wahnsinnig darauf, dass wir mit der Hauptphase der Expedition anfangen und uns vom Eis einschließen lassen. Dann können wir unsere wissenschaftliche Ausrüstung mit all den Instrumenten ausbringen, um die Messung zu machen, die wir alle so dringend benötigen. Von Heimweh ist nicht wirklich die Spur. Natürlich vermisst man schon mal seine Familie und Freunde zuhause. Aber wir haben viele, viele Monate vor uns. Zurzeit haben wir sogar noch etwas Tageslicht, am Freitag wird das letzte Mal die Sonne über den Horizont kommen, danach verabschiedet sie sich für viele Monate. Es wird stockduster werden. Die Zeiten, wo wird dann vielleicht auch noch etwas mehr Heimweh bekommen, die liegen glaube ich noch vor uns.
Gab es denn schon Probleme?
Diese Expedition ist geprägt davon, dass sie von ganz vielen Unwägbarkeiten begleitet ist. Da gibt es vieles, was nicht planbar ist. Wir wussten vor unserer Ankunft nicht, wie die Eisbedingungen sind. Deswegen kämpfen wir jeden Tag gegen viele Probleme, die wir bisher alle gut haben lösen können. Und das zeigt auch, wie gut das Team hier funktioniert, dass es mit allen Problemen, die natürlich bei so einem enorm komplexen logistischen Aufwand jeden Tag aufkommen, umgehen und flexibel auf alle Situationen reagieren kann. Natürlich haben wir ständig gegen ungeplantes anzukämpfen und müssen neue Lösungen finden. Aber das gelingt uns sehr gut. Das macht mich sehr froh und optimistisch für die nächsten Monate.

Autoren

  • Patrick Florenkowsky
  • Joschka Schmitt

Dieses Thema im Programm: Nachrichten, Bremen Eins, 4. Oktober 2019, 13:00 Uhr