In Bremen und Bremerhaven fehlen Pflegefamilien

Sie haben Schlimmes erlebt oder ihre Eltern wollten sie erst gar nicht. Für diese Kinder gibt es eigentlich Pflegefamilien, aber im Land Bremen sind es zu wenige.

Eine Frau hält ein Mädchen an der Hand.
Nicht für alle Kinder gibt es in Bremen und Bremerhaven passende Pflegefamilien. Einige landen in Notunterkünften oder Heimen. Bild: DPA | Silvia Marks

"Beide Hände an den Teller und dann raus tragen an deinen Platz", ruft Ute Woischneck ihrer Tochter zu. Das Abendessen gibt es heute im Garten, so wie immer im Sommer bei gutem Wetter. Das hat bei Familie Woischneck Tradition.

Das kleine Mädchen, das jetzt vorsichtig seinen Teller in den Garten trägt, ist nicht Ute Woischnecks leibliches Kind. Die Bremerhavenerin und ihr Ehemann Thorsten haben sich vor siebzehn Jahren dazu entschieden, Pflegekinder in ihre Familie aufzunehmen.

Ute Woischneck, ihr Mann Thorsten und Sohn Pitt sitzen am Tisch im Garten.
Ute und Thorsten Woischneck nehmen regelmäßig Pflegekinder auf. Ihr Sohn Pitt kennt das nicht anders.

Von Pflegefamilien wie den Woischnecks gibt es sowohl in Bremerhaven als auch in Bremen zu wenige. "Wir suchen ständig", sagt Eva Rhode von der gemeinnützigen GmbH "Pflegekinder in Bremen" (PiB), die in der Stadt Bremen für Pflegekinder zuständig ist. "Und das war eigentlich schon immer so." 606 Kinder und Jugendliche lebten in Bremen zum Jahresende 2018 in 472 Pflegefamilien. 68 Kinder und Jugendliche wurden im vergangenen Jahr von der PiB in eine Pflegefamilie vermittelt, für mehr als zehn Kinder sucht die PiB aktuell noch eine passende Familie. In Bremerhaven sind zurzeit 380 Kinder in Pflegefamilien untergebracht. Für vier oder fünf Kinder fehlt derzeit eine geeignete Familie, sagt Frank Hoffmann, Leiter des Amtes für Jugend, Familie und Frauen/Familienrecht in Bremerhaven. Die Kinder kommen in Notunterkünfte oder Heime. Aber das sind Übergangslösungen, sagt Hoffmann. "Das Beste ist für die meisten Kinder eine Familie."

Aber die zu finden, ist nicht immer so leicht. "Das Kind, die Familie, die Lebensumstände, und in vielen Fällen auch die Eltern des Kindes, müssen zusammenpassen", erklärt Eva Rhode. Einige Familien möchten etwa nur junge Kinder aufnehmen. Eine besondere Herausforderung sei es, Geschwisterkinder und Kinder mit Behinderungen oder Entwicklungsverzögerungen zu vermitteln.

Je mehr Familien wir im Wartebereich haben, desto schneller können wir vermitteln. Im Interesse des Kindes sollte das schnell gehen.

Eva Rhode, Pressesprecherin "Pflegekinder in Bremen"

Eine Familie auf Zeit

Zur Familie Woischneck gehören aktuell neben Mutter Ute und Vater Thorsten auch die leiblichen Söhne Pitt und Theo sowie drei Töchter. Eine davon ist die heute 17-jährige Soraya. Als sie nur elf Tage nach ihrer Geburt in die Familie kam, war relativ sicher, dass sie vermutlich auch bleiben wird. Ihre Pflegeeltern haben sogar die Vormundschaft für sie. "Ich habe nur diese Familie", sagt Soraya. Von ihren leiblichen Eltern weiß sie nicht viel. Es gab einen kurzen Briefkontakt mit ihrer Mutter. "Ich weiß zwar, dass sie meine Mutter ist. Aber irgendwie ist sie auch immer noch eine Fremde. Ich kenne sie ja nicht, deshalb könnte ich mir auch nicht vorstellen, bei ihr zu leben", sagt die 17-Jährige.

Für die beiden anderen Mädchen, die anonym bleiben, um sie zu schützen, sind die Woischnecks eine Familie auf Zeit. Wahrscheinlich wohnen sie bald wieder bei ihren leiblichen Eltern. Ute und Thorsten Woischneck hatten in den vergangenen Jahren schon sechs Kinder in Dauerpflege, das bedeutet, dass die Kinder für mehr als sechs Wochen bei ihnen lebten. Aber eben nicht für immer. Irgendwann heißt es meistens Abschied nehmen.

Es ist schmerzhaft, wenn ein Kind so lange hier war, weil man natürlich eine Bindung eingeht. Das kann man nicht verhindern. Die sind ja hier ganz im Familienleben integriert. Aber es wirft uns nicht aus der Bahn. Und das, was wir den Kindern mitgeben können, was sie hier erleben dürfen, das kann ihnen keiner mehr nehmen: Liebe, Vertrauen, Zuverlässigkeit, regelmäßig essen, gesundheitliche Versorgung. Ich hoffe, dass das denen einen kleinen Start gibt, den sie dann irgendwann nutzen können.

Ute Woischneck, Pflegemutter

Jedes Kind bringt eine eigene Geschichte mit

Etwa ein Jahr dauert es, bis sich ein neues Familienmitglied eingelebt hat, schätzt Thorsten Woischneck. Pflegekinder bringen immer schon eine eigene Geschichte mit, sagt er, vielleicht schlimme Erfahrungen. "Man versucht ja immer, viel vorauszusehen, was passiert, wenn man Kinder erzieht. Oder man kann viel voraussehen. Aber bei Pflegekindern ist es eben oft, dass da Sachen auftauchen, wo man überhaupt gar nicht dran denkt, dass das jetzt so eine Wirkung haben könnte.“ Auch schöne Erlebnisse können dann unerwartete Reaktionen auslösen: Mit einem Kind, dass nur schwer Vertrauen fassen konnte, ist die Familie ans Meer gefahren und barfuß durch das seichte Wasser gelaufen. "Das hat so einen bleibenden Eindruck hinterlassen, dass das Kind hinterher ein Jahr lang nicht mehr ins Wasser gegangen ist", erzählt Thorsten Woischneck.

Dennoch kann er sich sein Leben gar nicht mehr anders vorstellen, sagt der Pflegevater: "Wenn man das dann schafft, an diesem Panzer zu kratzen, und da so langsam Vertrauen aufzubauen, und sieht sie dann so wie jetzt, dass sie herumtoben und Spaß haben, da geht einem das Herz auf!“

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Autoren

  • Dörthe Schmidt
  • Sonja Harbers

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Vormittag, 27. Juni 2019, 11.30 Uhr